Premiere

„Oceane“: Bejubelte Fontane-Oper an der Deutschen Oper

Bejubelte Uraufführung von Detlev Glanerts Fontane-Oper „Oceane“ an der Deutschen Oper Berlin.

Und im Hintergrund rauscht das Meer: Szenenbild aus „Oceane“

Und im Hintergrund rauscht das Meer: Szenenbild aus „Oceane“

Foto: Bernd Uhlig / Deutsche Oper

Berlin.  Die blonde Schönheit bricht in die fröhliche Tanzrunde ein wie eine Naturgewalt. Wenn in Detlef Glanerts Oper „Oceane“, die am Sonntag in der Deutschen Oper ihre umjubelte Uraufführung erlebte, die titelgebende Nixe die Bühne betritt, verstummt die Bühnenkapelle und die Ballgäste erstarren. Im silbrig schillernden Abendkleid zieht die sopranistisch alles überstrahlende Maria Bengtsson alle Blicke auf sich. Reich soll diese Oceane von Parceval sein. Das lockt die in die Jahre gekommene Gastgeberin Madame Luise, der Doris Soffel ihren abgründigen Mezzo-Charme schenkt. Sie spekuliert auf einen Privatkredit, um ihr heruntergekommenes Grandhotel mit Meerblick renovieren zu können. Schön ist die fremde Melusine. Und das wiederum macht den jungen Gutsbesitzer Martin von Dircksen so kirre, dass er die Seefrau am liebsten sofort heiraten würde.

Flüchtig wie ein Windhauch

Doch Oceane ist nicht zu haben. Halb ungezügelte Natur, halb gefühlsloser Mensch bleibt sie den ganzen, rund zwei Stunden dauernden Abend über flüchtig wie eine Ostseebrise. Sie mischt mit ihrer Freizügigkeit die Ballgesellschaft in ihren grauen Fin-de-Siècle-Kleidern auf (Kostüme: Dorothea Katzer), bringt mit ihrer heidnischen Wildheit den Herrn Pastor auf die Palme, sprengt mit einem mänadisch entfesselten Tanz das Sommerfest und verschwindet wieder in den weiten Fluten des Meeres.

Dicht und klar strukturiert

Wassernymphen, Nixen und Sirenen haben Dichter und Komponisten seit jeher fasziniert, von Richard Wagners „Ring“-Rheintöchtern über Antonín Dvořáks „Rusalka“ und Claude Debussys „Pelléas et Mélisande“ bis zu Hans Werner Henzes Ballett „Undine“. Der Henze-Schüler Glanert hat sich zum Theodor Fontane-Jahr ein 1882 geschriebenes, nur wenige Seiten umfassendes Novellenfragment aus dem Nachlass des Dichters zur Vorlage genommen. Hans-Ulrich Treichel formte es mit sicherem Theaterinstinkt zu einem dichten, klar strukturierten Libretto. Ein „Sommerstück“ nennen beide ihr in sechs Szenen und zwei Interludien gegliedertes Stück. Doch trotz einiger burlesker Episoden ist es eher ein Untergangsszenario, das hier entfaltet wird.

Verführerische Klangwelt

Der Bühnenbildner Luis F. Carvalho lässt vor beinahe leerer Bühne die wechselhaften Stimmungen einer übermächtigen Meereskulisse per Videoprojektion auf uns zu branden. Regisseur Robert Carsen erzählt die Geschichte um die rätselhaft fühllose Maid, die sich ihrem Verehrer durch Selbstmord entzieht, ohne Aktualisierungsmätzchen in prägnanter Personenführung. Und Generalmusikdirektor Donald Runnicles dirigiert Glanerts Partitur mit großem Gespür für dessen jähe Farb- und Charakterwechsel. Das Herz des Komponisten schlägt unüberhörbar für die verführerische Klangwelt Oceanes, die mit schwebenden Vokalisen, tonal ungebundenen Klangflächen, Windmaschine und einem raunenden Fernchor immer wieder Debussys „Sirènes“ aus dem Orchesterzyklus „Nocturnes anklingen lässt.

Polka und Walzer

Mit einer jung-siegfriedhaften Blechbläser-Fanfare tritt der forsche Martin auf. Nikolai Schukoffs Tenor klingt jedoch vor allem in der Höhe etwas eng und körperlos. Die Bühnenkapelle spielt Polka, Galopp und Walzer, während die Moralpredigten des finsteren Pastors (mit dröhnendem Bass: Albert Pesendorfer) von mahnenden Tubaklängen unterstrichen werden. Das ist neue Musik, die keinem wehtut, und die zugleich dicht, kunstvoll und mit sicherem Formgespür gearbeitet ist. Das Publikum dankt es mit Ovationen.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343 Termine: 3., 15., 17. und 24.5.2019