Schiller Theater

„Unterleuten“: ein kleines Dorf und große Schweinereien

Mit ihrem Roman über Konflikte in der brandenburgischen Provinz landete Juli Zeh einen Bestseller. Nun ist er auf der Bühne zu sehen.

Städter auf dem Dorf: Katrin Hauptmann und Johannes Heinrichs.

Städter auf dem Dorf: Katrin Hauptmann und Johannes Heinrichs.

Foto: Franziska Strauss / Komödie am Kurfürstendamm

Es gibt Gerüchte in Unterleuten, die besagen, Rudolf Gombrowski sei ein Mörder. Nach der Wende hat er nämlich alles daran gesetzt, die LPG aus DDR-Tagen in die Ökologica-GmbH zu überführen. Mit ihm als alleinigem Geschäftsführer. Dafür sei ihm jedes Mittel recht gewesen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Er habe seinen Widersacher Kron nachts in den Wald gelockt und ihm von seinem Handlanger Schaller ein Bein zerschmettern lassen. Der zur Hilfe eilende Erik Kessler sei zu Tode gekommen. Wie, wurde nicht geklärt.

Unbeglichene Rechnungen

Auch nach über einem Vierteljahrhundert ist der Dorfklatsch nicht verstummt. Mehr noch: Die alten Fehden werden nach wie vor mit Ingrimm ausgetragen. Gombrowski ist weiterhin der meistgehasste Mann in Unterleuten. Doch ohne sein Wissen passiert nichts im Ort. Noch. Denn es gibt neue Mitspieler im brandenburgischen Dorf. Zugezogene aus Berlin. Sie mischen kräftig mit, als ein Investor einen Windpark in unmittelbarer Nachbarschaft errichten möchte. Befeuern das Männerduell zwischen Gombrowski und Kron. Bis es am Ende tatsächlich einen Toten gibt.

Idylle als Schlachtfeld

Wie aus einem dörflichen Idyll ein blutiger Kriegsschauplatz wird, davon erzählt Juli Zehs Bestseller „Unterleuten“. Regisseur Tobias Wellemeyer hat den Roman bereits 2018 in der Bearbeitung von Ute Scharfenberg erfolgreich im Hans Otto Theater auf die Bühne gebracht. Nun folgte die umjubelte Berlin-Premiere in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater. Mit seiner dramatischen Wucht ein untypischer Stoff für das Haus. Auch die Inszenierung entspricht in keiner Weise der gängigen Optik einer Boulevardbühne. Wieder ein mutiger Schritt vom Theater-Leiter Martin Woelffer, der sein Haus damit einmal mehr für schwergewichtige Produktionen öffnet.

Bildgewaltiges Theater

Wellemeyer zeigt das große, erzählerische und bildgewaltige Theater, für das man ihn kennt. Dabei zieht er alle Register. Angefangen bei der gewaltigen Personage. Es gilt schließlich, 26 Rollen mit 14 Schauspielern zu besetzen. Die wichtigsten stellen sich zu Beginn quasi im Schnelldurchlauf kurz vor. Wie Gerhard Fließ (Julian Mehne). Ein ehemaliger Professor aus Berlin, der seine Studentin Jule (Juliane Götz) geheiratet hat. Der Vogelschützer verhindert nach Möglichkeit jedes Bauvorhaben in Unterleuten.

Dann wären da noch Linda Franzen (Karin Hauptmann) und ihr Lebensgefährte Frederik Wachs (Johannes Heinrichs), ebenfalls aus Berlin. Linda will ihre Villa zum Pferdehof umgestalten. Bislang wurde ihr die Baugenehmigung verweigert. Nun wittert sie ihre Chance. Denn ihr gehören zwei Hektar Land, um die sowohl Gombrowski als auch Investor Meiler (Jan Kersjes) aus Ingolstadt feilschen. Dort könnte nämlich der Windpark entstehen. Was viel Geld verspricht.

Babylonische Intrigen

Mit allen Bühnentricks, die ihm zur Verfügung stehen, und einem sensationell aufspielenden Ensemble entfesselt Wellemeyer ein episches Gefecht in der angeblich so erholsamen Natur. Kahle Baumstämme hinter den roten Klinkerbauten des Dorfes symbolisieren dafür gleichsam einen unwirtlichen Wald als auch den avisierten Windpark. Davor finden sich flüchtige Koalitionen, intrigieren alte Seilschaften. Bürgermeister Seidel (Matthias Zahlbaum) scheint dagegen machtlos zu sein. Selbst, als ein schwarzer Ascheregen über das Dorf hinwegfegt.

Die roten Fahnen flattern

Die Gegenwart wird dabei letztlich von der Vergangenheit eingeholt. Das Duell zwischen Kron (Christoph Hohmann) und Gombrowski (Dirk Schoeden), die Keimzelle allen Streits, geht in die letzte Runde. Kron geht es nicht um den Windpark. Er will Gombrowski in die Knie zwingen und hetzt die Ökologica-Mitarbeiter auf. Wie damals die LPG-Mitarbeiter, als der linientreue Kommunist Gombrowskis GmbH verhindern wollte. Kron hatte schließlich schon die Kollektivierung des Grundbesitz der Familie Gombrowski in der DDR brutal durchgepeitscht. Bei einem kurzen Zusammenbruch vermischen sich die Szenarien vor Gombrowskis innerem Auge. Er sieht seine streikenden Mitarbeiter die roten Fahnen der Kommunisten schwenken.

Wie aus dem Leben gegriffen wirkt das Stück. Ein ungemein spannender Theaterabend, der von seinen starken Charakteren lebt. Und zum bösen Ende hin mit einer Wahrheit hinter den Gerüchten überrascht, die man so nicht erwartet hätte.

Theater am Kurfürstendamm im Schiller Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg, Tel. 88 59 11 88. Bis 19.5.