Filmfestival

Quentin Tarantino versetzt Cannes in den Ausnahmezustand

Auf dem Filmfestival präsentiert der Kultregisseur seinen lang erwarteten neuen Film. An „Pulp Fiction“ reicht er aber nicht heran.

Wer ist cooler? Quentin Tarantino (r.) mit Brad Pitt, einem seiner Stars, bei der Weltpremiere seines neuen Films in Cannes

Wer ist cooler? Quentin Tarantino (r.) mit Brad Pitt, einem seiner Stars, bei der Weltpremiere seines neuen Films in Cannes

Foto: Vianney Le Caer / dpa

Allein schon die Stars, die vorab über den roten Teppich liefen, hätten anderswo mindestens ein halbes Festival mit erhöhter Glamourdosis versorgen können. Antonio Banders tauchte dort genauso auf wie Adrien Brody, Andie MacDowell, Fatih Akin und viele andere Schauspieler und Regisseure.

Da waren die eigentlichen Stars des Abends noch gar nicht in den Limousinen vorgefahren: Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie kamen zusammen mit Quentin Tarantino, um dessen neuntes Werk „Once Upon A Time… In Hollywood“ im Wettbewerb vorzustellen.

Erwartungsgemäß sorgten sie mit der Weltpremiere dieses Jahres für den bebendsten, mit Fanschreien unterlegten Ausnahmezustand an der Croisette: Das Hysterielevel bei den Fans vorm Premierenpalais war so hochgeschraubt wie der Hype, der sich über die vergangenen Monate immer weiter aufgebaut hat.

Bevor der Film startete, wurde erst ein Brief verlesen, den Tarantino tags zuvor veröffentlichte. Darin bittet er: keine Spoiler verraten! Das dürfte sich vor allem auf die Handlungsüberraschung auf den letzten Metern, auf die finale Märchenpointe, wenn er wie schon in „Inglourious Basterds“ mit der Geschichte spielt und erfreulich unskandalös an den Tatsachen über den Mord der Manson-Familie an Roman Polanskis damaliger Frau Sharon Tate dreht.

Erst eine Mahnung des Regisseurs, dann der Film

„Ich habe viel dazu recherchiert, und je mehr ich darüber erfahren habe, desto unklarer wurde alles. Die Unmöglichkeit das zu verstehen, macht die Faszination aus“, erklärte Tarantino auf der Pressekonferenz in Cannes, wo er auch noch eine Liebeserklärung an seine junge Frau einstreute, die vor dem Podium saß.

In den ersten zwei von knapp drei Stunden allerdings gibt es kaum etwas zu spoilern, wenn man der unwiderstehlichen Besetzung durch das Los Angeles der 60er-Jahre folgt: DiCaprio gibt dort den Serien-Darsteller Rick Dalton, dessen Karriere sich im Abwind befindet.

Pitt spielt seinen besten Freund und Stuntman Cliff Booth und ist damit zwar schauspielerisch wenig gefordert, dafür ist er aber so lässig unterwegs wie lange nicht mehr – und so sexy wie Robbie als Sharon Tate, die als Starlet-Lichtgestalt die Leinwand in dieser Ode an die Traumfabrik strahlen lässt.

Tarantino gibt sich vielen Fetischen hin

Das alte Hollywood sieht man dabei unverkennbar durch den Tarantino-Filter – und das sieht nicht nur fantastisch aus, sondern ist detailverknallt ausgestattet.

Nach dem Kammerspiel von „The Hateful 8“ lässt Tarantino seine Figuren durch ein L.A. im 60er-Schimmer und warmem Sonnenlicht cruisen und gibt seinen zahlreichen Fetischen nach: seiner Vorliebe für B-Movies, Western und Thriller, Kinos und alte TV-Serien, erlesene Songs und nackte Frauenfüße.

Sonderlich viel steckt nicht dahinter und auch die genial geschliffenen Dialogarien seiner anderen Filme gibt es kaum. Spaß macht das über weite Strecken trotzdem. Und dass er Style und Coolness nach wie vor wie kaum ein anderer beherrscht, stellt er mit dieser zitierwütigen, schillernden Fantasie allemal wieder unter Beweis. Langen Applaus gab es dafür vom Premierenpublikum.

25 Jahre, nachdem er in diesem Saal für „Pulp Fiction“ die Goldene Palme bekam, scheint es indes unwahrscheinlich, dass sich die Jury mit dem Hauptpreis in der starken Konkurrenz wieder für den Regisseur entscheidet.