Neu im Kino

Catherine Deneuve macht Tabula rasa – aber nur im Kino

Alles muss raus: In ihrem neuen Film „Der Flohmarkt von Madame Claire“ räumt der Alt-Star kräftig auf. Und zieht einen Schlussstrich.

Die betagte Claire Darling (Catherine Deneuve) trennt sich eines Tags von all ihren Habseligkeiten.

Die betagte Claire Darling (Catherine Deneuve) trennt sich eines Tags von all ihren Habseligkeiten.

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Nach und nach schleichen sich die Dinge aus dem Alltag. Im Alter, auf den letzten Lebensmetern, räumen viele Menschen ganz wortwörtlich auf, verschenken und sortieren aus: Möbel, Küchengeräte, Kleidungsstücke oder ganz persönliche (Schmuck-) Stücke, in denen mitunter viele Jahrzehnte stecken. Die betagte Claire Darling (Catherine Deneuve) in „Der Flohmarkt von Madame Claire“ hat Ähnliches vor, sich aber für einen radikaleren Schritt entschieden.

Statt eines Abschieds auf Raten stellt sie an einem Tag urplötzlich fast das gesamte Inventar ihres Anwesens zum Verkauf: all die kostbaren Antiquitäten, Lampen, Bücher, nicht zuletzt die große Kollektion von Puppen und mechanischen Spielzeugen, die sie über lange Zeit gesammelt hat. Alles muss raus.

Und sie gibt es weg zu einem symbolischen Preis, denn, und davon ist sie überzeugt: Heute ist der letzte Tag ihres über 70 Jahre langen Lebens. Der Film folgt ihr durch diese womöglich letzten Stunden, in denen dann auch noch ihre Tochter Mary (Chiara Mastroianni) auftaucht, die sie seit langer, langer Zeit nicht gesehen hat.

Zerrüttetes Mutter-Tochter-Verhältnis

Obwohl im Schaffen von Julie Bertuccelli eigentlich die dokumentarischen Arbeiten überwiegen, macht die Regisseurin seit ihrem hoch gelobtem Debüt „Seit Otar fort ist“ von 2003 alle Jubeljahre auch mal Schlenker zum Spielfilm – mit „Der Flohmarkt von Madame Claire“ zum dritten Mal. Grundlage ist ein Roman von Lynda Rutledge, dessen Handlung sie von Texas in die französische Kleinstadt Verderonne verlegt hat.

Dort beobachtet sie die Geschehnisse in sommerlicher Idylle mit sehr ruhigem Atem und einer gewissen Leichtigkeit. Nach und nach aber weht Claires Vergangenheit hinein und das Drama übernimmt die Geschichte: Die Tode ihres Mannes und ihres Sohnes spielen dabei eine Rolle; ein zerrüttetes Mutter-Tochter-Verhältnis tritt zu Tage.

Am Ende gibt es einen großen Rumms

In zahlreichen Rückblicken schälen sich dabei die Schlüsselereignisse ihrer tragischen Familiengeschichte heraus. Bertuccelli inszeniert das mit einem Blick für Ausstattungsdetails als so etwas wie ein gedankliches Schweifen, einen assoziativen Strom an Erinnerungen, die immer wieder in die Gegenwart hineinfließen und bei dem sich die Figuren im Heute und Gestern mitunter gegenüberstehen.

Bevor „Der Flohmarkt von Madame Claire“ mit einem großen, dramaturgischen Rumms zu Ende geht, der so gar nicht zum übrigen Tonfall passen will, zieht die Lebensrückschau allerdings seltsam plätschernd vorbei. Zu vieles wird angerissen, zu wenig vertieft. Gemessen an all den traurigen Ereignissen und Konflikten bleibt diese Aufarbeitung so emotional seltsam verschlossen. Öffnet sich der Film in dieser Hinsicht hin und wieder doch einen Spalt breit, dann liegt das vor allem an Catherine Deneuve, die mit Anmut, ergrautem Lockenhaar und einem umherschweifenden Blick durch die Szenerie treibt.

Ist ihr Spiel sonst so oft geprägt von einer kühlen Eleganz, rührt sie hier immer wieder auf leise Weise: in den Anflügen dementer Verwirrungen, in ein paar schön entrückten Augenblicken und nicht zuletzt in den Szenen gemeinsam mit ihrer Tochter Chiara Mastroianni, mit der sie hier einmal mehr vor der Kamera steht.

Komödie F 2018 94 min., von Julie Bertuccelli, mit Catherine Deneuve, Chiara Mastroianni, Samir Guesmi