Konzertkritik

Dido: Musik, wie nach Hause kommen

Lange kam nichts mehr von Britin Dido. Im Tempodrom knüpft sie an alte Erfolge an. Mit finsteren Texten - und trotzdem viel Wärme.

Die britische Sängerin Dido während eines Konzerts. (Archivbild)

Die britische Sängerin Dido während eines Konzerts. (Archivbild)

Foto: Michal Kamaryt / dpa

Berlin. Es ist nicht einfach mit der Karriere, manchmal. Da steht sie, Dido, die Sängerin, die vor vielen Jahren viele, viele Millionen Platten verkauft hat, weil „No Angel” einen Nerv traf. Und „Life For Rent“ danach noch gleich einen zweiten.

Die zwei anschließenden Platten passierten einfach, dann jahrelang eigentlich nichts mehr. Vor wenigen Wochen erschien sechs Jahre nach dem Vorgänger nun „Take You Home“, ein neues Album, und man hätte befürchten können, dass die meisten Dido nicht nochmal mitnehmen in ihr Haus, die Anlage, das Smartphone.

Dido im Tempodrom in Berlin: Erstmal „Hurricanes“ statt Hits

Tatsächlich hat die 47-Jährige Glück. Erstens ist ihre Musik gut. Zweitens sind jene, die damals ihr Debüt kauften, heute genau das Publikum, mit dem sich richtig Geld machen lässt. Stichwort: Nostalgie. Menschen zahlen, um den Soundtrack wichtiger Lebensphasen noch einmal zu hören.

Derer gibt es so viele, dass das Tempodrom ausverkauft ist. Und Dido zeigt ihnen sogleich, dass sie nicht nur gekommen ist, um die Vergangenheit hinauf zu beschwören. Sie startet mit „Hurricanes“, ein komplexes Stück, keineswegs so eingängig wie die Hits.

Dido zwischen Nostalgie und künstlerischer Integrität

Vielleicht fühlt sie sich so, nach vielen Jahren der Abwesenheit, im Auge des Sturms, im Zwiespalt zwischen gefallen müssen und künstlerischer Integrität. Daran setzt sie noch ein neues Lied, „Hell After This“: „Wenn ich hiernach in die Hölle komme, werde ich es genießen so lange ich kann, und mich nicht mal an dein Gesicht erinnern.“

Finstere Lyrik, die schon immer Teil der Dido’schen Schreibwelt waren, gern verkannt dank der Gefälligkeit mancher Single. Warm aufgenommen vom Publikum, wenngleich die Freude über den ersten Klassiker, „Life For Rent“, dann noch größer ausfällt.

Auch dieser Hit lebt von gesungenen Erfahrungen, die vielen hier bekannt sind. Das Unstete des Lebens. Sie singt auch vom Umgang mit geliebten, jedoch depressiven Menschen (das herzzerbrechende, reduzierte „Quiet Times“). Vom schweren Nachhall schöner Zeiten („Sand in my Shoes“). Vom Abschied eines geliebten Menschen (das mit keltischer Musik versetzte „Grafton Street“ über ihren Vater). Es sind die Schattenseiten der Existenz.

Ein bisschen Elektro, ganz viel Wärme - und ein Chor

Dido mischt auf der mit Stofflaken nicht aufwendig dekorierten, aber dafür stimmig beleuchteten Bühne Neues mit Hits. („Here With Me“ kommt nochmal kraftvoller, „Thank You” unterstützt ein Publikumschor), sanfte Instrumentierung mit auch mal drängelndem Bass („Take My Hand“, das dank des hervorragenden Trommlers und der Percussionistin zwischendurch wunderbar entgleitet). Diese Einflüsse finden sich häufig auf dem neuen Album, geschrieben und produziert mit Bruder Rollo, Teil von Faithless („Insomnia“). Zwischendurch wird es gar richtig poppig, „End of Night“ ist tanzbar, „Mad Love“ herrlich soulig.

Generell hat fast alles mehr Druck als auf Platte. Dido, was man hätte befürchten können, steht nicht nur rum, sondern nimmt die Bühne für sich ein. Ein bisschen quatscht sie zwischendurch, aber wenig. Berlin sei toll. „War den ganzen Tag spazieren gestern. Hier könnte ich leben.” Glaubt man ihr sogar. Die nötige Lässigkeit hat sie.

Zum Finale gibt es „White Flag“ - kein Grund zur Aufgabe

Was alles verbindet, was den Abend so mäandern lässt, ist Didos Stimme, die nicht die ausladendste ist, aber enorm klar Gefühle provoziert. Nach all den Jahren ist es wie nach Hause kommen, eine besondere Wärme, wie das Einhüllen in die Lieblingsdecke auf dem Sofa: Die Welt ist finster, aber ich bin ja da.

Und so verlässt man am Ende auch das Tempodrom herrlich entspannt. Und nach all der anfänglichen textlichen Destruktivität kann man Dido am Ende vielleicht beim Wort der Zugabe nehmen. „I will go down with this ship“, singt sie in ihrem Riesenhit „White Flag“, „but I wont’t put my hands up and surrender.“ Nein, aufgeben wäre unnötig. Zu viele schöne Erinnerungen. Und ein paar gute Aussichten.