Jubiläum

Höhen und Tiefen eines Weltstars: Helmut Berger wird 75

Er war Kultstar und Jet-Set-Hätschelkind, Sexsymbol und Skandalnudel zugleich. Doch heute lebt Helmut Berger einsam und verbittert.

Der schönste Mann der Welt“: Helmut Berger 1972 bei einer Privataudienz in seiner Wohnung in Rom.

Der schönste Mann der Welt“: Helmut Berger 1972 bei einer Privataudienz in seiner Wohnung in Rom.

Foto: picture alliance / kpa

Berlin. Erst im vergangenen Jahr feierte Helmut Berger, mit 73, sein spätes Theaterdebüt. In Berlin, auch wenn ihn mit der Stadt sonst nicht viel verbindet. Aber Chris Dercon hatte ihn eingeladen. Der wollte die Volksbühne zu einer Schaubude der Attraktionen machen, der Weltstar sollte eine davon sein. Und alle kamen voller Neugier.

Aber nicht wegen des Stücks „Liberté“. Sondern weil sie wissen wollten, ob der Schauspieler durchhalten, ob er sich nicht mit allen Beteiligten überwerfen und hinschmeißen würde. Wer auf den Skandal hoffte, wurde enttäuscht. Berger machte einen eher traurigen, zerbrechlichen Eindruck. Dass das Stück nach wenigen Aufführungen abgesetzt wurde, lag indes nicht an ihm, sondern an Dercons glückloser Intendanz.

Am heutigen Mittwoch wird Helmut Berger 75 Jahre alt. Was, erst?, mag sich mancher fragen. Denn er sieht, pardon, älter aus. Er hat das Leben in allen Zügen genossen, das blieb nicht ohne Spuren.

Es mag heute als Ironie erscheinen, dass er, der einst als „schönster Mann der Welt“ bezeichnet wurde, im Film einmal Dorian Gray gespielt hat, die Oscar-Wilde-Figur, die ein Bildnis an seiner Statt altern lässt und ewig jung bleibt. Aber Bergers Leben umkreist eine große Tragik.

Helmut Zander: Skandale pflasterten seinen Weg

Kein Geringerer als Luchino Visconti, der italienische Fürst des Kinos, hat sein schauspielerisches Talent früh erkannt. Er nahm den blutjungen Österreicher, der sich damals noch Helmut Steinberger nannte, zum Liebhaber. Was gleich zu Beginn für einen Skandal sorgte. Nicht nur wegen der offen ausgelebten schwulen Beziehung, auch wegen des immensen Altersunterschied. Visconti war 38 Jahre älter.

Dann ließ er ihn in einem Kurzfilm spielen und dann in „Die Verdammten“, seiner stilprägenden Nazidämmerungs-Oper. Seinen ersten großen Auftritt im Weltkino hatte Berger da als Marlene-Dietrich-Imitation, als Transvestit. Noch ein Skandal. Und schließlich schenkte Visconti seiner Entdeckung seine wichtigste Rolle in „Ludwig II.“, wo der den Märchenkönig vom jungen Mann bis zum aufgedunsenen, desillusionierten Wrack spielte.

Nie durfte Berger mehr Nuancen zeigen als hier. Meist wurde er nur wegen seines Aussehens gecastet. Auch wegen seines schlechten Rufs. Der war auch kassenträchtig. Böse Zungen behaupteten gar, dieser Ruf sei sei „Kostüm“.

Ausschweifungen genüsslich ausgemalt

Denn mehr noch als die Kamera liebte Berger das Jet-Set-Leben. Als Hätschelkind der High Society. Und ewige Skandalnudel, die mal mit Rudolf Nurejew, mal mit Marisa Berenson schlief oder auch mal mit Mick und Bianca Jagger zusammen. Der mit Drogeneskapaden und anderen Ausschweifungen von sich reden machte und diese in seiner Autobiographie mit dem egomanischen Titel „Ich“ auch genüsslich ausmalte.

Etwa die, wie ihn die Fürstin Gracia Patricia bei einem Gala-Abend zum Tanz aufforderte, er aber nicht aufstehen konnte - weil er sich in seine Hose machte. Eine weiße, obendrein.

Und doch, obschon die Memoiren „Ich“ hießen, ging es doch nur um ein „Wir“. Berger teilte sein Leben in drei Abschnitte ein: die Zeit, die Zeit mit und die nach Visconti. Der Regisseur blieb, allen Unkenrufen zum Trotz, seine große Liebe, zwölf Jahre lang, bis zu dessen Tod im Jahr 1976. Berger sollte dessen Erbe sein, doch das wusste die italienische Adelsfamilie zu verhindern. Sie ließ das Testament verschwinden.

Die „Zeit danach“ hat Berger in seinen Memoiren im letzten Kapitel kurz zusammengefasst: „Mein Leben als Witwe“. Die Tragik seines Lebens bestand darin, dass niemand außer Visconti ihn als Schauspieler zu Höchstleistungen fordern konnte.

Die meisten besetzten ihn einzig wegen seines Namens. Und bald wurden die Rollen immer kleiner und unbedeutender.

Star-Allüren einer einsamen Seele

Das mag erklären, warum er so launisch, so verbittert ist. Auch wenn er sich zwischendurch immer wieder als Diva inszenierte, nicht zuletzt bei seinem bizarren Auftritt im Dschungelcamp 2013. Aber von irgendwas muss er ja auch leben.

Doch im Grunde ist er ein einsamer, vergessener Mensch. Das wurde nie so deutlich wie in Valesca Peters’ im März gestarteten Dokumentarfilm „Helmut Berger, meine Mutter und ich“: Ihrer Mutter tat der Star, der vereinsamt in Salzburg lebt, leid. Und lud ihn zu sich ein. Berger ist, wie der Film zeigt, auch wirklich gekommen und hat kurz eine seltsame bürgerliche Ersatz-Familie in Niedersachsen gefunden. Aber auch die war mit den Allüren des Alt-Stars schnell überfordert.