Jugendtheater

Was man auf dem Theaterfestival „Augenblick mal!“ sehen kann

Mit dem Festival „Augenblick mal!“ läuft noch bis Sonntag auf verschiedenen Bühnen das Berliner Gipfeltreffen des Kinder- und Jugendtheaters.

Zum Programm gehört auch „Der kleine Angsthase“ vom Düsseldorfer Schauspielhaus.

Zum Programm gehört auch „Der kleine Angsthase“ vom Düsseldorfer Schauspielhaus.

Foto: David Baltzer

Spätzchen möchte auch Bestimmer sein! Das jüngste Mitglied der Familien Wiefel (Tom Reinecke) und seine ältere Schwester Anki (Celina Scharff) haben ihren Willen entdeckt. Seither wird nur gestritten: Was sollen Wiefels essen? Wohin einen Ausflug machen? Wer entscheidet? Immer nur die herzliche, resolute Mama (Melek Erenay)? So einfach wie vertrackt ist die Ausgangssituation im Kinder- und Jugendstück „Jetzt bestimme ich“ des Hamburger freien Ensembles Meine Damen und Herren. Als eine von drei Inszenierungen eröffnete es am Dienstag an der Parkaue das Theatertreffen für junges Publikum, „Augenblick mal!“.

Haareraufen auf der Bühne

Modelle des Mitbestimmens erproben die knuffig rosa gekleideten, verschroben-liebenswerten Wiefels im turbulenten Einstünder von Charlotte Pfeifer und Martina Vermaaten. Adaptiert haben die beiden Regisseurinnen ein Bilderbuch von Juli Zeh und Dunja Schnabel. Für Kinder ab sechs Jahren wird anschaulich, dass Konsensfindung ihre Tücken hat. Ob hierarchisches Dekret, Abstimmung, Losverfahren, das eigene Zimmer als Königreich oder Wunscherfüllung für alle – entweder bleiben das Einkaufen, Kochen, Aufräumen auf der Strecke oder alle blockieren sich gegenseitig. Haareraufen auf der Bühne. Gut, dass als Erzähler die beharrlich salatbesessene Schildkröte Rainer-Maria (Jochen Klüßendorf) das an Komik reiche Chaos fürs altersgemischte Publikum ordnet. Dieses wiederum darf demokratisch den Wochen-Chef bestimmen und wählt Papa Martin (Michael Schumacher) mit seinem Öko-Koch-Programm. Lauter Beifall für die Hamburger Truppe.

Wann schwindet die Aufmerksamkeit?

Große Themen im kleinen Format, lehrreich und unterhaltsam: Diese Quadratur des Kreises gelingt im Kinder- und Jugendtheater verlässlich. Gepflegt wird dort nicht nur das ästhetische Experiment, sondern in die Proben werden früh auch Zuschauerinnen und Zuschauer einbezogen: Was funktioniert dramaturgisch, wo schwindet die Aufmerksamkeit? „Dieses Pingpong zwischen Publikum und Machern gibt es so nur im Theater für junges Publikum“, erklärt die Regisseurin Bianca Sue Henne, eine von fünf Augenblick mal-Kuratoren und im Hauptberuf stellvertretende künstlerische Leiterin des Jungen Staatstheaters Parchim. Hoch professionell sei die junge Sparte und die Anerkennung wachse, sagt Henne, aber noch immer seien Finanzmittel und Gagen geringer als im „großen“ Theater.

Inklusion ist selbstverständlich

Dabei gäbe es einiges zu lernen vom Kinder- und Jugendtheater. Ganz selbstverständlich etwa stehen in „Jetzt bestimme ich“ Profi-Schauspieler mit und ohne geistige Behinderung auf der Bühne. Im ebenfalls inklusiven „Mädchen wie die“ vom Jungen Staatstheater Hannover, zur Eröffnung im Theater Strahl gezeigt, wird das Thema Cybermobbing in Laut- und Gebärdensprache verhandelt. Überhaupt die Themen – ausnehmend politisch sei der Jahrgang 2018/19, sagt Bianca Sue Henne. Gewalt wird dabei nicht ausgespart: In „Mädchen wie die“ reicht sie von expliziter Sprache bis zur Schlägerei – aber, anders als in manch medialem Format, immer kritisch kommentiert. Zur Sache geht es auch im dritten Eröffnungs-Gastspiel, „Waisen“ aus Bremen, einem intensiven Drei-Personen-Schauspiel, das fragt, wie sich moralische Bewertungen ändern, wenn die an einem rassistischen Übergriff Beteiligten nicht Fremde sondern Familie sind. „Girls Boys Love Cash“ ist eine Recherche Jugendlicher zum Thema Prostitution, und „Besuchszeit vorbei“ konfrontiert gar mit Puppenspielszenen, die wie Exekutionen anmuten. Antragen kann man jungen Zuschauern mithin Vieles. Wichtig nur, betont Bianca Sue Henne: die Einbettung in eine dem Erlebnis folgende Diskussion. Dann kann Theater mündig machen – als Kunst für künftige Bestimmer.

Informationen zum Festival gibt es unter https://www.augenblickmal.de