Terrorismus

So erlebte ein Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ das Attentat

Philippe Lançon wurde beim Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo ins Gesicht geschossen. Er schreibt zurück.

Musste lernen, mit der Gewalt zu leben: Philippe Lançon.

Musste lernen, mit der Gewalt zu leben: Philippe Lançon.

Foto: Christophe Archambault / AFP/Getty Images

„Am 7. Januar 2015 gegen 10 Uhr 30 waren in Frankreich nicht viele Leute Charlie“, bemerkt Philippe Lançon recht nüchtern in seinem Erinnerungsbuch „Der Fetzen“. Am Abend desselben Tages war es fast die ganze Welt. „Je suis Charlie“ wurde zu einem der am weitesten verbreiteten Hashtags in den sozialen Medien, die Solidarität mit dem französischen Satiremagazin schien grenzenlos. Zwei Islamisten waren an diesem Tag in die Redaktionskonferenz des Magazins gestürmt, hatten insgesamt 12 Menschen getötet und mehrere Personen schwer verletzt. Die Seele von Charlie Hebdo sollte ermordet werden, es war ein Angriff auf die Pressefreiheit der modernen Welt.

Plötzlich ist alles anders

Lançon, Jahrgang 1963, ein freier Mitarbeiter bei Charlie Hebdo und Kulturkritiker der Zeitung „Liberation“, wird von einer Minute auf die andere in ein anderes Leben, ein anderes Dasein katapultiert. Nach den Schüssen liegt er in einer Blutlache, von der er nicht einmal ahnt, das es seine eigene ist. Einer der Attentäter steht über ihm, befindet ihn keines weiteren Schusses mehr wert, lässt ihn bei den Leichen seiner Freunde liegen.

Ein mitreißendes, kluges Buch

Lançon schildert die Stille, bis Polizei und Rettungswagen kommen. Stille, und der scheinbar ewig dauernde Blick auf das Gehirn seines Freundes, dem Autor und Ökonomen Bernard Maris, das leicht aus dessen Kopf herausquillt. Lançon selbst wurde ins Gesicht geschossen, sein Unterkiefer ist vollkommen zerfetzt. Er kann nicht sprechen, nicht essen, wird 282 Tage im Krankenhaus verbringen, muss 17 Operationen überstehen. Er schreibt über diese Zeit, über die Personen, die ihn umgeben, die Ärzte, Freunde, Familie, den Besuch von Staatspräsident François Hollande, seine Gedanken über das Attentat, die Bücher, die ihm Halt geben, alles, was ihn berührt. Es ist ein überaus mitreißendes, sehr kluges Buch geworden, das man öfter einmal zur Seite legen muss, weil es nicht leicht zu verdauen ist.

Das Magazin galt als ruiniert

Lançon strebt nach Wahrheit und weiß, dass auch seine eigene Geschichte natürlich nur Fiktion sein wird. Er schwört dem Dandytum des Journalismus ab, will keine unnötigen Stilblüten mehr produzieren, was ihm auf bewundernswerte Art und Weise hier gelingt. Zur Wahrheit gehört, dass die kreativen Köpfe von Charlie Hebdo 2015 längst zu wissen glaubten, dass ihr Magazin mittlerweile Geschichte war, „völlig ruiniert“, „praktisch am Ende“. Lançon schreibt von der zunehmenden Distanz bei anderen Zeitungen und in intellektuellen Kreisen, die zu spüren war, nachdem Charlie Hebdo 2006 die Mohammed-Karikaturen der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten abgedruckt hatte. Er beklagt die fehlende Solidarität als „berufliche und moralische Schande“, durch die Charlie Hebdo isoliert und angeprangert wurde, was letztlich dazu beigetragen habe, das Magazin zur Zielscheibe der Islamisten werden zu lassen. Schon vor 2015 gab es im November 2011 einen Brandanschlag, der das Archiv vernichtete und die Mitarbeiter zutiefst verstörte. „Nicht ohne eine gewisse Beschämung“, stellt Lançon fest, dass der Zeitpunkt kam, da auch er aufhörte, „Charlie in der Metro aufzuschlagen“.

Diskussion über Houellebecq

2015 dreht sich alles um das Enfant Terrible der französischen Literatur, Michel Houellebecq. Eine Karikatur von ihm ist auf dem Titel der aktuellen Ausgabe des Magazins, in der Redaktionskonferenz wird sein Roman „Unterwerfung“, der am gleichen Tag erscheint, und in dem Frankreich 2022 zu einem islamischen Staat wird, gerade kontrovers diskutiert, als die Attentäter in den Raum stürmen. Lançon selbst hatte eigentlich einen Interviewtermin mit Houellebecq, hat das Buch selbst zur Rezension gelesen, verteidigt den Roman zusammen mit Bernard Maris gegen die harsche Kritik der Charlie-Kollegen. Selbst die plastische Chirurgin, die später Lançons Gesicht wiederherstellen wird, bekommt an diesem Tag das Buch geschenkt.

Einsamkeit im Schmerz

Im Krankenhaus liest Lançon lieber Franz Kafka, Thomas Manns „Zauberberg“ und Marcel Proust. Er erlebt keine wiedergefundene und auch keine verlorene Zeit, er lebt eine „durchbrochene Zeit“, weil selbst seine Erinnerungen jetzt die eines anderen Menschen sind. Das Schreiben hilft ihm, sich von sich selbst zu distanzieren, aus sich herauszutreten, auch wenn es doch um ihn persönlich geht. Er ist daher zutiefst dankbar für seinen Beruf. Im privaten Umfeld ist das nicht leicht durchzustehen. Seine Lebensgefährtin, mit der er eigentlich für eine Zeit nach Amerika hatte gehen wollen, wirft ihm vor, sich auch durch sein Schreiben in seinem Schmerz und seiner Bekanntheit zu suhlen.

Lançon leidet unter Alpträumen und realen Ängsten. Vier Polizisten bewachen ihn rund um die Uhr. Er ist weiterhin gefährdet, hat Angst, dass Attentäter den OP stürmen. Zwischen quälenden Knochen- und Hauttransplantationen und Rückschlägen verspürt er „nur wenig Glück zu existieren“. Von außen gibt es die Erwartung an ein schnelles Happy End, eine sofortige Genesung, eine Rückkehr des Helden ins normale Leben. Als wäre all das nicht geschehen.

Die Täter sind unwichtig

Schuldgefühle, auch die, als einer der wenigen überlebt zu haben, hat er nicht. Was denkt er über die Täter? Sie sind bemerkenswert unwichtig für ihn. Er empfindet keine Wut auf die Brüder Kouachi, Franzosen mit Migrationshintergrund, die für ihn allerdings gegen das oberste Prinzip der Zivilisation verstoßen haben: Du sollst nicht töten. Sozialpsychologische Erklärungsversuche, ein Verstehen oder Annähern an die Täterbiografien lehnt er entsprechend ab: „Jeder Mensch, der tötet, definiert sich durch seine Tat und durch die Toten rings um mich. In diesem Punkt übersteigt meine Erfahrung mein Denken.“

Es gibt kein Entkommen

Philippe Lançon ist als „Kriegsverletzter in einem Land, das in Frieden lebte“ ins Krankenhaus gekommen, er war auf grausamste Weise entstellt. Äußerlich ist den Ärzten fast ein kleines Wunder gelungen. Innerlich hält er es mit Kafka, von dem er gelernt hat, dass es aus der Hölle, in der man sich befindet, kein Entkommen gibt: „Ich konnte weder die Gewalt, die mir angetan worden war, verdrängen, noch die, welche ihre Auswirkungen zu lindern versuchte. Doch ich konnte lernen, mit ihr zu leben, sie zähmen, indem ich mit Kafka nach möglichst viel Süßigkeit strebte.“

Philippe Lançon: Der Fetzen. Tropenverlag, 551 Seiten, 25 Euro.