Premiere

„Rigoletto“ an der Staatsoper: Es wird zu wenig geschmachtet

| Lesedauer: 5 Minuten
Volker Blech
Linkerhand singt Gilda (Nadine Sierra) ihrer Liebe nach, derweil sammeln sich die höfischen Entführer in Verdis „Rigoletto“ an der Staatsoper.

Linkerhand singt Gilda (Nadine Sierra) ihrer Liebe nach, derweil sammeln sich die höfischen Entführer in Verdis „Rigoletto“ an der Staatsoper.

Foto: Brinkhoff/Mögenburg

Schön, perfekt und bieder: Regisseur Bartlett Sher verlegt an der Staatsoper Verdis „Rigoletto“ in die Weimarer Republik.

In einer düsteren Ecke der Stadt findet im zweiten Akt eine irritierende Szene dieser Verdi-Premiere an der Staatsoper statt. Der Auftragsmörder Sparafucile ist dem Hofnarren Rigoletto gefolgt, um ihm seine Dienste anzubieten. Es folgt das Parlando zweier böser Männer, eine Art Beratungsgespräch. Rigoletto schlussfolgert, der eine mordet mit dem Messer, der andere mit Worten. Aber das Gleichmacherische bleibt ein musikalischer Trugschluss. Der Bass des Mörders hat eigentlich alles in die Tiefe zu ziehen, wohin ihm der bucklige Narr noch nicht bereit ist zu folgen. Allerdings trifft in der Premiere ein Biedermann namens Sparafucile, dem Jan Martinik seinen hellen Charakterbass leiht, auf den dunkel-mächtigen Heldenbariton von Christopher Maltman. Dem Bösen gehen im Stück etwas die Abstufungen verloren.

Falls Regisseur Bartlett Sher vorhatte, die Abgründe einer Feudalgesellschaft zwischen Reich, Arm und ganz unten nachzuzeichnen, dann wäre das allein an der charismatischen Stimm- und Gestaltungsmacht Maltmans gescheitert. Sein Rigoletto ist gleichermaßen besessen als Täter, Beschützer und Opfer. Der britische Sänger sieht sich am Ende gefeiert. Aber der New Yorker Regisseur hatte sowieso anderes im Sinn, als er sich von Michael Yeargan eine raffinierte wie belanglose Opernbühne bauen ließ. Umhüllt ist das Geschehen vom Palast des Herzogs mit Säulen und Bildmotiven von Georg Grosz. Von links wird die adrette zweistöckige Puppenstube von Rigolettos Tochter Gilda rein- und rausgeschoben, von rechts Sparafuciles verwinkelte Spelunke, die auch etwas Anheimelndes hat. Das Bühnenbild will nichts provozieren, sondern zuerst dem Auge schmeicheln.

Der Herzog hat keinen Degen, sondern eine Pistole bei sich

Wahrscheinlich ist das ein fauler Kompromiss des transatlantischen Bündnisses, das hinter der Koproduktion an der

Staatsoper Unter den Linden steht. Der Berliner Premiere folgt die an der New Yorker Met. Zwischen den Opernhäusern liegen ästhetische Welten im Verständnis des italienischen Schönsingens und tiefe Gräben, wenn es um die Sinnsuche des Regietheaters geht. Der in Oper und am Broadway geschulte Bartlett Sher hat das Stück aus dem Mantua des 16. Jahrhundert in die späte Weimarer Republik verlegt. Der Berliner Maler George Grosz, der 1933 in die USA emigriert war, liefert das Dekadente dieser Jahre bildhaft zu. Es bleibt reine Dekoration, die wohl eher das amerikanische Publikum ansprechen wird. Was ist noch deutbar? Höflinge tragen lange schwarze Mäntel. Und als Sparafuciles Lockvogel-Schwester Maddalena, die Elena Maximova wunderbar irrlichternd singt, den Degen des Herzogs entwenden soll, kommt sie mit einer Pistole wieder.

Verdi wollte verhindern, dass die Kanzone „La donna è mobile“ noch vor der Uraufführung 1851 zum Gassenhauer wird. Der Komponist nahm seinem Tenor Mirate das Ehrenwort für die Geheimhaltung ab. Das waren noch Probleme, aber die Kanzone ist bis heute ein der größten Verdi-Hits. Tenöre haben einen Bonus beim Publikum. Michael Fabiano macht als Herzog an diesem Abend eigentlich alles richtig. Sein lyrischer Tenor hat die nötige Leichtigkeit, Sicherheit und vor allem Fülle, womit er sich selbstlos bis an die Grenze einbringt. Es ist immerhin sein Debüt an der Staatsoper. Und dennoch überraschen ihn im zweiten Akt einige Buhs auf offener Bühne. Der Amerikaner steht für das, was diesen ganzen Opernabend prägt: Alles ist schön, perfektionistisch und bieder verklärt. Fabianos Herzog bleibt dem Publikum die Erklärung schuldig, warum sich die Frauen ihm reihenweise hingeben und Gilda sich am Ende an seiner Stelle ermorden lässt. Die italienische Singverführung, das Schmachten und sexuelle Begehren, findet in dieser Produktion nicht statt.

Gilda bleibt das unschuldige Mädchen bis zum Ende

Die vom Vater vor der Hofwelt weggesperrte Gilda erlebt mit dem Herzog ihre erotische Erweckung, aber sie bleibt das brave, unschuldige Mädchen bis zum tragischen Ende. Die amerikanische Koloratursopranistin Nadine Sierra hängt unbeeindruckt von allen Gefühlsverwirrungen ihre glasklaren Girlanden auf und lässt ihre Spitzentöne glänzen. Ihre Duette mit dem Vater sind innig. Nadine Sierra sieht sich bejubelt. Überhaupt kann sich das Publikum den oftmals an der Rampe singenden Solisten hingeben. Die Staatskapelle unter Leitung von Andrés Orozco-Estrada nimmt sich im Atemfluss weit zurück, lässt Solisten und Chor den Vortritt. Insgesamt hätte ein bisschen mehr Verdi-Ufftata dem Abend gut getan. Der Schlussbeifall ist überaus freundlich, aber kurz.