Deutscher Filmpreis

Regie-Dreier zur Lola: „Den Preis musst du jetzt kriegen“

Ihre Filme sind die großen Favoriten bei der Lola: Caroline Link, Andreas Dresen und Wolfgang Fischer über Preise und Konkurrenz.

Gruppenbild mit Dame: die Regisseure Wolfgang Fischer, Caroline Link und Andreas Dresen (v.l.) beim Gespräch mit der Berliner Morgenpost.

Gruppenbild mit Dame: die Regisseure Wolfgang Fischer, Caroline Link und Andreas Dresen (v.l.) beim Gespräch mit der Berliner Morgenpost.

Foto: Maurizio Gambarini

Wenn am Freitagabend in Berlin der Deutsche Filmpreis verliehen wird, sind sie die drei großen Konkurrenten: Caroline Link, Andreas Dresen und Wolfgang Fischer sind nicht nur alle drei für die beste Regie nominiert, ihre Filme „Der Junge muss an die frische Luft“, „Gundermann“ und „Styx“ gehen auch als die großen Favoriten ins Rennen. Als wir die Filmemacher zu einem gemeinsamen Gespräch bitten, ist aber von Konkurrenz gar nichts zu spüren. Die Kollegen gehen ganz herzlich miteinander um und finden es auch ganz spannend, sich über dieses Gespräch einmal miteinander auszutauschen.

Berliner Morgenpost: Frau Link, Herr Dresen, Herr Fischer, kennen Sie sich eigentlich untereinander?

Andreas Dresen: Wolfgang und ich kennen uns offenbar von einer Party. Da muss ich aber so betrunken gewesen sein, dass ich mich nicht erinnern kann...

Wolfgang Fischer: Du bist aber noch nach Hause gefahren!

Caroline Link: (zu Dresen) Wir saßen mal bei der Filmakademie zusammen auf einem Podium. Du hast damals gesagt, dass für dich jeder einzelne Mitarbeiter unglaublich wichtig ist und es Dir vor allem um Harmonie und gute Stimmung am Set geht. Ich hatte dann Lust, Dir zu widersprechen. Manchmal kann auch Aggression ein kreativer Motor sein. Ich glaube, ich bin nicht so ein friedlicher Mensch wie Du. (lacht)

Mehr zum Thema: Das sind die Nominierungen zum Deutschen Filmpreis

Die Deutsche Filmakademie ist ja nicht nur dafür da, um die Lolas zu verleihen. Eigentlich ist sie ja gedacht als Forum für alle Filmschaffenden, um besser vernetzt zu sein. Ist man sich dadurch wirklich näher gekommen? Oder arbeitet weiter jeder eher für sich?

Link: Da ich in München lebe, verpasse ich viele interessante Veranstaltungen. Das ist sicher ein Grund, warum ich nicht so von der Akademie profitiere, wie man könnte.

Dresen: Ich finde, das funktioniert grundsätzlich schon ganz gut. Und die Vergabe von Filmpreisen, das war immer schon ein Roulettespiel. Auch zu Zeiten, als das noch unabhängige Jurys für den Innenminister verhandelt haben. Da finde ich es schon besser, wenn die Filmschaffenden selbst sich mit der Produktion eines Jahres auseinandersetzen. Daraus entsteht sofort eine lebendigere Kommunikation über die Filme. Das finde ich, ehrlich gesagt, besser und wichtiger als die Preisverleihung selbst.

Fischer: Ich bin ja ganz neu hier. Ich komme aus Österreich und bin Teil der dortigen Filmakademie. Durch die Nominierung von „Styx“ bin ich jetzt auch Mitglied in der Deutschen Filmakademie geworden. Ich lebe in Berlin und möchte mich auch hier einbringen. Ich bin mit vielen Regisseuren befreundet und freu mich Gewerke übergreifend auf die Plattform der Akademie.

Link: Grundsätzlich ist es aber schon so, dass man sich zu wenig mit Regiekollegen austauscht. Das hat auch die Filmakademie nicht verändern können. Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Es gibt wenig Austausch. Und, wie ich finde, auch eine große Berührungsangst. Ich halte mich für einen relativ offenen Menschen und tausche mich gern mit Kollegen aus. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es da viel Misstrauen gibt.

Sie alle sind für die beste Regie nominiert, Ihre drei Filme sind die großen Favoriten beim Filmpreis. Empfindet man sich da eigentlich als Konkurrenz?

Fischer: Das möchte ich so nicht sehen. Dass ich als Ausländer hier beim Deutschen Filmpreis nominiert bin, mit einem klar politischen Film, fast ohne Dialoge und kaum Personal, finde ich schon so speziell, dass ich mich wahnsinnig darüber freue. Wer am Ende gewinnt, ist eh Lotterie. Aber dabei zu sein und schon vorab diese Aufmerksamkeit zu bekommen, ist einfach toll. Vor allem, da es sich ja um eine Honorierung von Kollegen handelt.

Link: Das finde ich auch den wesentlichsten Punkt. In der Regiesparte kann man nur von Regisseuren nominiert werden. Mein Film „Im Winter ein Jahr“ etwa war vor einigen Jahren als bester Film und für ein paar Einzelleistungen nominiert, aber ich nicht. Und das hat mich damals, ehrlich gesagt, ziemlich gekränkt. Ich habe das als Ablehnung empfunden. Das tut jetzt schon sehr wohl, dass man von Kollegen gewertschätzt wurde.

Dresen: Und ich muss jetzt auch einfach mal sagen: Ich finde das in diesem Jahr eine coole Runde. Und das ist nicht immer so. Manchmal tritt man ja auch gegen Kollegen an, deren Arbeiten man nicht so mag. Wir haben trotzdem ganz verschiedene Filme, ich finde das eine tolle Bandbreite. Deshalb sollten wir einfach Spaß haben an dem Abend. Der Rest ist Roulette. Manchmal ist es vielleicht auch nur eine Stimme zu wenig, das erfährt man ja nicht. Aber davon geht die Welt nicht unter. Es ist am Ende nur ein Filmpreis.

Link: Na ja, Andreas, Du und ich, wir haben gut reden. Wir haben beide schon eine Lola zuhause stehen. Wolfgang sieht das wahrscheinlich ein bisschen anders.

Dresen: Du musst den jetzt eigentlich kriegen!

Fischer: Natürlich sind Preise was Feines. Aber dass ich diesen Film überhaupt machen konnte, dass er jetzt diese Wertschätzung erfährt nach der neunjährigen Entstehungsgeschichte, mit all den Schwierigkeiten, die es gab, das ist absolut großartig. Auch wenn es am Ende keinen Preis dafür gibt, bin ich sehr dankbar.

Dresen: Es kann aber schon auch sehr frustrierend sein. Ein Film von mir war mal mehrfach nominiert und hat am Ende gar nichts gekriegt. Das ist dann brutal, da schluckt man schon. Aber wenn man dann auch mal durchmarschiert und mehrere auf einmal kriegt, macht man seinen Frieden damit.

Porträt: Schauspielerin Luise Heyer ist gleich zwei Mal nominiert

Letztes Jahr hat Emily Atef den Regie-Preis gewonnen, 2017 Maren Ade. Danach muss man bis ins Jahr 2002 zurückgehen, wo Sie, Frau Link, als Regisseurin den Preis bekamen. Sie waren überhaupt die erste, die ihn alleine bekam. In den achtziger Jahren wurden zwei Mal die Preise an einen Mann und eine Frau verteilt. Ist das jetzt normaler gewonnen?

Link: Im Ernst? Margarethe von Trotta hat ihn nie bekommen? Auch Doris Dörrie nicht? Ist ja unglaublich. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Kolleginnen, deren Filme auf A-Festivals laufen und die auch international sehr viel Erfolg haben. Man neigt dann dazu, anzunehmen, es normalisiere sich alles. Aber rein numerisch ist es dann doch immer wieder verblüffend.

Dresen: Aber du bist ja am Ende auch nicht nominiert, weil du eine Frau bist. Sondern weil du einen tollen Film gemacht hast. Ich glaube nicht, dass es da bei der Nominierung der Akademie politische Überlegungen gibt.

Link: Na, das fände ich dann auch seltsam. Das würde ich nicht wollen.

Dresen: Und je mehr Frauen dann hoffentlich in der Branche eine Rolle spielen, desto mehr wird sich das auch ins Gleichmaß rütteln.

Link: Aber trotzdem: Es ist offensichtlich immer noch nicht selbstverständlich. Schon gar nicht mit einer gewissen Kontinuität. Das empfinde ich sowieso als das größte Problem in unserem Beruf: über Jahre hinweg gute Arbeit zu machen. Immer wieder Geld aufzutreiben, Projekte ins Rollen zu bringen und am Ende zu überzeugen. Es ist nicht unmöglich einen guten Erstlingsfilm zu drehen, aber daraus ein Leben lang einen Beruf zu machen, das ist eine harte Nuss.

Fischer: Man kann Erfolg nicht immer wiederholen. Man muss auch scheitern dürfen. Ich fange bei jedem Film wieder bei Null an. Die Grundlage für alle Folgeprojekte und deren Finanzierbarkeit ist natürlich nach einem Erfolg erheblich besser, wie auch das Selbstverständnis, klar. Nach einem schwierigen Film ist es dementsprechend schwer, wieder mitspielen zu dürfen.

Link: Da muss man aber auch erst mal definieren: Was ist überhaupt Erfolg? Das ist eins der Themen, die mich hierzulande am meisten umtreibt: diese Trennung zwischen E und U, zwischen Ernsthaftigkeit und Unterhaltung. Ich weiß gar nicht, warum uns das in Deutschland so schwer fällt. In anderen Ländern gelingt es doch auch, mit erwachsenen, ernsthaften Filmen Zuschauer zu machen.

In diesem Jahr ist das bei Ihrem Film ja gelungen. Sonst ist es eher so, ein Publikumserfolg kriegt die Lola für den besucher-stärksten Film und bleibt sonst außen vor.

Dresen: Und den hast du doch sowieso schon!

Link: Aber wieviel hast du mit Gundermann?

Dresen: 350.000. Du hast das Zehnfache. Aber ich freu mich schon wahnsinnig, dass wir überhaupt so viele bekommen haben. Uns ist vorab jede Menge Skepsis entgegengeschlagen. Es haben so viele gesagt, den Film will doch keiner sehen, dass ich es am Ende schon selbst geglaubt habe.

Sie haben alle drei sehr starke Filme gedreht. Die kamen aber alle in einem Kinojahr heraus, das horrible Zuschauereinbußen ver-zeichnet hat. Macht man sich da eigentlich Gedanken, ob noch genug Leute ins Kino finden, ob man noch den richtigen Job macht?

Dresen: Caroline muss sich das wohl am wenigsten fragen. Aber klar bekommt man Zweifel! Wir arbeiten ja nicht für den luftleeren Raum und möchten Resonanz für unsere Arbeit erfahren. Ich bin traurig, wenn die Leute nicht ins Kino gehen. Mich frustriert das, und es bereitet mir Sorge, dass die Zuschauer im Kino immer älter werden…

Fischer: Und da fragt man sich automatisch: Kommt noch wer nach? Das ist eine erschreckende Realität. Aber das ist nicht nur im deutschsprachigen Raum so, diese Entwicklung ist weltweit zu verfolgen. Natürlich steht für jeden die Frage im Raum, ob man andere Formate bedienen sollte. Das treibt mich auch um.

Link: Interessant fand ich, dass ein Film wie „Roma“ von Netflix produziert wurde, ohne dass sie besonderen Wert darauf gelegt hätten, wie der im Kino reüssiert. Netflix wollte damit einfach nur das eigene Image verbessern. Die wollten, dass der Film künstlerisch punktet. Ist doch super. Wenn man ohne kommerziellen Druck solche Filme für Streaming Plattformen drehen kann! Den Gedanken finde ich irgendwie beruhigend, dass es auf diese Weise neue Investoren gibt, die anspruchsvolles Kino unterstützen. Das hilft natürlich nicht dem Kino als Abspielstätte. Aber als Filmemacherin will ich vor allem meine Filme drehen.

Sie erhält den Ehrenpreis: Ein Interview mit Margarethe von Trotta

Filmfördertöpfe wie DFFF oder Medienboard unterstützen inzwischen auch Serienformate. Ist das eine zunehmende Bedrohung, dass man klassische Filmfördermittel auch noch an die Konkurrenz verlieren könnte?

Dresen: Darüber habe ich, ehrlich gesagt, nie nachgedacht. Ich persönlich bin kein Serienjunkie, ich frage mich auch immer, wo die Leute all die Lebenszeit hernehmen, um das alles sehen zu können.

Link: Was mir an Serien gefällt ist, dass man wirklich episch erzählen kann. Es gibt wie überall viel Mist, aber auch einiges Gutes. Und wenn etwas gut ist, kann ich es nicht als Bedrohung sehen.

Fischer: Ich empfinde das nicht als Konkurrenz zum Kino per se. Die Leute, die Serien entwickeln, sind in den häufigsten Fällen selbst Kinomacher. Mir tut das vor allem für Verleiher und Kinobetreiber, besonders die kleineren, sehr leid. Das ist existenzbedrohend. Persönlich liebe ich dieses intensive, emotionale Erlebnis in einem Raum mit lauter Fremden, diese 90- Minuten-Welt zu teilen. Trotzdem erkenne ich natürlich an, dass sich das Streamingangebot insgesamt so breit und vielfältig entwickelt hat, dass ich mich über viele spannende und anspruchsvolle Formate freue, die so tatsächlich ihr Publikum finden, das ansonsten nur schwer ins Kino zu locken ist oder gar nicht die Möglichkeit hätte, bestimmte Filme zu sehen.

Dresen: Ich habe aber das Gefühl, dass das horizontale Erzählen, das da immer so hochgehalten wird, auch manchmal in die Leere führt. Ich finde es durchaus auch auch mal schön, wenn ein Film es in zwei Stunden schafft, auf den Punkt zu kommen. Ich möchte auch einen Ort der Erschütterung haben, und das ist Kino für mich.

Beim Deutschen Filmpreis, das ist einzigartig, das gibt es nicht beim Oscar, nicht beim César, nicht beim Europäischen Filmpreis, hängen ja immer auch deutsche Filmförderermittelgelder dran. Es ist sogar der höchstdotierte Kulturpreis des Landes. Müsste die Lola irgendwann einmal stark genug sein, dass man Preis und Fördergeld voneinander trennt?

Dresen: Ich finde nicht, dass man das trennen sollte. Es ist ein Kulturpreis, der ist auch Förderung für die weitere Arbeit. Sonst bliebe ja nur die Preisverleihung übrig. Und roter Teppich und all das ist mir sowieso ein Graus, dafür bin ich nicht geschaffen. Die Diskussion gibt es natürlich erst, seit die Filmakademie die Preise vergibt und dabei staatliche Gelder verteilt. Aber sind die Entscheidungen, seitdem so viel schlechter geworden? Ich finde nicht. Das ist genauso gerecht oder ungerecht wie zuvor.

Fischer: Ich finde das ganz elementar. Wenn man sich so viel Zeit für seine Stoffe nimmt und dafür so viel investieren muss, dann ist das eine große Ermutigung, weiterzumachen und an dieser Präzision zu arbeiten, die ein Film braucht.

Link: Was mir daran nicht gefällt: dass die Vergabe von Preisgeldern mit dieser merkwürdigen Eigenart des Deutschen Filmpreises verbunden ist, dass es eine Vorauswahl geben muss. Nur weil wir so viele Steuergelder vergeben, muss es eine Instanz geben, die alle diese Filme vorselektiert. Und die stört mich sehr. Weil da jedes Jahr Filme rausfliegen, über die ich gern mitabgestimmt hätte.

Fischer: So ist es ja beim Europäischen Filmpreis, was es erstmal nicht einfacher macht. Da kommen ganz viele Filme in die Auswahl, und am Ende gewinnen letztlich doch nur die bekanntesten Namen, weil de facto keiner sich all die Filme anschaut. Dieses System ist auch nicht besser. Ich finde eine Jury schon wichtig.

Link: Eine Vorauswahl gibt es bei keinem wichtigen Preis der Welt! Weder beim Oscar noch beim César...

Fischer: Der Oscar ist meiner Meinung nach kein leuchtendes Beispiel. Das ist ein extrem verschärfter Wettbewerb durch die millionenstarken Kampagnen, die investiert werden müssen, will man ernsthaft gewinnen. Netflix hat sich die Promotion für Roma über 30 Millionen kosten lassen, um mit am Tisch sitzen zu dürfen. Das ist mehr als doppelt soviel, wie die eigentliche Produktion zur Verfügung hatte. Dass der Film tatsächlich großartig ist, war dabei eher Nebensache. Das finde ich schräg.

Link: Trotzdem: Diese wichtige Entscheidung muss bei allen Mitgliedern der Akademie liegen. Wenn ich zu faul dazu bin, viele Filme zu gucken, ist das mein Problem. Ich würde mir gern alle Filme eines Jahres anschauen. Wenn ich zu faul dazu bin, ist das mein Problem.