Eurovision Song Contest

ESC 2019: Ergebnisse, Politik, Skandale - Eine Bilanz

Boykottforderungen, Preispolitik, Sicherheitsvorkehrungen und skandalöse Momente: Eine Bilanz zum ESC 2019.

Duncan Laurence aus den Niederlanden, Gewinner des Eurovision Song Contest (ESC) 2019, feiert nach seinem Sieg und küsst die Trophäe.

Duncan Laurence aus den Niederlanden, Gewinner des Eurovision Song Contest (ESC) 2019, feiert nach seinem Sieg und küsst die Trophäe.

Foto: Antti Aimo-Koivisto / dpa

Am Sonnabend endete der Eurovision Song Contest in Tel Aviv mit einem Sieg der Niederlande: Duncan Laurence, 25, gewann mit seiner melancholischen Popballade Arcade den Musikwettbewerb vor Italien und Russland. Zum letzten Mal standen die Niederlande 1975 auf dem Siegertreppchen.

Deutschland erhielt für das Lied Sisters des Duos S!sters im europäischen Televoting zwar als einziges Land 0 Punkte, dank Jury-Punkte aus Irland, Belarus, Australien, Litauen, Dänemark und der Schweiz ergab dies dann Platz 24 vor Belarus und Großbritannien.

Austragungsort im Spannungsfeld von Orthodoxie und Politik

Für Israel war der Song Contest ein überaus bedeutendes Prestigeobjekt zur Selbstdarstellung und Tourismuswerbung. Die Regierung Netanjahu hatte nach Israels Sieg 2018 angekündigt, der Wettbewerb solle in Jerusalem stattfinden. Doch der Contest mit seiner liberalen Ausrichtung auf Toleranz und Diversität ist den orthodoxen Kräften ein beständiger Dorn im Auge, spätestens seit dem Sieg der transsexuellen Dana International 1998.

Deshalb zeichneten sich bei Jerusalem große Probleme ab: die „Invasion“ eines in der Mehrheit homosexuellen Fanpublikums sowie die Störung der Shabbat-Ruhe. Die Veranstalter der Show, die Europäische Rundfunkunion (EBU), setzte in stiller Diplomatie mit Tel Aviv die liberalste und säkularste Stadt Israels als Austragungsort durch.

Boykottforderungen

Doch dann kamen die Boykottaufrufe. Medienwirksam mit profilierten Musikern in ihren Reihen wurde gegen die Ausrichtung des Contests durch Israel mobilisiert. Für die Fans zählten dagegen vor allem zwei Argumente: das immer wieder auch von der EBU vorgetragene Argument, dass der Wettbewerb laut seinen Statuten ein unpolitisches Event sei, bei dem es ausschließlich um Musik gehe. Und die Einschätzung, mit einem Boykott bestenfalls den orthodoxen und reaktionären politischen Kräften Israels in die Hände zu spielen.

Preispolitik

Tel Aviv ist eine der beliebtesten, aber auch teuersten Städte der queeren Community weltweit und in der Eurovisionsfamilie sind israelische Fans und israelische Partys eine Legende. Die Vorfreude war zunächst groß. Da jedoch lediglich eine relativ kleine Messehalle mit gut 7000 Plätzen zur Verfügung stand, wurden die Ticketpreise entsprechend hoch angesetzt. Zudem hatten die Hotels ihre Preise noch kräftig angezogen – für viele Fans wurde eine Teilnahme unerschwinglich.

Raketen auf Israel und Waffenruhe

Zum Beginn der Proben in Tel Aviv Anfang Mai gab es Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf Israel. Während auf dem Messegelände geprobt wurde, wurden erstmals seit 2014 wieder zivile Todesopfer auf israelischer Seite beklagt. Ein Gegenschlag erfolgte. Viele Kommentatoren hier bewerten die daraufhin ausgehandelte Waffenruhe mit der Hamas als Zeichen der Erpressbarkeit durch den ESC.

Als israelische Journalisten in den Pressekonferenzen um Statements der Künstler baten, agierte die EBU panisch und versuchte, die Fragen abzuwürgen.

Sicherheitsvorkehrungen

Für die Sicherheit aller angereisten Fans und Delegationen hatten die Veranstalter garantiert. Und natürlich fand der ESC unter massiven Vorkehrungen statt. Für Fans und Presse vor Ort war davon jedoch weit weniger zu spüren als in den Vorjahren in Kiew oder aber auch 2018 in Lissabon. Dennoch empfanden viele angereiste Besucher die Erfahrung des israelischen Alltags unter Bedrohung besonders eindrücklich. Weder Schwarz-Weiß-Denken noch die rosarote Brille im Handgepäck erwiesen sich hier als hilfreich.

Feiern als ob es das letzte Mal wäre! Madonna enttäuschte!

Die Partymetropole mit dem hedonistischen Motto bot ein nie dagewesenes Kulturprogramm, das bisher größte ‚Eurovision-Village‘ direkt am Strand und ein fast schon überproportioniertes Partyangebot in den Nächten. Tel Aviv wollte seinen Gästen das Beste bieten – in den fulminanten Shows und nicht zuletzt im Versuch, mit dem Madonna-Auftritt noch mal alles zu toppen.

Einige Fans waren von dieser Ablenkung vom Wettbewerb und vom Rummel um Dementis und Bestätigungen des Auftritts der Pop-Diva im Vorfeld eher genervt. Der Auftritt selbst erntete am Sonnabend vor Ort dann mageren Applaus. „Uninspiriert! Lieblos! Töne nicht getroffen!“, lauteten Reaktionen der Fans.

Trotz des Postulats des Unpolitischen des Wettbewerbs war wie in den letzten Jahren in Kiew, Moskau und Baku der ESC fest eingebunden in das Spannungsfeld zwischen Party, Politik und Kommerz. Die EBU wird erleichtert aufatmen, dass außer vereinzelten Provokationen durch die isländische Band Hatari (Platz 17), die zuletzt am Sonnabend während der Punktevergabe eine palästinensische Flagge in die Kamera hielt, der ESC ohne größere Verwicklungen zu Ende ging.