Theater

„Max und Moritz“ im BE: Auch Frauen können böse Buben sein

Annika Meier und Stefanie Reinsperger spielen im Berliner Ensemble Wilhelm Buschs „Max und Moritz“. Und freuen sich diebisch darauf.

Die Schauspielerinnen Stefanie Reinsperger (l.) und Annika Meier im Garten des Berliner Ensembles

Die Schauspielerinnen Stefanie Reinsperger (l.) und Annika Meier im Garten des Berliner Ensembles

Foto: Reto Klar

Berlin. Heute Abend feiern Wilhelm Buschs böse Buben „Max und Moritz“ in der Erwachsenen-Version von Antú Romero Nunes Premiere im Berliner Ensemble. In den Titelrollen: Stefanie Reinsperger als Max und Annika Meier als Moritz. Wir trafen die beiden bestens gelaunten Schauspielerinnen am Sonntagmittag im Hof des Theaters zum Interview. Einen gemeinsamen Termin zu finden war eine Herausforderung. Annika Meier spielte am Abend vorher in Bochum noch Herbert Fritschs „Murmel, Murmel“ und hat extra den Frühzug genommen. Stefanie Reinsperger stand bis zum Vortag in Tschechien für eine TV-Produktion als „Maria Theresia“ vor der Kamera.

Berliner Morgenpost: Gab es in Ihrer Kindheit berichtenswerte Vorkommnisse, die an die Streiche von Max und Moritz heranreichen?

Reinsperger: Ich habe eine kleine Schwester, die mich als Baby unglaublich genervt hat. Wir hatten in der Schule die Geschichte von Moses. Also habe meine Schwester in einen Wäschekorb gesetzt. Und über unser Grundstück floss so ein kleines Rinnsal. Da habe ich sie reingesetzt. Ich hab den Ärger meines Lebens bekommen, hab aber ganz ruhig behauptet, ich hätte das nur gemacht, damit sie woanders dann eine Prinzessin werden kann.

Meier: Voll die gute Ausrede, sie kann bitte in ein anderes Königreich gehen.

Frau Meier, können Sie da mithalten?

Meier: Bei war‘s der Bruder meiner besten Freundin Sonja Schmidt. Auf den mussten wir immer aufpassen. Mit dem haben wir zum Beispiel einen gruseligen Film geguckt, uns dann versteckt und irgendwelche Einbrecher erfunden. Das haben wir so lange gemacht bis er geheult hat. Dann haben wir ihn kurz getröstet. Und wieder von vorne angefangen.

Nicht übel. Sind Max und Moritz cool, weil sie den ganzen Biedermeiern im Dorf die Stirn bieten, oder kriminell?

Reinsperger: Die machen das so lange wie möglich als Spaß und bekommen dann den Punkt nicht mit, wo’s zu schlimm wird. Die ganzen Erwachsenen dort sind ja alles andere als sympathisch. Vielleicht braucht das Dorf diese Kinder, damit da überhaupt mal irgendwas passiert.

Meier: Das ist eigentlich super, dass man das nicht so genau weiß. Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass Wilhelm Busch da ein moralines Werk hinkloppen wollte, er hatte einfach Freude an den Zeichnungen und der Geschichte.

Die beiden werden am Schluss rickeracke mit Geknacke durch des Müllers Mühle gedreht…

Meier: Unser Schluss ist härter. Max und Moritz ist schon auch Splatter, aber wir mussten noch ein anderes Bild finden, man weiß ja, wir werden nicht live geschreddert. Ich finde überhaupt, Grusel ist das schwerste Genre im Theater. Die einzige Art von Grusel, die man im Theater herstellen kann, ist die Paranoia.

Der Abend ist angekündigt als „Bösebubengeschichte für Erwachsene“.

Meier: Das ist ja der größte Streich, dass die Erwachsenen ins Kindertheater gelockt werden. Weil sie da sonst nicht reingehen würden.

Was können sie denn da lernen?

Reinsperger: Ich war als Anfängerin am Düsseldorfer Schauspielhaus, da hat dasselbe Ensemble beides bespielt. Als Schauspielerin ist das krass, die Bösen werden im Kindertheater ausgebuht, dann weißt du, dass du alles richtig gemacht hast. Ich wünsch mir vom erwachsenen Zuschauer auch oft dieses Nicht-so-Abgeklärte, das Unbefangene. Mit dem Kinder-Auge Theater schauen.

Aber den erwachsenen Zuschauer werden Sie nicht ändern…

Meier: Och, das würde ich dem Theater schon zusprechen. So wie es an guten Abenden eine Katharsis gibt und das Lachen befreien kann, so kann auch der Perspektivwechsel in die Sicht eines Kindes Erkenntnis bringen.

Was macht den Text von Wilhelm Busch für heute relevant?

Reinsperger: Wir haben so viele Inszenierungen hier am Haus, die alles dafür tun, am Puls der Zeit zu sein. Ich finde es als Spielerin sehr befreiend, einen Abend zu spielen, der vor allem den Anspruch an gute Unterhaltung hat.

Meier: Beim Film wird das viel weniger gefragt. Film ist Unterhaltung, aber Theater darf nicht bloß unterhalten, dann fehlt irgendwie die Deepness.

Reinsperger: Ich würde mir wirklich wünschen, dass wir da endlich freier werden. Auch was generell die Interpretationen angeht. Ich würde den Zuschauern gerne sagen: Ihr müsste keine Angst haben.

Wovor haben die Zuschauer Angst?

Meier: Vorm Nichtverstehen.

Reinsperger: Alles, was ihr wahrnehmt, ist erstmal richtig. Da appelliere ich an die Eigenständigkeit der Zuschauer.

Meier: An ihre totale Autonomie und Verantwortung. Es gibt aber auch oft Regie, die erklären will, damit bloß kein Zweifel aufkommt. Das ist bei unserem „Max und Moritz“-Abend nicht so.

Eins müssen wir trotzdem noch klären: Hat es etwas zu bedeuten, dass Max und Moritz von Frauen gespielt werden?

Meier: Es ist total egal. Ich hatte diese Diskussion auch schon bei anderen Inszenierungen. Wir sind 2019 an einem Punkt, wo es insofern egal ist, als dass ich jeder Frau und jedem Mann zutraue, diese Gedanken zu formulieren. Ich finde, es gibt keine männlichen und weiblichen Gedanken. Es wurde einfach im Ensemble geschaut, wer am besten passt.

Und man hat sich für eine Kombination entschieden, die auf den ersten Blick gar nicht so auf der Hand liegt. Sie, Frau Reinsperger, sind bislang eher nicht als Komikerin aufgefallen.

Reinsperger: Das ist meine erste komödiantische Rolle in acht Berufsjahren. Wir haben das Stück schon bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen gespielt und ich war bei der Premiere total überrascht, dass gelacht wird, das hatte ich noch nie. Es hat mir nochmal eine ganz andere Welt aufgemacht.

Meier: Genau umgekehrt. Ich habe das erste Mal erlebt, dass ich an die Rampe gehe, einen Satz sage und höre ein lautes Schluchzen, am Schluss, wenn Max und Moritz sterben. Das hatte ich noch nie, dass Leute weinen, wenn ich spiele.