Letzter Vorhang

Altstar Mario Adorf sagt zum Abschied leise Servus

Auch mit 88 glänzt der Altstar noch mit Charisma. Und zieht in seinem letzten Bühnenprogramm „Zugabe“ eine Bilanz seiner Karriere.

Ein letztes Mal ist relativ: Der 88-jährige Mario Adorf zu Gast im Berliner Admiralspalast.

Ein letztes Mal ist relativ: Der 88-jährige Mario Adorf zu Gast im Berliner Admiralspalast.

Foto: Sven-Sebastian Sajakvia / imago images

Mario Adorf glaubt, jeder Mensch ist ein geborener Schauspieler. Er muss es wissen. Schließlich ist er doch seit Jahrzehnten einer der profiliertesten deutschen Darsteller auf der Bühne wie im Film und im Fernsehen. Für ihn ist klar: Jeder lernt von Geburt an Sprechen, Gestikulieren, Lachen und Lügen. Also schlussfolgert er: „Schauspiel ist keine Gabe, sondern eine grundsätzliche Tätigkeit.“

Und er schickt gleich ein anschauliches Beispiel hinterher. Beim Fußball könne man beim Foulspiel immer wieder theatralische Darbietungen erleben. Bei Handballspielern käme so etwas nie vor. „Die stehen einfach auf und spielen weiter“, konstatiert Adorf und hat damit die Lacher auf seiner Seite.

Etwas Schönes obendrauf, bevor man geht

Wieder einmal an diesem überaus heiteren Abend, der das Wort „Abschied“ elegant umgeht, um ja keine Wehmut aufkommen zu lassen. Daher hat Mario Adorf sein letztes Bühnenprogramm auch „Zugabe!“ genannt. Wie auch sein aktuelles Buch, eine ungewöhnliche Biographie des Schauspielstars. Zugabe bedeutet schließlich noch etwas Schönes obendrauf, bevor man Adieu sagt.

Dass es sich dennoch um einen Abschied handelt, daran lässt das Eröffnungschanson beim Gastspiel im ausverkauften Admiralspalast keinen Zweifel. Begleitet von Klavier und Kontrabass singt Mario Adorf „Alpenglühn“. Der von ihm verehrte Georg Kreisler verpackt darin äußerst witzig vielerlei Varianten vom „letzten Mal“.

Das treibt auch Mario Adorf um, ist der Grandseigneur doch mittlerweile 88 Jahre alt. Er weiß nie, wann er etwas zum letzen Mal macht, erlebt oder sieht. Mario Adorf zieht deshalb persönlich Bilanz an diesem Abend.

Launiges Plaudern über die schönsten Stationen

Vor allem mit einem Blick auf seine lange Karriere. Dabei interessiert ihn der Glamour der Film- und Fernsehbranche mitnichten. Adorf plaudert lieber so launig wie charmant über die wichtigsten und schönsten Stationen aus seinem Künstlerleben.

Mehr zum Thema: Ein Interview mit Mario Adorf

So verrät der prominente Mime, wie er durch Zufall zum Beruf kam. Als er, der Junge aus einem Eifeldorf, an der renommierten Münchner Otto Falckenberg Schule vorbeikam, hat er einfach mal vorgesprochen. In der Rolle des jungen Helden, ganz klar. Dass er dabei von der Bühne fiel, war zugegeben ein Desaster. Genommen wurde er trotzdem, weil der Intendant fand, Adorf besäße Kraft und Naivität. Zwei Attribute, die wahrlich nicht zwingend sind für einen Schauspieler.

Entschuldigung für seine größte Rolle

Es war dennoch der Startschuss einer facettenreichen Laufbahn. Der Durchbruch folgte 1957 als psychopathischer Massenmörder Bruno Lüdke in Robert Siodmaks Krimi „Nachts, wenn der Teufel kam“. Eine Rolle, für die sich der Charakterdarsteller heute entschuldigt. Denn unlängst stellte sich heraus, dass der reale Lüdke ein Opfer der Nazis war und ihm die Morde untergeschoben wurden.

Im Laufe seines Lebens hat Adorf über 200 Rollen verkörpert. Man kennt ihn als Bandit Santer aus „Winnetou I“, als „Schattenmann“ und den „Großen Bellheim“. Unvergessen sein Baby-Schimmerlos-Gegenspieler Heinrich Haffenloher in „Kir Royal“ mit dem Satz „Isch scheiß disch sowatt von zu mit meinem Jeld, dat de keine ruhije Minute mehr hass.“

Mario Adorf besitzt immer noch dieses unwiderstehliche Charisma, mit dem er leise Augenblicke in große Momente verwandelt. Etwa, wenn er Bertolt Brechts Gedicht „Der Pflaumenbaum“ liest. Von derlei Zugaben kann man einfach nicht genug bekommen.