Porträt

Jakop Ahlbom: „Fantasie ist nichts Krankhaftes“

In jedem steckt ein Don Quichotte: Der schwedische Regisseur Jakop Ahlbom probt Massenets Stück an der Deutschen Oper Berlin

Operndebütant Jakop Ahlbom probt Jules Massenets „Don Quichotte“ an der Deutschen Oper Berlin

Operndebütant Jakop Ahlbom probt Jules Massenets „Don Quichotte“ an der Deutschen Oper Berlin

Foto: Maurizio Gambarini/Funke Fotoser

Ein Kampf gegen Windmühlenflügel, das sei für ihn so etwas wie erstmals an der Deutschen Oper zu inszenieren. Und dann lacht Jakop Ahlbom auf schelmische Weise. Der Regisseur probt gerade Jules Massenets selten gespielte komische Oper „Don Quichotte“, die am 30. Mai Premiere am Haus hat. Was sich erst am Ende unseres Gesprächs herausstellt, es ist Ahlboms erste große Opernregie überhaupt, was seine gewisse Aufgeregtheit erklärt. Vor Jahren hatte er an der Deutschen Oper in der Tischlerei ein wildes „Hoffmann“-Projekt gemacht, im Admiralspalast war zuletzt seine Produktion „Horror“ zu erleben, worin er seine Liebe zu Horrorfilmen auslebte.

Ein Stil zwischen Schauspiel, Tanz und Illusionskunst

Mit Händen und Füßen sträubt sich Jakop Ahlbom dagegen, ein Pantomime zu sein. Obwohl in seiner Biografie zu lesen ist, dass er an der Amsterdamer Theaterschule Pantomime studiert hat und sich in seinem praktizierten Theaterstil Pantomime, Tanz, Musik und Illusionskunst mischen. Ahlbom meint, wenn Leute Mime hören, würden sie immer zuerst an Pantomime denken. Er aber vertrete „eine szenische Bewegungsschule zwischen Tanz und Schauspiel. Das Spiel erfolgt mit dem ganzen Körper und nicht nur mit weißen Handschuhen und Gesichtsmimik.“

Jakop Ahlbom ist 1971 in Schweden geboren. Es gäbe weit und breit in seiner Familie keine Künstler, sagt er, der Vater Lehrer an einer Rudolf-Steiner-Schule, die Mutter Assistentin beim eigenen Architektenvater. Er hat vier Geschwister. Immerhin ist seine deutsche Ehefrau eine Tänzerin, die Familie lebt in Amsterdam. Mit den Kindern sprechen sie Schwedisch und Deutsch, untereinander Niederländisch.

„Ich habe eigentlich als Maler angefangen“, erzählt der Regisseur. „Ich war gerade 16, etwas talentiert und bin zur Kunstschule gegangen. Die meisten waren zehn Jahre älter als ich.“ Dann stellt Jakop Ahlbom wie ein waschechter Pantomime dar, wie er sich klein und allein hinter seiner Staffel versteckte. „Ich fühlte mich so einsam“, sagt er: „Ich liebe Film, also wollte ich Schauspieler werden, in immer neue Rollen schlüpfen und mit verschiedenen Leuten arbeiten. So bin ich nach Amsterdam auf die Theaterschule gegangen.“ Seinen Werdegang schließt er damit ab, dass er jetzt Regisseur sei und damit wieder einsam. Das ist seine Art Humor.

Der Regisseur schwärmt vom magischen Realismus

Mit Musik, Bildern und Bewegung will er seine Geschichten erzählen. „Ich bevorzuge immer das Ungewöhnliche“, sagt er, „in der Malerei und später im Film nennt man es den magischen Realismus.“ Das wird sich in der zeitlos-modernen Ausstattung der Inszenierung, so Ahlbom, vom „Don Quichotte“ wiederfinden. Der Regisseur liebt es, in den Kopf einer Hauptfigur einzudringen und dann eine Welt drumherum zu kreieren. „Don Quichotte interpretiert alles um sich herum positiv, selbst wenn es negative Erfahrungen sind. In seiner Fantasiewelt muss das Leben Spaß machen, ein Abenteuer sein.“

In seinem Regieansatz verschieben sich natürlich die Blickwinkel. Das Stück des Autors und die Handlung im Kopf der Hauptfigur gehen verschiedene Wege. Im Stück kämpft Don Quichotte gegen Windmühlenflügel, in seiner eigenen Wahrnehmung aber sind es Riesen. Also lässt Ahlbom ihn gegen Riesen antreten. Und weil das ganze Stück bei ihm in einem Gasthof spielt, wo die angehimmelte Dulcinée als Kellnerin arbeitet, steht „eine kleine dekorative Windmühle auf dem Tisch“. Den symbolischen Kampf gegen Windmühlenflügel gibt es übrigens nicht nur im Deutschen, so Ahlbom, sondern auch in anderen Sprachen.

Melancholisch und komisch wie Buster Keaton

In seiner Inszenierung soll es keinen Ritter von der traurigen Gestalt geben. Er ist weder alt noch krank, sondern einfach nur ein Mann mit viel Fantasie. Und während der Regisseur so leidenschaftlich darüber redet, kommt bei mir der Verdacht auf, er würde sich wohl selber inszenieren wollen. Seine Antwort ist ein kleines Stück Pantomime, das ja sagt. „Don Quichotte ist melancholisch und komisch wie Buster Keaton“, erklärt der Regisseur. „Und er ist immer ehrlich bei dem, was er tut. “ Aber die Welt, in der Dulcinée lebt, akzeptiere keine Menschen, die anders sind. „Es dauert etwas, bis Don Quichotte mitbekommt, dass etwas nicht stimmt“, sagt Ahlbom.

Wenn das Publikum eine Botschaft aus seiner Inszenierung mit nach Hause nehmen will, dann diese: „Wir müssen toleranter sein gegenüber Menschen, die anders sind. Naivität und Fantasie sind nichts Krankhaftes.“ In vielen Menschen steckt ein Don Quichotte.

Don Quichotte ist melancholisch und komisch wie Buster Keaton. Und er ist immer ehrlich bei dem, was er tut
Jakop Ahlbom, Regisseur