Ausstellung

Nur wer eine Melodie summt, darf hinein

Museumswärter bewachen den Eingang: Die Kunst im Salon Berlin des Museums Frieder Burda lädt Besucher zum Mitmachen ein.

Eine Museumswärterin wacht darüber, dass die Melodie gesummt wird: Die Installation „The Humming Room“ von Adrian Piper. © APRA Foundation Berlin

Eine Museumswärterin wacht darüber, dass die Melodie gesummt wird: Die Installation „The Humming Room“ von Adrian Piper. © APRA Foundation Berlin

Foto: Thomas Bruns / © APRA Foundation Berlin

Nur wenn man der Aufforderung folgt, einen Ton anzustimmen, darf man hier weitergehen. Das besagen schon die großen Schilder vor Adrian Pipers (Jahrgang 1948) „Humming Room“ von 2012, der 2018 auch Teil der größten Retrospektive für einen lebenden Künstler im Museum of Modern Art war. Befolgt man die Anweisung nicht, weisen einen die Museumswärter im Salon Berlin des Frieder Burda Museums in Mitte ausdrücklich darauf hin.

Durchschreiten mehrere Besucher gleichzeitig den Korridor, ertönt auf einmal ein spontaner Chor. Alle Zwänge sollen von einem abfallen, jeder soll sich so frei fühlen wie sich die US-Künstlerin und Wahlberlinerin in dem Augenblick, als ihr die Idee zu dieser Arbeit kam: „Es war ein perfekter Ausdruck meines Geisteszustandes in diesem Moment“, so Piper, „eine freudige Feier meiner endgültigen Befreiung von einer ganzen Reihe von Bedürfnissen, Wünschen, Ängsten und Ambitionen, die mit der institutionellen Bestätigung zu tun haben.“

Wenn man die Besucher im Salon Berlin beobachtet, scheint die Rechnung auszugehen. „JR – Adrian Piper – Ray Johnson“ hießt die neue Ausstellung dort. Sie vereint Künstler dreier Generationen, die sehr unterschiedlich arbeiten und doch eines gemeinsam haben: Radikal beziehen sie das Gegenüber in ihre Kunst mit ein, wollen es zum Mitmachen, Denken und Handeln ermuntern. Kneifen gilt nicht!

Wie wir uns mit anderen Menschen verbinden

Diese Künstler lassen niemanden nicht vom Haken. Das hat auch Patrizia Kamp, Künstlerische Leiterin des Salon Berlin und Kuratorin der Schau, fasziniert: „Die Ausstellung kreist um die Frage, wie wir uns mit anderen Menschen und der Welt verbinden“, sagt sie. „Jeder der drei Künstler macht auf seine Weise darauf aufmerksam, dass wir nicht inmitten von unbedeutenden, isolierten Fakten leben, sondern Teil von einer Vielzahl an Referenzen, Korrespondenzen und Begegnungen sind.“

Auf das menschliche Summen in Pipers „Humming Room“ folgt das maschinelle Surren des Miniaturlastenkrans an dem riesigen Modellcontainerschiff des einflussreichen französischen Multimediakünstlers JR (Jahrgang 1983). Er verwickelt sein Publikum durch Interventionen im öffentlichen Raum in seine Kunst.

In diesem Fall sind die Außenseiten der Container mit einem gigantischen Augenpaar beklebt, das aus einem früheren Projekt des Künstlers stammt. Dafür hatte er Frauen in brasilianischen Favelas nach der Gewalt gefragt, die sie tagtäglich erleben, und ihnen versprochen, ihre Geschichten in die Welt zu tragen. Das tat er zuletzt 2014 mit einem realen Containerschiff, welches er mit dem Bild dieser Augen auf Reisen schickte wie eine Flaschenpost im Meer.

Die Collagen wurden an Freunde verschickt

Mit seinen kleinformatigen vom Dadaismus inspirierten Collagen aus Zeichnungen, Zeitungs- und Magazinausschnitten, Anzeigen, Logos und Zufallselementen schuf Ray Johnson (1927-1995) als Vorläufer der Pop Art sein ureigenes künstlerisches Universum. Diese Arbeiten schickte er an Kollegen und Freunde. Einen Beziehungsstifter nannte er sich.

Damit begründete er die Mail Art, von der er selbst sagte: „Die Mail Art hat keine Geschichte, nur den jetzigen Moment.“ Der taucht in seinen Collagen als Verdichtung und Verflechtung von Raum und Zeit auf. „Ich bin ein großer Ray-Johnson-Fan. Er gilt als der berühmteste unbekannte Künstler“, schwärmt Patricia Kamp über diesen Künstler. „Seine Kollegen kennen und schätzen ihn, aber für ein breiteres Publikum wird er jetzt erst wiederentdeckt.“

Museum Frieder Burda/Salon Berlin, Auguststr. 11-13, Mitte. Tel. 24047404. Do-Sa 12-18 Uhr. Bis 5. August 2019.