Konzert

Neue Musik über Warteschlangen in Telefon-Hotlines

Klangwelten hinter dem Telefongeklingel: Vladimir Jurowski dirigiert Brett Deans Stück „Vexations and Devotions“

Dirigent Vladimir Jurowski.

Dirigent Vladimir Jurowski.

Foto: Robert Niemeyer

Die Komposition des Australiers Brett Dean, die Vladimir Jurowski mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester in der Philharmonie aufführt, pflegt nicht eine „Abkehr der Gebildeten von Politik und Gesellschaft“, eine Haltung also, die in vielen Neue-Musik-Zirkeln der Gegenwart immer noch weithin üblich ist. Es geht nicht um alte Griechen oder mittelalterliche Sagen, sondern um Telefon-Warteschleifen. Durch die Kombination solcher Schreibtisch-Trivialitäten mit einem denkbar groß besetzten Orchester, dem nationalen Jugendchor von Australien und Mitgliedern des Rundfunkchores gerät Deans Stück „Vexations and Devotions“ in eine ästhetische Schräglage.

„Ihr Anliegen ist uns wichtig“

Dies ist vom langjährigen Bratschisten der Berliner Philharmoniker zweifellos so gewollt. Aber ist die Kritik kommerzieller Sprachlügen in unserer verwalteten Welt – „Ihr Anliegen ist uns wichtig“ und so weiter – tatsächlich zuende gedacht? Schließlich sieht Brett Dean die Erlösung von solchen Sprachlügen im alten romantischen Klangzauber. Wird da nicht eine neue alte heile Welt im abgeschlossenen Kosmos des Konzertsaal synthetisch heraufbeschworen? Wie auch immer: Brett Dean ist unbestritten der Herr seiner reichen Klangwelten, auch abseits des Telefongeklingels – beeindruckend ist zum Beispiel, welch absichtlich fahl dimmernden Klang er dem Kinderchor entlockt.

Zunächst erklingt im Konzert Josef Haydns „Abschiedssinfonie“ Fis-moll, eine klingende Infragestellung des Ancien Régime durch das aufstrebende Bürgertum. Durch das sukzessive Abgehen aller Musiker von der Bühne und die Ausdünnung der Musik im letzten Satz wies Haydn den Fürsten Esterházy gekonnt durch ein rein musikalisches Ereignis auf einen Machtmissbrauch hin. Jurowski betreibt keinen historisierenden Theater-Mummenschanz, wenn er die Szene im Finale mit dem – im Stehen spielenden – RSB nachstellt. Das historische Ereignis wirkt trotz des modernen Klanggewands packend und plausibel, und der traditionell dunkle Klang der RSB-Streicher wird zu einer unverwechselbaren Folie, vor dem sich die Szene abspielt.

Thomas Hampson bleibt der Star des Abends

Publikumsmagnet des Abends ist Thomas Hampson, zumal er mit fünf der „Sieben Lieder aus letzter Zeit“ von Gustav Mahler auftritt, welche den 64-Jährigen vor drei Dekaden weltberühmt machten. Hampson hat nichts an Wortverständlichkeit und kaum etwas an Durchschlagskraft eingebüßt, letztere sowie die dezente Begleitung von Jurowskis Orchester bilden die Basis für eine Vielfalt der Tonfälle, die den US-Bariton für junge Sänger zum Vorbild machen.