Vertragsverlängerung

Eine Ehrenrunde für Barenboim

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Volker Blech
Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatskapelle Berlin und der Berliner Staatsoper, während der Pressekonferenz in der Staatsoper.

Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatskapelle Berlin und der Berliner Staatsoper, während der Pressekonferenz in der Staatsoper.

Foto: Annette Riedl / dpa

Trotz der Vorwürfe gegen seinen Führungsstil ist der Vertrag von Stardirigent Daniel Barenboim um fünf weitere Jahre verlängert worden

Daniel Barenboims Chefvertrag wird um weitere fünf Jahre bis 2027 verlängert. Allein um diese Mitteilung ging es bei der Pressekonferenz „zur Zukunft der Staatskapelle und der Staatsoper Unter den Linden“, zu der Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) am Dienstag in den Apollo-Saal der Staatsoper eingeladen hat. Neben Daniel Barenboim sind auch Intendant Matthias Schulz und die Orchestervorstände Susanne Schergaut und Volker Sprenger zugegen.

Klaus Lederer erklärt zunächst, er habe mit vielen Beteiligten, auch vielen Musikern der Staatskapelle gesprochen. Auch hätte er mehrere intensive und vertrauensvolle Gespräche mit Daniel Barenboim gehabt. Sein Fazit: Barenboim ist ein Ausnahmekünstler, der der Stadt guttut. Der Vertragsverlängerung steht nichts im Wege, so Lederer, „so lange die Beteiligten miteinander wollen“. Staatsopern-Intendant Matthias Schulz sagt zu der Entscheidung: „Berlin hat sich damit bewusst gemacht, was es an Daniel Barenboim hat.“

Der Vorwurf einer „Atmosphäre der Angst“

Überschattet waren die Vertragsgespräche durch Vorwürfe gegen den Orchesterchef Daniel Barenboim wegen seines launigen, ja harschen Umgangstons mit den Musikern. Im Februar waren einige frühere Mitstreiter an die Öffentlichkeit gegangen, um über die Atmosphäre der Angst in der Staatskapelle zu berichten. Ernst-Wilhelm Hilgers, Solopauker der Bayerischen Staatsoper, der bis 2013 in Barenboims Staatskapelle spielte, machte etwa seine gesundheitlichen Folgeschäden wie Depressionen und Bluthochdruck öffentlich.

Lederer und Schulz versichern, den Vorwürfen im Opernhaus nachgegangen zu sein. Keiner der Vorwürfe hätte sich erhärtet, sagt Lederer. Es gäbe keine justiziablen Vorgänge. Der Orchestervorstand der Staatskapelle hatte sich gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe hinter seinen Chefdirigenten gestellt. Susanne Schergaut erklärt am Dienstag, dass es bei einem leidenschaftlichen und einfordernden Probenprozess immer zu Kontroversen kommt. Aber der künstlerische Anspruch stehe im Mittelpunkt. „Die Gespräche sind intensiver und offener geworden“, sagt die Geigerin über erste Veränderungen im Umgang miteinander. Mit einer gewissen Schärfe fügt sie noch hinzu: „Wir möchten uns unser Verhältnis zum Chef nicht von außen erklären lassen.“

Seit 1992 ist Daniel Barenboim Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden. Die Staatskapelle hatte ihn im Jahr 2000 zum Chefdirigenten auf Lebenszeit ernannt. Er habe „sich unglaublich geehrt gefühlt“, erinnert sich Barenboim am Dienstag im Apollo-Saal. „Ich weiß nicht, ob sie damals wussten, dass es so lange dauert“, fügt er hinzu. Er hat sich also seinen Humor bewahrt. „Ich habe nie über mein Alter gelogen“, sagt er und betont, in diesem Jahr seinen 77. Geburtstag zu feiern. „Ich fühle mich sehr wohl.“

Daniel Barenboim wird am Ende des neu verkündeten Vertragsendes 2027 bereits ein Mittachtziger sein. Selbst für Dirigenten, die länger im Beruf bleiben können als andere, ist das ein ungewöhnliches Alter. Als Generalmusikdirektor eines der größten Opernhäuser setzt Barenboim damit weltweit neue Maßstäbe.

„Ich werde so lange bleiben, wie es mir meine Kräfte erlauben“, sagt er am Dienstag. „Wenn meine Kräfte nachlassen, werde ich sofort gehen.“ Er wolle keine Rarität sein. Es sei eine Frage der Loyalität gegenüber dem Orchester. Das solle auch seinen Nachfolger wählen. „Wenn das Orchester meinen Rat haben will“, werde er ihn geben. Aber die Entscheidung müsse beim Orchester bleiben. Und so ist erstmals beiläufig von einem Nachfolger für Barenboim und dem Ende einer großen Ära die Rede.

Personalien rund um Barenboim finden in der Musikwelt immer große Beachtung. Zuletzt hatte die Berliner Senatskanzlei im Juli 2011 mitgeteilt, dass Barenboim seinen Vertrag für weitere zehn Jahre bis Ende Juli 2022 verlängert habe. Das war damals eine ungewöhnlich lange Laufzeit. Man wollte den Weltstar unbedingt in der Stadt halten. Der Lebenszeit-Titel des Orchesters ist zunächst nur ein künstlerisches Bekenntnis, wenngleich ein wichtiges. Der Pianist und Dirigent Barenboim hatte nach der deutschen Wiedervereinigung die Staatsoper Unter den Linden auf Weltniveau gehoben. Auf der Rückseite des Opernhauses siedelte er seine Barenboim-Said Akademie an, an der junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern gemeinsam ausgebildet werden. In der Musikhochschule gibt es seit 2017 mit dem von Stararchitekt Frank Gehry entworfenen Boulez-Saal einen neuen Kammermusiksaal, der mit einem exklusiven Konzertprogramm bespielt wird.

Wie er seine Umgangsform mit den Musikern verändern wolle, wurde er am Dienstag noch gefragt. „Das sage ich dem Orchester“, entgegnet Barenboim. Nach nur zwanzig Minuten ist die Pressekonferenz beendet.