Deutschen Symphonie-Orchester

Dirigent Andrew Manze und ein lockerer Klassik-Abend

Der dänische Spätromantiker Carl Nielsen (1865-1931) gilt als Kassengift. Zu Unrecht, wie der Brite beweist.

Andrew Manze bei einem früheren Konzert.

Andrew Manze bei einem früheren Konzert.

Foto: Chris Christodoulou

Woran lässt sich erkennen, dass Ingo Metzmacher mal Chefdirigent in Berlin war? Ja, genau: an den „Casual Concerts“ des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO). Klassische Konzerte, bei denen die Musiker in bunter Alltagskleidung spielen. Konzerte auch, die nicht etwa schon um 20 Uhr mit der Musik beginnen – sondern erstmal mit der Jagd des Publikums nach der besten Sitz- und Hörgelegenheit. Denn in der Philharmonie herrscht an diesen Abenden traditionell freie Platzwahl. Drei weitere „Casual“-Traditionen: Nur ein einziges klassisches Werk steht auf dem Programm; hinterher gibt es stets eine Crossover-Party mit DJ im Foyer. Und dann sind da auch noch die Entertainer-Qualitäten des Dirigenten gefragt: Er hat nämlich die Aufgabe, mündlich ins Werk einzuführen und das Publikum aufzuwärmen. Unvergessen in diesem Zusammenhang übrigens der Auftritt von Ex-DSO-Chef Ingo Metzmacher vor drei Jahren: Rekordverdächtige 110 Minuten hielt er das Publikum damals in Atem – erst mit 60 Minuten Werkeinführung, dann mit 50 Minuten „Alpensymphonie“ von Richard Strauss.

Die Unauslöschliche

Viel kürzer fasst sich dagegen nun der Brite Andrew Manze. Eine knappe Viertelstunde charmantes Scherzen reicht ihm aus, bevor er richtig loslegt. Dabei ist diesmal eine echte Rarität zu hören: die Vierte Sinfonie des dänischen Spätromantikers Carl Nielsen aus dem Jahre 1916. Ein 40-minütiges Werk mit dem Beinamen „Das Unauslöschliche“, eine Feier des Lebens und der Natur im Allgemeinen – und nicht zuletzt auch Nielsens direkte Reaktion auf den Ersten Weltkrieg. Herb und streng klingt diese Musik jetzt unter Andrew Manze. Es ist ein ungeschönter Nielsen. Ein Nielsen mit sehnigen Streichern und kernigen Bläsern. Angesiedelt zwischen historisch informierter Aufführungspraxis und Klassischer Moderne. Doch so handfest das DSO an diesem Abend auch wirken mag – entziehen kann man sich diesem Nielsen trotzdem kaum. Weil Andrew Manze diese Handfestigkeit mit großer Leidenschaft und Energie verbindet. Und weil das DSO ihm dabei unerbittlich folgt.

Auf einmal lässt die Spannung nach

Einzige Ausnahme: das Poco adagio, wo der Spannungsbogen plötzlich gewaltig durchhängt. Doch war das vielleicht sogar Absicht? Schließlich gibt es hier vielleicht die letzte Gelegenheit, Luft zu holen vor dem Allegro-Endspurt. Und dieser Endspurt hat es in sich: Eine Fülle an kompositorischen Tricks und orchestralen Effekten stürmt hier auf den Zuhörer ein. Inklusive rasanter Fugato-Stellen und Schlussduell zwischen zwei Paukern.

Und das Publikum? Es jubelt ausgelassen. So ausgelassen, dass sich zwei Fragen geradezu aufdrängen. Erstens: Warum gilt Carl Nielsen hierzulande eigentlich als Kassengift? Und zweitens: Welches Berliner Orchester wird wohl als nächstes über seinen Repertoireschatten springen und Nielsens Vierte Sinfonie spielen?