Konzertkritik

Mark Knopfler: Country, Rock, Folk und karibische Grooves

In der Mercedes-Benz Arena spielt Mark Knopfler einen melodieseligen Mix und hinterlässt ein begeistertes Publikum.

Mark Knopfler während eines Konzerts. (Archivbild)

Mark Knopfler während eines Konzerts. (Archivbild)

Foto: Luca Bruno / picture alliance/AP Images

Berlin. Ein bisschen tourneemüde wirkt er. Mark Knopfler, der phänomenale britische Gitarrist, Sänger und Songschreiber, scheint mit sich zu hadern, ob er sich weiterhin anstrengenden Konzertreisen aussetzen will. Schließlich wird der Gründer der Rocklegende Dire Straits in diesem August 70 Jahre alt.

Etwa zur Mitte seines Konzerts am Mittwochabend in der bestuhlten und prallvollen Mercedes-Benz Arena setzt er sich mit seiner silberglänzenden Dobro-Gitarre auf einen Barhocker. „Eigentlich sollte ich in Rente gehen“, sagt er auf Deutsch. „Aber ich liebe die Musik zu sehr. So what can I do? I play.“ Zum Glück.

Denn Mark Knopflers Spiel ist einzigartig. Er ist ein stilprägender Gitarrist, der sich selbst auf Vorbilder von Hank Marvin über Chet Atkins bis J.J. Cale beruft, der seine Gitarren, egal ob akustisch oder elektrifiziert, nur mit den Fingerkuppen zupft und anreißt. Der so gut wie nie ein Plektrum nutzt - obwohl er nach eigener Aussage freilich immer ein Gitarren-Plättchen in der Tasche hat. Nur zur Sicherheit. Und man kann es ihm nicht genug danken, dass er seine große Liebe für die Musik von britischer Folklore bis zum amerikanischen Rock immer und immer wieder mit seinem Publikum teilt.

Ohne große Show: Musik pur

Bodenständigkeit ist bei Knopfler Programm. Hier gibt es keine showtechnische Augenwischerei, keine aufwendigen Effekte, keine gigantischen Videowände. Hier gibt es Musik pur im Breitwandformat. Zehn Musiker umfasst seine Band, darunter sein langjähriger Weggefährte Guy Fletcher. Der Keyboarder begleitet ihn schon seit Dire-Straits-Zeiten. „Die spielen alle 40, 50 Instrumente“, sagt er einmal im Lauf des Abends. „Und ich nur eines.“ Gerade ist mit „Down The Road Wherever“ sein neuntes Studioalbum erschienen. Doch nur zwei Stücke davon, „My Bacon Roll“ und „Matchstick Man“, haben es ins Tourprogramm geschafft.

Ein Ansager in einem putzigen Union-Jack-Jackett kündigt gegen 20.10 Uhr Knopfler und Band an. Und das folkrockig treibende „Why Aye Man“ von 2002, ein Song über arbeitslose britische Arbeiter, die es während der Thatcher-Ära auf deutsche Baustellen zog, steht am Anfang dieses wunderbaren Abends. „Economic refugees / on the run to Germany“, heißt es da – passend zum Brexit. Und: „We had the back of Maggie‘s hand / times were tough in geordieland.“

Wobei Geordieland für die Gegend um das nordenglische Newcastle upon Tyne steht. Mit „Corned Beef City“ folgt Knopflers Country-Rock-Hymne auf das Tagelöhnerleben amerikanischer Trucker, bevor das Tempo mit der Ballade „Sailing To Philadelphia“ erstmals etwas gedrosselt wird.

Songs bekommen einen folklorischen Touch

Die meisten Songs sind neu arrangiert. Und sie sind üppig instrumentiert. Geiger John McCusker und Michael Goldrick an den Uillean Pipes, dem irischen Dudelsack, sorgen für folkloristischen Touch und wechseln auch mal zu Tin Whistle oder Bouzouki. Keyboarder Jim Cox holt zwischendurch auch mal ein Akkordeon hervor. Bassist Glen Worf, Schlagzeuger Ian Thomas und Perkussionist Danny Cummings machen - wenn nötig - ordentlich Druck und Gitarrist Richard Bennett erweist sich als saitenversierter Multiinstrumentalist. Saxofonist Nigel Hitchock und Trompeter Tom Walsh sorgen immer wieder für leicht jazzige Akzente. Ein ungeheuer eingespieltes Team.

Natürlich fehlen auch Dire-Straits-Klassiker nicht, wie das Reggae-lastige „Once Upon A Time In The West“ oder „Romeo And Juliet“. Nur der Jahrhundert-Hit „Sultans Of Swing“, den manch einer im Publikum wohl gern gehört hätte, fehlt diesmal ebenso wie „Telegraph Road“. Dafür gibt’s später im Zugabenteil „Money For Nothing“ und „Brothers in Arms“. Man spürt, dass ihm seine Solostücke mehr am Herzen liegen. Wie „Heart Full Of Holes“ oder „Postcard From Paraguay“.

Knopfler umschifft hohe Töne

Seine ausdrucksvolle Stimme hat inzwischen eine altersweise Brüchigkeit. Er umschifft zu hohe Töne ein bisschen wie Dylan mit markantem Sprechgesang. Und immer wieder veredelt Knopfler die Songs mit seinem prägnanten, gern vorsätzlich das Tempo verschleppenden Soli, die mal auf geradezu melancholische Weise melodiös daherkommen, dann wieder knarzend rau dem puren Rock’n’Roll frönen.

Apropos rau: Der Sound ist diesmal nicht ganz so brillant, wie man es von Konzerten des Perfektionisten Knopfler gewohnt ist. Und beim furiosen Finale mit „Speedway To Nazareth“ zersägt Gitarrist Richard Bennett den Song mit dermaßen lauten Riffs, dass der Rest des Stücks fast in einem Klangbrei unterzugehen droht. Da hat es der Mann am Mixer wohl etwas zu gut gemeint.

Rund zwei Stunden lang schwelgen Knopfler und seine Truppe in einem melodieseligen Mix aus Country, Rock, Folk und karibischen Grooves und sie hinterlassen ein begeistertes Publikum. Das schicken sie mit einer ganz besonderen dritten Zugabe nach Hause, mit der betörenden Titelmusik des schottischen Films „Local Hero“ von Bill Forsyth. Der Soundtrack war 1983 Knopflers erste Soloplatte. Ein Konzert, als hätten sich ein paar gute Musikerfreunde zum zwanglosen Jammen getroffen. Und mag Mark Knopfler auch noch so sehr mit dem Älterwerden kokettieren: er wird wiederkommen. Er kann einfach nicht anders. Der Schlussapplaus ist glücklich und langanhaltend.