Staatsoper

Staatsballett Berlin: Viel gewagt und gewonnen

Mit „Balanchine | Forsythe | Siegal“ schlägt das Staatsballett Berlin einen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft des Tanzes.

BALANCHINE | FORSYTHE | SIEGAL am Staatsballett

BALANCHINE | FORSYTHE | SIEGAL am Staatsballett

Foto: Yan Revazov

Drei Choreographen, drei Zeiten, ein Bogen für einen Ballettabend: 70 Jahre Ballettgeschichte umspannt die Triple Bill „Balanchine | Forsythe | Siegal“ des Staatsballett Berlin, mit zwei ikonischen Werken von George Balanchine und William Forsythe sowie einer Uraufführung von Richard Siegal an der Staatsoper Unter den Linden. Ernst nehmen die Intendanten Johannes Öhman und Sasha Waltz damit ihren selbsterteilten Bildungsauftrag, dem Publikum wie dem Ensemble Gegenwart und Vergangenheit des klassischen Tanzes nahe zu bringen.

Als Erinnerung an die russisch-imperiale Ballett-Ära choreographierte George Balanchine 1947 „Theme and Variations“, eine komplexe Auffächerung des klassischen Bewegungskanons. Unter drei stilisierten Lüstern schimmern die Strass-Tiaras und Samtstoffe, lupfen sich wippend fedrige Tutus. Elegant changiert das Licht zwischen hellem Taubenblau und edlem Graublau, geschmackvoll wirkt auch die Choreographie.

Was sich in der planen Ansicht aus dem Parkett kaum vermittelt, ist, wie präzise Balanchine hier 26 Tänzerinnen und Tänzer im Raum arrangiert – in Rhomben, diagonalen Linien, kompakt in 8er-Gruppen oder im Reißverschlussverfahren überkreuz, erstaunlich selten in der Kreisform. Wie anspruchsvoll die kaum halbstündige Choreographie technisch ist, vermittelt sich an jedem Sitzplatz: in schwierigen Balancen und Sprungkombinationen, rasanten Pirouetten oder den gesteigerte Geistesgegenwart erfordernden, blitzschnell sich verschiebenden Anordnungen der Körper. Glänzend meistern die Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts diese Anforderungen.

Wohl bekommen sind ihnen die Wechsel an der Spitze des Staatsballetts, trotz anfänglicher Ensemble-Proteste etwa gegen Sasha Waltz. Nicht nur das jetzige Aufbruchsjahr mit Johannes Öhman hat die Kompanie offenbar positiv geprägt, zum Wandel haben auch die vier Jahre unter dem verfrüht verabschiedeten Intendanten Nacho Duato beigetragen. Er wagte nach der zuletzt in Grandezza erstarrenden Ära Malakhov wieder zeitgenössische Experimente und führte das Staatsballett mit „Jewels“ schon 2016 an Balanchine heran.

Nun hat die Kompanie noch einmal an Exaktheit und Elastizität gewonnen – das tänzerische Niveau des Ensembles ist hoch. Überzeugen kann im Balanchine auch das eigentlich bereits für „La Sylphide“ programmierte Solistenpaar: der vom American Ballet Theatre engagierte und im März verletzungsbedingt ausgefallene Daniil Simkin sowie, vorerst als Gast, Maria Kochetkova. Schwelgerisch lehnen sie sich in Balanchines Drehungen und Hebungen, immer wieder suchen sie den Blickkontakt und speisen einen Moment von Handlungsballett in Balanchines abstrakte Pas de deux ein – ähnlich wie der mit Tschaikowskys „Suite für Orchester Nr. 3 G-Dur“, welche die Staatskapelle Berlin unter Paul Connelly üppig und zugleich schnörkellos interpretiert.

Aufgebrochen sind die klassischen Arrangements

Tradition und Zukunft spiegeln sich in „Theme and Variations“ wider, auch Balanchines biographischer Weg vom Zögling russischer Balletterziehung zum Broadway-Choreographen und New York-City-Ballet-Mitgründer: in kleinen koketten Wendungen des Oberkörpers oder jazzig hingetupften Schritten auf Spitze.

Welch radikale Modernität dieser US-amerikanische Weg ermöglicht, erweist „The Second Detail“ von William Forsythe aus dem Jahr 1991. Kubistisch aufgebrochen sind hier die klassischen Raumarrangements, die Körper finden sich im grau schattierten Bühnenraum zu Clustern zusammen, im Einklang mit dem technoid-eingängigen Score des Komponisten Thom Willems.

Inseln der Synchronität gibt es im Simultangeschehen, Forsythe zitiert geradezu Balanchines Rhomben und Diagonalen. Welche Freiheit für individuelle Interpretation Forsythes schwungvolle Choreographie lässt, zeigen etwa Yolanda Correa, bei der das komplexe Idiom natürlich, frisch und mühelos wirkt, oder auch Weronika Frodyma mit ihrer athletischen Beschwingtheit. Wie schon nach dem Balanchine: Jubel.

Auch Richard Siegals Uraufführung „Oval“ wird vom Publikum gefeiert. Zehn Jahre lang war er Tänzer bei der Forsythe Company und verlängert Forsythe damit ins Futurum. Im Zwielicht unter dem mit Laserprojektionen bespielten Metallring des Lichtkünstlers Matthias Singer tauchen zwölf in hautenge, gewagt geschnittene schwarze oder senfgelbe Trikots gewandete Tänzerinnen und Tänzer auf. Verdrängen und umschwärmen einander in angriffslustig umherstiebenden Grüppchen, die eher an algorithmisch gesteuerte Partikelsysteme denn an klassischen Figurationen orientiert scheinen.

Wo bei Forsythe Posen elastisch und Sequenzen im Flow wirken, lässt Siegal Bewegungen eher hart an den Körperkanten enden. Den Eindruck zähflüssig geschmolzenen Metalls erweckt die Überdehnung eines auf der Tänzerschulter abgelegten Ballerinenbeins, nicht den eines vibrierenden Gummibands. Düster technoid ist „Oval“, und an Kämpfe erinnert, was bei Forsythe spielerisch erschien. Vielleicht ist auch das ein Spiegel unserer Zeit. Jedenfalls ist der programmatische Bogen gelungen. Auf diesem Weg könnte es beim Staatsballett was werden mit der angestrebten Weltklasse.