Konzert in Berlin

Seemannslieder, die sich nach Kreuzberg verlaufen haben

Element of Crime feiern im Tempodom verläßlich die Melancholie - und das Publikum schunkelt verzückt.

Diese mit jeder Minute rauer werdende Stimme: Sänger Sven Regener auf der Bühne (Archivbild).

Diese mit jeder Minute rauer werdende Stimme: Sänger Sven Regener auf der Bühne (Archivbild).

Foto: Eventpress Hoensch / picture alliance / Eventpress Hoensch

Berlin. Es ist fast 23 Uhr. Endlich schmeißt jemand die Discokugel an. Element of Crime sind seit über zwei Stunden im Einsatz. Sie sind angekommen bei einer Berlin-Hymne, die einem in ihrer Mauligkeit tatsächlich Rührungstränen in die Augen treibt: „Ob du deine Currywurst / mit oder ohne Darm isst / Ob reich du, oder arm bist / Da guckt kein Schwein genauer hin / Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Das klingt, wie immer beim zugezogenen Bremer Sven Regener, eher wie ein Seemannslied, das sich nach Kreuzberg verlaufen hat. Doch das stört an diesem Abend im ausverkauften Tempodrom niemanden.

Im Gegenteil: Die mit Akkordeon verfeinerte Hassliebe, die Regener und Band auf ihrem aktuellen Album „Schafe, Monster und Mäuse“ zelebrieren, kann so abgehangen und ergriffen zugleich vielleicht nur von jemandem kommen, der auch nach Jahren noch mit einem Auge von außen auf diese Stadt schielt. Der es sogar hinkriegt, dass man sich Partys am Schlesischen Tor wieder als etwas Verheißungsvolles vorstellen darf, nicht nur als Touristenterror.

Ein Konzert von Element of Crime hat, schaut man sich um, für die meisten Anwesenden etwas Nostalgisches. Die Musik klingt seit zehn Alben ungefähr gleich: ein bisschen Chanson, ein bisschen Rock, eine Menge Hafenkneipe. Regener humpelt im schwarzen Anzug über die Bühne, stampft herum wie Rumpelstilzchen, rudert komplett uncool mit den Armen. Alles wie immer. Und auch wie immer würde man diesen in Würde ergrauenden Herren lieber in irgendeiner Kaschemme zuhören, bei einer Flasche Rotwein.

Ja, der Autor dieser Zeilen hat Element of Crime noch im alten Tempodrom spielen gehört, als es ein echtes Zirkuszelt war, kein Fake aus Beton. Fast 30 Jahre ist das her. Vielleicht liegt es also bloß an ihm, dass die alten Songs heute noch die besten sind. „Weißes Papier“ oder „Schwere See“ erscheinen wie Blaupausen zu allem, was man bei diesem ersten von drei Berlin-Konzerten zu hören bekommt. Diese verspulte Melancholie. Diese mit jeder Minute rauer werdende Stimme. Aber vor allem: diese Texte, zwischen Straßenszenen, Rollenspiel und Romantikattacken.

Im Publikum wird zaghaft geschunkelt

Doch auch die Stücke der letzten Alben klingen live intensiver: vom Westernhagen-haften Stampfer „Immer da wo du bist bin ich nie“ über „Bevor ich dich traf“, eine Etüde in Bildlichkeit, bis zu „Im Prinzenbad allein“, einem Gegensong zu Rudi Carells „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ – bis in den Refrainaufschwung hinein in 70er-Jahre-Schwoof gebadet. Sogar zu einer Bierzeltpolka wie „Immer noch Liebe in mir“ (ist das noch Ironie oder doch schon Schlager?) kommt der Text, sie zu retten: „Jetzt bloß nicht weinen, da kommt doch bloß Wasser“. Dass im Publikum zaghaft geschunkelt wird, kann er nicht verhindern. Aber selbst schuld, liebe Band.

Die reißt das Ganze stehenden Fußes wieder raus: „Gewitter“, ein langer Abgesang auf Stadt und Umland, steckt ganz konkret im Heute und ist trotzdem zeitlos, mit Jacques-Brel-Refrain und Neil-Young-Gitarrensolo: „Zieht die Schuhe aus / und setzt euch stolz ins grüne Gras“, raunt Regener, „auf des Zaunes andrer Seite / und erhebt ein letztes Glas / auf die gute alte Zeit / denn die ist jetzt vorbei“.

Das Berlin, das Sven Regener auch in seinen Herr-Lehmann-Romanen verewigt hat, verschwindet, und er guckt ihm dabei zu: „Schön ist das nicht, doch es hilft dir / das Ende der Dinge zu spührn / und doch daran nicht zu verzweifeln“. Das könnte ein Credo von Element of Crime sein. Es gibt ja weiterhin genug zu tun: „Ich geh noch einmal den Kurfürstendamm entlang / Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“. Solche Zeile soll Sven Regener bitte noch sehr lange singen.