Theatertreffen

Das Theatertreffen beginnt mit vielen hilflosen Männern

Zum Auftakt sorgt die Quoten-Entscheidung von Yvonne Büdenhölzer für Diskussionen. Simon Stones Inszenierung „Hotel Strindberg“ auch.

Angetrunkenes Paar: Martin Wuttke und Caroline Peters in Simon Stones „Hotel Strindberg“

Angetrunkenes Paar: Martin Wuttke und Caroline Peters in Simon Stones „Hotel Strindberg“

Foto: Sandra Then / Sebastian Hoppe

Am Freitag startete im Haus der Berliner Festspiele das 56. Theatertreffen mit Simon Stones Inszenierung „Hotel Strindberg“, und es wurde an diesem Abend bemerkenswert viel und intensiv über Frauen und ihre Rollen gesprochen. Gleichermaßen im Foyer wie auf der Bühne. Allerdings unter sehr unterschiedlichen Vorzeichen.

Den Premierenbesuchern spendierte Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer reichlich Gesprächsstoff mit ihrer vor wenigen Tagen verkündeten Entscheidung, dass das Theatertreffen für die nächsten beiden Jahre eine Frauenquote einführen werde. Demnach sollen mindestens 50 Prozent der zehn eingeladenen Inszenierungen von Regisseurinnen stammen.

„Eine Geste der Notwehr“

Auch der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, griff das Thema in seiner Eröffnungsansprache auf und nannte die Quote “eine Geste der Notwehr“: „Wir brauchen ein System von Unterstützung für Frauen“, so Oberender.

Männer wie Alfred, den von Martin Wuttke verkörperten, verkrachten Drehbuchautor, der einer der Protagonisten ist, die sich in Simon Stones „Hotel Strindberg“ einquartiert haben, stürzt das in die Krise. Wo er sich wahrscheinlich immer schon und auch ohne Frauen befunden hat, aber egal, für Alfred jedenfalls ist die Sache klar: Die Chauvis sind schuld! Die hätten die Frauen in den Guerillakrieg getrieben, erklärt er seinem sitzengelassenen Schwager und argumentiert sich bei ein paar gemeinsamen Drinks in der Hotel-Suite in die steile These: „Sie wollen keine Gleichberechtigung, sie wollen jetzt Rache!“

Strindberg und das andere Geschlecht

Die Männer hier sind allesamt einigermaßen irritiert über die Autonomie ihrer Frauen. Was auch daran liegt, dass der australisch-schweizerische Regisseur Simon Stone, der nach 2016 (mit „John Gabriel Borkman“) und 2017 (mit „Drei Schwestern“) bereits zum dritten Mal Gast beim Theatertreffen ist, sich grundthematisch auf August Strindberg beruft. Auf eine Handvoll seiner Kammerstücke, ergänzt um autobiografische Schriften. Die Texte muss man nicht kennen, um die Handlungshäppchen im Hotel einigermaßen zu kapieren. Aber es ist für das Gesamtbild, das sich hier ergibt, hilfreich zu wissen, dass August Strindberg nach drei krachend gescheiterten Ehen von der weiblichen Hälfte der Menschheit nicht allzu viel hielt.

Spektakuläres Bühnenbild

Außer diesem seltsam misogynen Menschenbild ist, wie bei Simon Stone üblich, vom Ursprungstext kaum etwas geblieben. Totalüberschreibung ist seine Methode, ein paar wenige Motive retten sich dabei in die Inszenierung, der Rest wird neu verfasst und in die Gegenwart verbaut. Die Menschen hier, sie smartphonen und tindern und whatsappen die ganze Zeit, und wir schauen ihnen dabei zu.

Das Spektakulärste an diesem Abend, der als Koproduktion des Wiener Burgtheaters mit dem Theater Basel entstand, ist das Bühnenbild von Alice Babidge: Auf drei Etagen stapeln sich insgesamt sechs Hotelzimmer übereinander. Rechts davon sieht man das Treppenhaus. Zum Zuschauerraum hin ist das Ganze vollverglast. So dass man zwar immer alle Akteure in diesem Wimmelbild der gescheiterten Paar- und Familien-Konstrukte sieht, aber hören tun wir jeweils nur jene Konversationen, die gerade per Mikroport in den Saal übertragen werden.

Kontrollverlust allerorten

Es werden uns zugespielt: Suchende und Süchtige, Geliebte und Betrogene, ein Paar, das gerade seine Scheidungspapiere unterschreibt, einige Paare, die das mal besser längst getan hätten, eine Mutter, die eine Affäre mit dem eigenen Schwiegersohn hat, ein paar ungeklärte Vaterschaften und ein Concierge, der wundersamer Weise hier den Überblick behält. Außerdem immer wieder: Männer, die beklagen, dass sie nichts mehr unter Kontrolle haben und Männer, die trotzdem noch so tun, als ob.

Es fehlt an Figurentiefe

Das alles schnurrt vor unseren Augen ab, als säßen wir vor einer Wand mit ganz vielen Bildschirmen, auf denen diverse Vorabendserien liefen und wird inhaltlich leider relativ schnell langweilig, weil den Figuren, vor allem im ersten Teil des insgesamt rund viereinhalbstündigen Abends, ganz entschieden die strindbergsche Tiefe fehlt. Das ändert sich im zweiten Teil zwar nur unwesentlich, er ist trotzdem deutlich besser, weil das ausnahmslos wirklich hervorragende Ensemble nach der schleppenden Exposition jetzt richtig aufdreht. Allen voran Martin Wuttke und Caroline Peters, die als deutlich beschwipstes Paar eine hinreißende Treppenhaus-Comedy über mehrere Etagen hinlegen, bei der sie ihn abwechselnd „Arschloch“ und „Liebling“ nennt und zwischen wüsten Beschimpfungen fürsorglich darauf hinweist, er möge bitte nicht über seine heruntergelassenen Hosenbeine stolpern. Am Ende hat er gar keine Hosen mehr an.

Alles löst sich auf

Wir sind inzwischen in einer geisterhaften Zwischenwelt gelandet, in der sich die Identitäten aufgelöst haben. Alfred ist in die geistige Umnachtung gedriftet und gibt nach einem Zwischenauftritt als alternder Rockstar nun den umnachteten Strindberg in der Unterhose. Sich windend klebt er an der Plexiglasscheibe. Sein letzter Satz lautet: „Ein Mann hat seine Würde doch verdient“. Mit einem nachgereichten „oder?“ entlässt er uns dann in die zwei vor uns liegenden Festivalwochen.

Alle Theatertreffen-Infos: www.berlinerfestspiele.de/theatertreffen