Ausstellung

Watt-Fotografie: Wie sich Sand in Kunst verwandeln kann

Zwei unterschiedliche Arten, die Küste zu betrachten: Fotografien von Alfred Ehrhardt und David Batchelder sind in Mitte zu sehen.

Man glaubt, ein Gemälde zu sehen: Eine von David Batchelders Strand-Fotografien.

Man glaubt, ein Gemälde zu sehen: Eine von David Batchelders Strand-Fotografien.

Foto: David Batchelder

Wie dicke wulstige Linien ziehen sich die Sandrillen über das Bild. Immer unterbrochen von kleinen Störungen verjüngen sie sich, je weiter sie nach oben wandern. Eine lebendige Ordnung der Natur. So betrachtete Alfred Ehrhardt (1901-1984) das Watt und hielt zwischen 1933 und 1936 dessen Feinheiten in vielen Schwarzweißbildern fest, Struktur, Textur und Faktur von Materie, wie er es während eines Aufenthaltes am Bauhaus in Dessau 1928/29 im Vorkurs zur Materiallehre von Hans Albers gelernt hatte und in seiner späteren Lehrtätigkeit bis 1933 immer wieder seinen Schülern predigte, damals allerdings am Beispiel der Malerei.

In ständiger Veränderung

Als Ehrhardt mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wegen als „kulturbolschewistisch“ eingestufter Modernität seine Stelle an der Landeskunstschule in Hamburg verlor, begab er sich nach Cuxhaven und ging seinem Erstberuf als Kirchenmusiker nach. In der Umgebung entdeckte er auf langen Wanderungen das Watt, das sich unter dem Einfluss von Wind und Tide immer wieder veränderte und diese herrlichen Strukturen hervorbrachte, die Ehrhardt so begeisterten und zu Bildern anregten, die heute zu den Ikonen der Avantgardefotografie in den 30er-Jahren gehören und zu Ehrhardts allerbesten Arbeiten.

Entscheidung für die Fotografie

Die Dynamik, Rhythmik und Bewegung der Linien im Watt hielt er objektiv und sachlich fest, dennoch sah er in ihnen immer wieder auch andere Dinge, etwa die Äderung eines Pflanzenblattes, tierähnliche Gebilde oder vom Ozean umspülte Kontinente. In der Tradition von Karl Blossfeldts Pflanzenstudien und der neusachlichen Fotografie schuf Ehrhardt seine Wattwelten und arbeitete so mit einem anderen Medium als der Malerei, mit der er – beeinflusst von Paul Klee, Oskar Schlemmer und Wassily Kandinsky – seine künstlerischen Arbeit begonnen hatte, im Geist der Moderne weiter. Mit großem Erfolg. 1936 gab er den Brotberuf auf und widmete sich ganz der Fotografie und dem Filmemachen.

Seine berühmten Wattbilder sind nun in der Alfred Ehrhardt Stiftung neben den Arbeiten des US-Fotograf David Batchelder (*1939) zu sehen. Auch dieser widmet sein Werk einem kleinen Strandstück um den Küstenstreifen der Isle of Palms in South Carolina, ganz in der Nähe seines Heimatortes Charleston. Im Gegensatz zum Realismus Ehrhardts ließ Batchelder sich von subjektiven Fantasien leiten. Mal entdeckte er hier eine wunderliche Struktur, mal dort dieses märchenhafte Gebilde oder jene geheimnisvolle Chimäre. Versunken in seine Traumwelten befand sich Batchelder ohnehin nie wirklich am Strand, den die Gezeiten immer anders aussehen lassen. Wie Alice im Wunderland war er hinter den Spiegel getreten, abgetaucht in sein „Tideland“, wie er es nennt. Was er dort sah, bemerkten die anderen ohnehin nicht. Für ihn war es eine Schule des Sehens.

Faszinierende Gebilde

Wie beim automatischen Schreiben im Surrealismus ließ er sich beim Fotografieren ganz vom Unbewussten leiten und – fasziniert von den Gebilden vor sich – fotografische Wunderwelten entstehen, die oft gar nicht Eindruck einer Fotografie machen. Man glaubt die Pinselstriche eines Gemäldes zu entdecken oder die Schlieren eines Nass-in-Nass gemalten Aquarells. Man sieht William Turner, Max Ernst, Richard Oelze und viele andere. Chimären eben.

Alfred Ehrhardt Stiftung, Auguststr. 75, Mitte. Tel.: 200 95 33 3. Di.-So. 11-18 Uhr. Bis 8. Juli 2019. Katalog: 19,95 Euro.