Goldene Palme

Das sind die Favoriten bei den Filmfestspielen in Cannes

Heute Abend wird die Entscheidung der Jury bekannt gegeben. Unter anderem konkurrieren Terrence Malick, Pedro Alomodóvar und Ken Loach

Sein Film „Dolor y Gloria“ schaffte es an die Spitze des Kritikerspiegels: Pedro Almodovar.

Sein Film „Dolor y Gloria“ schaffte es an die Spitze des Kritikerspiegels: Pedro Almodovar.

Foto: Arthur Mola / dpa

Satte 500 Persönlichkeiten aus dem Filmbusiness haben sich an dem Aufruf beteiligt. Prominente Namen wie Jacques Audiard, Stephen Frears, Wim Wenders und Susanne Bier gehören zu den Unterzeichnenden eines in Cannes vorgestellten Manifests mit einer klaren Aufforderung: Wählen gehen bei der Europawahl! Wenn die morgen stattfindet, ist die Wahl beim Cannes-Festival längst entschieden. Wahlberechtigt war aber in dem Fall nur ein erlesener Kreis: die Jury unter Vorsitz von Regisseur Alejandro González Iñárritu („The Revenant“). Darüber, wen sie heute Abend auszeichnet, gibt es natürlich keine verlässlichen Umfragen, sondern nur wilde Spekulationen.

Wackelndes Tanzfleisch junger Frauen

Ginge man bei diesem Ratespiel ausnahmsweise mal nach dem Ausschlussprinzip, stünde Abdellatif Kechiche mit weitem Abstand oben auf der Liste. Der Franzose, der für „Blau ist eine warme Farbe“ einst die Palme erhielt, sorgte mit „Mektoub, My Love: Intermezzo“ für den konkurrenzlosen Tiefpunkt des Festivals. Um Jugend, Sinnlichkeit, Freiheit geht es ihm damit womöglich – und doch zeigt er kaum mehr als wackelndes Tanzfleisch junger Frauen. Warum dieses inhaltslose, dreieinhalbstündige Werk, das mit notgeiler Fixierung auf weibliche Hinterteile voyeuristisch aus der Unterhose gefilmt wurde, in #MeToo-Zeiten in der Cannes-Konkurrenz gelandet ist? Noch dazu im Hinblick auf die Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe, die gegen Kechiche geäußert wurden?

Ganze vier Beiträge von Frauen

Zumindest was die Diskussion über die kaum vorhandene Präsenz von Regisseurinnen im Wettbewerb betraf, hatte sich Festivalleiter Thierry Frémaux dieses Mal etwas Luft verschafft. Immerhin vier Beiträge stammten von Frauen. Einen sehenswerten Akzent etwa setzte Mati Diop, die in „Atlantique“ von Flucht und sozialen Kontrasten im Senegal mit geisterhaftem Märchendreh erzählte. Wohl keine wird aber so heiß für einen Preis, wenn nicht die Goldene Palme, gehandelt wie Céline Sciamma für „Portrait de la jeune fille en feu“: eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Frauen im 18. Jahrhundert, die viele Kritiker mit ihrer feinsinnigen Beobachtung einnahm.

Pathos und Sozialdramen

Stärkste Konkurrenz kommt da ausgerechnet durch ein paar Altmeister: Terrence Malicks „A Hidden Life“ über den Wehrmachtsdienst-Verweigerer Franz Jägerstätter war mindestens sein bester Film seit dem Palmengewinner „The Tree of Life“ und gleichermaßen wuchtig, pathosgeladen, transzendental. Der doppelte Palmen-Gewinner Ken Loach legte hingegen mit „Sorry we missed you“ zwar das x-te Sozialdrama vor. Das war aber so engagiert, ergreifend gespielt und mit dem Herz am richtigen Fleck, dass es hoch in der Publikumsgunst lag – genauso wie Quentin Tarantinos fiebrig erwartetem „Once Upon A Time… In Hollywood“, einer revisionistischen Liebeserklärung ans Hollywood der 60er mit typischem Style und schillernder Coolness.

Ein starkes Comeback

Da all diese Veteranen mit mindestens einer Goldenen Palme versorgt sind, setzt die Jury womöglich lieber auf die jüngere Generation und neue Regietalente im Wettbewerb. Oder vielleicht doch auf den Koreaner Bong Joon-ho mit seinem hakenschlagenden Überraschungshit „Parasite“ oder den immer noch palmenlosen Maestro Pedro Alomodóvar? Sein autobiografisch gefärbtes Meisterwerk „Dolor y Gloria“ setzte sich früh an der Spitze des Kritikerspiegels fest.

Auszeichnungswürdige Filme gab es auf jeden Fall viele auf dem 72. Festival, das nebenbei für reichlich Spektakel und Glamourschübe sorgte. Strauchelte Cannes zuletzt mit weniger Star-Strahlkraft und schwächelnder Wettbewerbsauswahl, folgte dieses Mal das starke Comeback.