Bühne

Pipeline-Netz zeigt, wie alles mit allem zusammenhängt

Illustrierte Belehrung statt Theater: So ist der Rechercheabend „Schwarze Ernte“ im HAU 3.

Schwarze Ernte: Ein Abend über Saudi Arabien mit Lajos Talamonti (.) und Oscar Olivio.

Schwarze Ernte: Ein Abend über Saudi Arabien mit Lajos Talamonti (.) und Oscar Olivio.

Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Berlin. Erdöl ist böse. Das ist keine neue Erkenntnis, auch wenn sie uns nicht davon abhält, täglich Produkte zu benutzen, die auf Öl basieren: Benzin. Medikamente. Trinkröhrchen. Mehrere Hundert von ihnen kullern in „Schwarze Ernte“ über den Boden, werden von den vier Spielern aufgeklaubt und zu langen Röhrchen verbunden. Allmählich ergibt sich ein System, von einem Glas mit Öl zum nächsten. Dass diese Verbindungen die Farben der deutschen Flagge enthalten, dürfte kein Zufall sein. Denn natürlich wollen Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura in ihrem Rechercheabend „Schwarze Ernte“ im HAU 3 über das Erdöl, Saudi Arabien, Wirtschaft und Terror darauf hinaus, was das alles mit uns zu tun hat. Einmal stellen die Spieler eine Szene nach, in der Außenminister Heiko Maas gegenüber dem Kollegen aus Saudi Arabien, Adel al-Jubeir, „Missverständnisse“ in den Beziehungen „bedauert“. Es ging um den Mord an Jamal Kashoggi. Sind die Menschenrechte nichts mehr wert, wenn es ums Geld geht?

Das legen Kroesinger und Dura nahe. Schon oft haben sie in ihren Abenden dem mitteleuropäischen Gedächtnis nachgeholfen, haben über verletzte Menschenrechte, politische Verbrechen, Geld und Macht berichtet – immer derart detailliert, gut recherchiert, ausführlich, dass einem am Ende der Kopf schwirrte. Auch, weil sie selten Szenen und Bilder finden, die einen sinnlichen oder emotionalen Zugang zum Thema ermöglichen. Frontalunterricht statt Diskussion, illustrierte Belehrung statt Theater. Das ist in „Schwarze Ernte“ nicht anders, auch wenn Claudia Splitt, Rashidah Aljunied, Lajos Talamonti und Oscar Olivo mit schwarzem Erdöl herummanschen, damit die weiße Wand und die Sitzhocker beschreiben mit Schlüsselbegriffen, Namen, Orten. Außerdem tropft es beständig schwarz aus dem Wasserhahn – Öl lässt sich weder aufhalten noch eindämmen. Am Sinnfälligsten sind die Verbindungsröhrchen, ein globales Pipeline-Netz, das zeigt, wie alles mit allem zusammenhängt. Zum Beispiel finanziert auch deutsches Geld über arabisches Öl den radikalen Islam, den Wahhabismus, dem (so sagt’s der Stücktext) bislang alle Terroristen angehören. 800 deutsche Firmen sind in Saudi Arabien tätig, die kein Interesse an politischen Spannungen haben. Das alles ist lehrreich, oft interessant. Aber durch den triumphierenden Aufklärungsduktus, mit dem die Schauspieler ihre Erkenntnisse ins Publikum jubeln, bekommt der Abend eine sehr penetrante Note. Wenn wirklich alle so durch und durch böse und geldgetrieben sind, lohnt es sich dann überhaupt noch weiterzudenken?