Deutsche Oper

„Ein schwarz angemalter Otello geht nicht mehr“

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Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper in seinem Büro.

Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper in seinem Büro.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Was darf Oper? Gespräch mit dem Intendanten der Deutschen Oper, Dietmar Schwarz, über Tabus, die hinter den Kulissen diskutiert werden.

Berlin. Im Opernbetrieb ist politische Korrektheit gefordert. Diskussionen gibt es immer wieder um das Black Facing, bei dem weiße Darsteller schwarz geschminkt werden. Die Deutsche Oper hält als größtes Berliner Opernhaus rund 65 Operninszenierungen im Repertoire vor, da steckt genug Zündstoff drin. Intendant Dietmar Schwarz erzählt im Interview, bei welchen Stücken es mit Regisseuren zu Diskussionen kommt oder sich das Publikum beschwert. Und selbst die Berliner Politik ist involviert.

Es geht um Verdis Otello und Mozarts Monostatos, dem bösen Gegenpart zum Vogelhändler in der „Zauberflöte“. Es geht aber auch um den Narrenbuckel bei Verdis Rigoletto oder um den Zwerg von Zemlinsky. Wie reagiert das Publikum auf bestimmte Darstellungen?

Dietmar Schwarz: Das Black Facing ist in Amerika entstanden, als sich die Weißen kabarettartig über die Schwarzen lustig machten. Das geht so nicht. Unsere „Zauberflöte“ von Günter Krämer, die jetzt bald 30 Jahre alt wird, ist ein gutes Beispiel, wie sich eine Wahrnehmung entwickelt hat. Nämlich von „das war damals so“ bis „das geht gar nicht mehr“. Das Alter der Inszenierung ist nicht das Entscheidende, aber wenn sich jemand im Zuschauerraum beleidigt fühlt, dann muss ich das ernst nehmen. Bei der „Zauberflöte“ haben wir Briefe bekommen, ich war deshalb sogar schon bei der Berliner Senatorin für Gleichstellung Dilek Kolat. Tatsächlich haben sich Menschen, ich glaube, es waren viele Amerikaner darunter, durch die Inszenierung beleidigt gefühlt. Wir haben daraufhin Veränderungen vorgenommen, aber nicht bei Monostatos, sondern bei seinen Begleitern, die vor 30 Jahren von Günter Krämer schon sehr karikaturhaft dargestellt wurden. Auf der anderen Seite werden die Priester auch als tuntige Schwule dargestellt. Der Regisseur würde heute solche Überzeichnungen so nicht mehr machen.

Ist das nicht eine Selbstbeschränkung?

Es geht auch um Leute, die das erste Mal die Kunstform Oper wahrnehmen. Und natürlich wollen wir sie als Publikum gewinnen. Viele wissen nicht, wie sich Mozart etwas im Original gedacht hat. Es stecken auch frauenfeindliche Aussagen im Stück.

Im Juni wird der „Otello“ wieder am Haus gezeigt, die Titelrolle ist mit dem schwarzen Sänger Russell Thomas besetzt. Ist das Absicht oder Zufall?

Das ist reiner Zufall. Künstlerische Fragen sind zuerst entscheidend und nicht, wie jemand aussieht. Russel Thomas kennen und schätzen wir als Sänger schon lange. Außerdem sind Oper und auch Schauspiel immer eine große Behauptung. Da tritt jemand auf die Bühne und sagt: Ich bin Hamlet, Prinz von Dänemark. Und dann ist er es auch für die Zuschauer. Ein korpulenter Tenor kann einen schönen Liebhaber darstellen. Dann muss er ein guter Sänger sein und es durch seinen Gesang behaupten. In unserer „Otello“-Inszenierung von Andreas Kriegenburg ist die Titelfigur ein Außenseiter durch seinen Charakter. Er ist es nicht, weil er schwarz ist. Ich glaube, dass der schwarz angemalte Otello als theatrales Mittel heute überhaupt nicht mehr geht.

Aber erwartet das Publikum nicht einen schwarzen oder eben auch schwarz geschminkten Otello?

Ja, das Publikum erwartet es zuerst. Es ist ähnlich wie bei Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, wo ein jüdischer Typus mit großer Nase erwartet wird. Es gibt nach wie vor den ersten Impuls nach bestimmten Äußerlichkeiten, nach Klischees. Aber es ist unsere künstlerische Aufgabe, über solche Erwartungshaltungen hinauszugehen.

In der Monatsbroschüre der Deutschen Oper empfiehlt der amerikanische Rassismusforscher Ibram X. Kendi, zum Otello Warnhinweise wie bei Drogen oder Medikamenten zu geben, weil immer etwas unterschwellig transportiert wird.

Ich halte eine Diskussion darüber für wichtig. Als wir mit Günter Krämer über eine Überarbeitung der „Zauberflöte“ nachdachten, sind wir wirklich von Warnhinweisen auf der Bühne ausgegangen. Das hat aber nicht funktioniert, dann hätte man die Inszenierung komplett neu machen müssen. Aber ein Artikel, was den Außenseiter in der Gesellschaft ausmacht, gehört schon ins Programmheft.

Harald Schmidt spottete einmal, wenn in einem Provinztheater Asiaten in SS-Uniform in die Kantine kommen, dann steht der „Freischütz“ auf dem Programm. Zweifellos sind die Opernensemble längst international besetzt. Darf jeder alles spielen?

Natürlich. Ich hatte als Dramaturg noch Rudolf Noelte erlebt. Der Berliner Regisseur bestand darauf, dass der „Freischütz“ ausschließlich mit deutschen Sängern besetzt wird. Das hatte mit dem Umgang mit der Sprache, den Dialogen im Stück zu tun. Aber es war auch ein Typecasting. Das war Mitte der 80er-Jahre, es ist noch nicht so lange her.

Gibt es irgendeinen Druck, wenn die „Madama Butterfly“ nicht mit einer Asiatin besetzt ist?

Ich kriege keine Briefe vom Publikum, wenn es nicht so ist.

Anniles Miskimmon hat in Glyndebourne die Puccini-Oper inszeniert und sich parallel im „Guardian“ dafür entschuldigt. Die „Madama Butterfly“ bezeichnet sie als „die vielleicht schmutzigste Geschichte im Opernkanon“.

Die Minderjährigkeit der Hauptfigur ist das Problem. Ich finde es schon ein Thema, dass in der Oper eine Fünfzehnjährige vom deutlich älteren Mann beschlafen wird. Sicherlich sind die eigene Kultur und die Gesetzeslage das entscheidende. So lange ich mich mit „Butterfly“ beschäftige, wird das diskutiert. Allein bei der Übertitelung, bei der man ihr Alter einfach weglassen möchte. Es bringt das Stück aber nicht weiter, wenn ein Regisseur das Thema Missbrauch von Minderjährigen weiterdekliniert. Es geht um etwas anderes. Vielleicht muss man das Stück am Umgang Puccinis mit Frauen weiterdiskutieren. Der Komponist wäre heute sicherlich ein Fall in der MeToo-Debatte.

Kann man festhalten, dass im aktuellen Opernbetrieb die Probleme der Außenseiter von Regisseuren eher in die Innerlichkeit verlegt werden?

Das kann man schon sagen. Aber der Außenseiter ist auch das Ergebnis einer Gesellschaft, die darüber entscheidet, wer gerade zum Außenseiter gemacht wird. Das hat eine Eigendynamik. Um es im Kleinen festzumachen. Wer ins Berghain gehen will, muss sich am Einlass einer Kontrolle unterziehen. Der eine darf hinein, der andere nicht. Nach welchen Kriterien? Der Außenseiter zeigt immer an, dass etwas in der Harmonie einer Gesellschaft nicht stimmt. Bei „Rigoletto“ ist die Außenseiterposition klar...

Aber in Jan Bosses Inszenierung hat er keinen Buckel mehr?

Den braucht er nicht. In einer Welt der Angepassten ist er ein Außenseiter, der sich crazy verkleidet. Es muss gezeigt werden, dass er als Hofnarr nicht auf einer Ebene mit dem Herzog steht.

In Zemlinsky Oper „Der Zwerg“, die Tobias Kratzer gerade neu inszeniert hat, spielt ein kleinwüchsiger Darsteller?

Wir haben sehr lange diskutiert, allein der Titel ist schon nicht mehr politisch korrekt. Der Regisseur wollte die Darstellung bewusst und hat uns mit seiner Argumentation überzeugt. Die Figur ist mit einem Sänger und einem kleinwüchsigen Darsteller doppelt besetzt, es gibt den Sänger-Showman und den Schauspieler-Zwerg, der nichts von seiner Kleinwüchsigkeit weiß. Diese Tragik wird einem drastisch vorgeführt.

Schauen wir einmal in die Unterhaltungsbranche, wo deutlich mehr provoziert wird. In bestimmten Formen des Rap werden sogar Rassismus, Homophobie oder Frauenverachtung ausgelebt. Was sagen Sie als Opernintendant dazu?

Mir ist es egal, wie die Akteure heißen. Das Gefährliche daran ist, dass ganze Apparate hinter dem Verkauf von Klischees stehen. Teile der Unterhaltungsindustrie wollen damit Kohle machen. Wir diskutieren im Deutschen Bühnenverein gerade das große Thema, wie man mit rechtem Gedankengut umgeht. Ich finde es auffallend, dass in unserer Gesellschaft antisemitische und diskriminierende Positionen zunehmen. Wir Opernhäuser sind dafür da, die Gesellschaft zu sensibilisieren, die Welt zu verbessern.