Deutscher Filmpreis

Lola 2019: Triumph für den singenden Baggerfahrer

Andreas Dresens „Gundermann“ ist der große Sieger bei der Verleihung des 69. Deutschen Filmpreises.

Berlin.  Schluss mit E und U. Die Unterscheidung zwischen Ernsthaftigkeit und Unterhaltung ist eine typisch deutsche Marotte. Die hat sich bislang auch immer beim Deutschen Filmpreis niedergeschlagen. Wer Millionen ins Kino lockt, muss nicht auch noch Trophäen einstecken, so wohl die Denke.

In der Vergangenheit hat man deshalb eigens einen Publikumspreis eingerichtet, damit die Kassenerfolge doch irgendwo vorkommen. Und seit 2014 verleiht die Deutsche Filmakademie, die den Preis am Freitagabend zum 15. Mal vergab, selbst eine Lola für den besucherstärksten Film.

Den hat denn ein Bora Dagtekin für jeden seiner „Fack ju Göhte“-Filme bekommen. Aber auch wenn diese Filme sonstige Nominierungen ernteten – bekommen haben sie nichts anderes. Was Dagtekin auf offener Bühne denn auch schon als ganz schön niederschmetternd bezeichnete. Der neue Akademie-Präsident Ulrich Matthes hat sein Amt denn auch mit dem Statement angetreten, Schluss zu machen mit dem Hochmut und der Dünkelei.

Es ist vorbei mit der Trennung von E und U – zumindest fast

Da passt es ganz gut, wenn nun, bei der Verleihung des 69. Deutschen Filmpreises, ein Publikumsliebling auch „seriöse“ Lolas bekam. Mit über 3,6 Millionen Zuschauern hat Caroline Links „Der junge muss an die frische Luft“ Triumphe gefeiert in einem Jahr, in dem die Besucherzahlen in deutschen Kinos drastisch eingebrochen sind. Ja, der Film hat sogar ein bisschen die Bilanz gerettet. Dafür war ihm die Lola für den besucherstärksten Film sicher.

Aber die Verfilmung von Hape Kerkeling Kindheitserinnerungen bekam auch eine Lola in Bronze für den besten Film, also den dritten Platz in der Hauptkategorie. Und Luise Heyer gewann zudem für ihre ergreifende Darstellung als Kerkelings depressive Mutter als beste Nebendarstellerin.

E und U: „Ich will diese Trennung nicht“, bekannte Caroline Link auf der Bühne im Palais am Funkturm noch einmal kämpferisch. Aber obwohl der Film Millionen zum Lachen und Weinen gebracht hat – man hatte doch auch bei der diesjährigen Verleihung den Eindruck, dass der Film ein wenig zu schlecht wegkam. Weil er halt unterhaltend war.

„Gundermann“ - großer Sieger des Abends

Als der große Sieger des Abends ging Andreas Dresens „Gundermann“ hervor. Auch das ist ein verdienter Sieg. Vor allem, weil anfangs so viele meinten, einen Film über den DDR-Liedermacher Gerhard Gundermann, den „singenden Baggerfahrer“, wolle niemand sehen, dass der Regisseur schon selbst fast den Glauben verloren hatte.

Mit zehn Nominierungen war der Film dann aber schon der große Favorit des Abends, und am Ende konnte er sechs Preise einheimsen: für Szenenbild, Kostüm, Drehbuch, Hauptdarsteller, schließlich durfte Dresen für die beste Regie selbst auf die Bühne und dann auch noch einmal beim Hauptpreis, der Lola in Gold.

Während in den vergangenen Jahren ein großer Preisregen auf Einzelfilme wie „Toni Erdmann“ 2017 und „3 Tage in Quiberon“ 2018 niederfiel, verteilten sich die Preise diesmal – in einem Jahr, das zwar schlechte Zahlen schrieb, aber viele starke Filme hervorbrachte – beinahe salomonisch auf drei Produktionen.

Denn als dritter Film war da noch „Styx“, der Außenseiter des österreichischen, wiewohl in Berlin lebenden Regisseurs Wolfgang Fischer. Ein wichtiger, politischer Film zur aktuellen Flüchtlingskrise, der eine eigene Haltung erzwingt. „Styx“, sechs Mal nominiert, konnte vier Mal reüssieren: Es gab Preise für Ton, Kamera, Hauptdarstellerin Susanne Wolff und schließlich auch die Lola in Silber für den Besten Film.

Ulrich Matthes schmettert ein Ständchen für Iris Berben

Für den rührendsten Moment des Abends sorgte Luise Heyer, die als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde, hochschwanger auf die Bühne kam, erst mal weinte, nichts sagen konnte und dann zugab, dass ihre Hormone gerade komplett durchdrehten.

Auch hübsch: Margarethe von Trotta, die den Ehrenpreis erhielt, sprach ihre Dankesrede in die Lola statt ins Mikrophon, bis ihre Laudatorin Katja Riemann sie darauf hinwies. Den besten Akt lieferte allerdings Ulrich Matthes. Der durfte seine erste Lola-Verleihung als neuer Präsident der Deutschen Filmakademie einweihen. Und begann damit, indem er seiner Vorgängerin Iris Berben ein Abschiedsständchen schmetterte: „The Lady is a Tramp“.

Dann aber schwang er sich auf zu einer großen emotionalen Ermutigungsrede an die Branche: Zuversicht wollte er verströmen, dass Kino, trotz der schwindenden Zuschauerzahlen dort und dem Aufkommen der Streamingdienste, immens wichtig ist: Denn „in Zeiten, wo es empathiebefreite Zonen gibt, sind Orte, wo Diversität gefeiert wird, nötiger denn je.“ Und eben das leiste das Kino.

Die 69. Filmverleihung war also auch ein Abend, an dem die Branche sich selber Mut machte. Und das mit dem E und U klappt vielleicht auch noch.

Mehr zum Thema: Interview mit Margarethe von Trotta zu ihrer Ehren-Lola

Mehr zum Thema: Interview mit den drei nominierten Regisseuren

Alle Preise auf einen Blick:

Bester Spielfilm – Lola in Gold „Gundermann“ von Andreas Dresen. Lola in Silber „Styx“ von Wolfgang Fischer. Lola in Bronze „Der Junge muss an die frische Luft“ von Caroline Link.

Bester Kinderfilm „Rocca – Verändert die Welt“ von Katja Benrath.

Bester Dokumentarfilm „Of Fathers and Sons“ von Talal Derki.

Regie Andreas Dresen für „Gundermann“.

Drehbuch Laila Stieler für „Gundermann“.

Hauptdarstellerin Susanne Wolff in „Styx“.

Hauptdarsteller Alexander Scheer in „Gundermann“.

Nebendarstellerin Luise Heyer in „Der Junge muss an die frische Luft“.

Nebendarsteller Alexander Fehling in „Das Ende der Wahrheit“.

Kamera/Bildgestaltung Benedict Neuenfels für „Styx“.

Schnitt Anne Fabini für „Of Fathers and Sons“.

Filmmusik Hochzeitskapelle für „Wackersdorf“.

Szenenbild Susanne Hopf für „Gundermann“.

Kostümbild Sabine Greunig für „Gundermann“.

Maskenbild Maike Heinlein, Daniel Schröder und Lisa Edelmann für „Der Goldene Handschuh“.

Tongestaltung Andreas Turnwald, Uwe Dresch, Andre Zimmermann und Tobias Fleig für „Styx“.

Besucherstärkster Film „Der Junge muss an die frische Luft“ von Caroline Link.

Bernd-Eichinger-Preis Filmproduzent Christian Becker.

Ehrenlola für herausragende Leistungen Regisseurin Margarethe von Trotta.