Theatertreffen

Theater Basel: Mehr Schwein als Sein

Suche nach Individualität: Beim Theatertreffen zeigt das Theater Basel seine Komödie „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“.

In einem dreistöckigen, goldverzierten Bürgerpalast spielen die famosen Darsteller der „Tartuffe“-Produktion des Theaters Basel.

In einem dreistöckigen, goldverzierten Bürgerpalast spielen die famosen Darsteller der „Tartuffe“-Produktion des Theaters Basel.

Foto: Theater Basel / Priska Ketterer

So richtig geil ist die Welt irgendwie nicht. Findet die Perni. Also auch nicht wirklich ungeil jetzt, aber sie könnte schon noch geiler sein. Das eigene Leben dito. Den allgemeinen Trend zur „Entgeilisierung der Welt“ findet sie jedenfalls nicht okay. „Okay. Versteh“ kommentiert der Chor und versteht doch überhaupt nichts. Also schnattern und streiten sie in ihren bonbonbunten, pluderigen barockigen Kostümen und schrauben sich in immer wildere Wort- und Sinnverdrehungen, was in der unausgesprochenen Erkenntnis gipfelt, dass ihr persönlicher Lebenszustand vermutlich irgendwo in der Mitte zwischen „geil“ und „ungeil“ zu verorten ist, Mittelmaß also, was ja nun wirklich keiner sein möchte.

Drei Regisseurinnen sind fürs Theatertreffen ausgewählt

Vor allem nicht der Orgi. Der ist der Familienchef von diesem Haufen. Der Orgi findet den Tüffi sehr geil, supergeil geradezu. Aber noch kann Orgi nicht mitschnattern. Der sitzt noch in der Garderobe, wie wir auf dem Screen oberhalb der Bühne erkennen können. Und der sagenumwobene Tüffi ist auch noch nicht da. Macht nichts, wir wissen ja, mit wem wir es hier zu tun haben, auch wenn sie alle damals, als sie vor rund 350 Jahren von Jean-Baptiste Poquelin alias Molière erfunden wurden, noch etwas anders hießen. Der Orgi, das ist Orgon, Perni ist seine Mutter Pernelle und der Tüffi, dem das ganze Haus Orgon verfällt, natürlich Tartuffe.

Das Stück „Der Tartuffe oder Der Betrüger“ bescherte Molière damals wegen seiner zwar als Komödie verkleideten, aber doch sehr deutlichen Kritik am klerikalen Heuchlertum ein Aufführungsverbot ein. Der Regisseurin Claudia Bauer bescherte die Story, die jetzt „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“ heißt und am Theater Basel entstand, eine Einladung zum diesjährigen Theatertreffen. Es ist nach ihrer Inszenierung „89/90“, mit der sie im Jahr 2017 zu Gast war, bereits ihre zweite. Damals übrigens noch als einzige Regisseurin unter lauter Männern. In diesem Jahr hat sich das Verhältnis auf immerhin drei (weiblich) zu sieben (männlich) verbessert und wird es weiter tun, wenn im nächsten Jahr die beim Theatertreffen frisch eingeführte Quote greift.

Zurück zu Molière. Zumindest so halb. Geblieben ist vom Original nur die Figurenkonstellation. Aber keine einzige Zeile des Ursprungstextes. Stattdessen hat der Kölner Indie-Pop- und Autorenmusiker PeterLicht das Ganze in den diskursgetränkten Jargon des nach Individualität und Sinn strebenden Gegenwartsmenschen übersetzt. Im Theater-Jargon wiederum heißt diese Art zeitgemäßer Neubetextung klassischer Stoffe „Überschreibung“ und hat gerade das Zeug zum Trend, auf dem diesjährigen Theatertreffen gab es das bereits mehrfach zu sehen.

Tüffi schwadroniert vom Maskulinen als Weltprinzip

Jetzt aber Auftritt Orgon. Der verlängert sein noch in der Garderobe performtes Klagelied über die eigene Unentschiedenheit auf der Bühne direkt in einen Song über sein Dasein als ausgelutschter „Leihbonbon im Land der Lutscher“. Florian von Manteuffel treibt diesen Orgon mit herrlich divenhafter Attitüde in seine selbst gewählte Verblendung hinein. Orgon also möchte raus aus seiner Mittelmäßigkeit, will was anderes, deshalb findet er den Tüffi ja so toll.

Anders ist der definitiv. Mehr Schwein als Sein. Fettleibig, schmutzig, grunzend dringt er als unverhohlen sexualisierter Widerling in die aufgetakelte Sozialmischung ein, er schwadroniert vom Maskulinen als Weltprinzip, der „Penisgeneigtheit des Kapitalismus“ und schwenkt dazu den eigenen Riesenpenis. Tüffi ist gekommen, um zu „kontextualisieren“, was ausschließlich erotisch gemeint ist. Und er ist gekommen, um zu kassieren. Die horrende Kursgebühr, weil das Schwein sich nämlich als Sex-Guru entpuppt, der allen verspricht, sie in sinnstiftende Sphären entführen zu können. Es ist, das ist ein cleverer Dreh, seine primitive Klarheit, die ihn für die anderen so anziehend macht, man kennt das aus der Weltpolitik.

Die Menschen verheddern sich in ihren Diskursspiralen

Knapp drei Stunden dauert das Spektakel, das ist ein bisschen lang, aber die meiste Zeit macht es doch ziemlich viel Spaß, diesen gut gebauten Sinnlosigkeiten nachzuhorchen, die hier die Hohlheit der Sprache und die auf der Langeweile am eigenen Mittelmaß beruhende Verführbarkeit der sie benutzenden Menschen decouvrieren. Ein wenig René Pollesch klingt in all den verschwurbelten Diskusspiralen, in denen sie sich hier permanent verheddern, auch immer mit. Dazu rasen die allesamt famosen Darsteller in einem irren Tempo über die dreistöckige Bühne, die einem goldverzierten Bürgerpalast nachgebildet ist. Die Figuren rauschen in bester, ehrlicher Boulevard-Manier durch diverse Schwingtüren, scheuen auch den Slapstick nicht und offenbaren, wenn die Fassade auf der Drehbühne ihre profane Kehrseite zeigt auch die ihrige.

Vorne endet schließlich alles in einer grotesken Demaskierungsorgie, in der jeder ein anderer ist als er vorgab und gleichzeitig doch alle gleich sind, weil sie ihre bunten Kleider längst abgelegt haben und der Welt nun in identisch rüschiger Unterwäsche entgegentreten. Blöd gelaufen, neuer Versuch, alles auf Anfang und nochmal von vorn. Gut, dass wir drüber gesprochen haben.