Deutscher Filmpreis

Margarethe von Trotta: „Ich wurde getunkt und geschlachtet“

Am Freitag erhält Margarethe von Trotta die Ehren-Lola. Vier Tage später kommt sie zur Morgenpost-Filmreihe „Hauptrolle Berlin“.

Freut sich, weil die Ehren-Lola ein Preis von Kollegen ist: Regisseurin  Margarethe von Trotta.

Freut sich, weil die Ehren-Lola ein Preis von Kollegen ist: Regisseurin Margarethe von Trotta.

Foto: Maurizio Gambarini

Wenn am 3. Mai der Deutsche Filmpreis verliehen wird, steht ein Preis schon fest: Margarethe von Trotta erhält den Ehrenpreis, der jetzt nicht mehr fürs Lebenswerk verliehen wird, sondern für herausragende Leistungen. Das klingt auch irgendwie weniger final, denn ans Aufhören denkt die 76-Jährige noch lange nicht. Extra für die Berliner Morgenpost bleibt die Regisseurin noch zwei Tage länger in Berlin, um am 7. Mai im Zoo Palast noch einmal ihren Film „Rosa Luxemburg“ in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ vorzustellen. Wir haben sie im Sofitel Hotel getroffen.

Berliner Morgenpost: Sie bekommen beim Deutschen Filmpreis die Ehrenlola. Wie fühlt sich das an?

Margarethe von Trotta: Das ist eine große Freude für mich, vor allem, weil der Preis mir von Kollegen verliehen wird, die genau wissen, was Filmemachen bedeutet. Wie viele Ängste und Zweifel man überwinden muss, wie oft man aufgeben will und dann doch weitermacht. Natürlich muss man ein paar Erfolge gehabt haben, um einen Ehrenpreis zu erhalten, trotz der Niederlagen dazwischen. Und dass nun auch Filmschaffende, die noch lange nicht so alt sind wie ich, mich nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen wollen, sondern ehren, das ist ein ganz besonderes Geschenk.

Sie bekommen diesen Preis in Berlin, Ihrer Geburtsstadt. Macht das den Abend für Sie noch emotionaler?

Ja, ganz bestimmt. Ich habe Berlin ja als Kind verlassen, als die Stadt noch ein einziger Trümmerhaufen war, meine ersten Erinnerungen sind Ruinen. Meine Mutter hatte mir immer wieder erzählt, wie die Stadt sie in den zwanziger Jahren, d. h. in ihrer Jugend, angezogen und begeistert hatte. Manche Pariser, wenn sie erfahren, dass Berlin meine Geburtsstadt ist, fragen mich, warum ich nicht hier lebe, Berlin sei doch viel aufregender und moderner als Paris. Nach dem Mauerfall habe ich überlegt, ob ich hierher ziehen soll, aber mein Sohn lebt in München, und wenn ich Paris aufgebe, dann eher für München.

Ulrich Matthes, der neue Präsident der Filmakademie, hat bei der Bekanntgabe Ihres Ehrenpreises gesagt: „Margarethe von Trotta hat zu einer Zeit, in der Frauen das Regieführen kaum zugetraut wurde, gesagt: Ich kann das. Schon dafür gebührt ihr Ruhm und Ehre.“

Na ja „ich kann das“ hätte ich sicher nie gesagt. Eher: ich will das. Ob man es kann, weiß man ja immer erst hinterher. Man hat Wünsche, man hofft, dass man es kann. Ich habe mich mit einem Spruch von Goethe ermutigt: „Wünsche sind Vorahnungen von Fähigkeiten“. Aber ich habe heute noch vor jedem neuen Film dieselbe Angst wie vor dem allerersten, es ist jedesmal erneut wie Abitur machen müssen.

Da gibt es keine Routine, kein Selbstbewusstsein nach all den Filmen und Erfolgen?

Ich glaube, es ist wichtig, das man diese Unsicherheit behält. Denn Unsicherheit bedeutet ja auch, dass man neugierig darauf ist, wohin die Reise gehen wird, wie ein Film zum Schluss aussehen wird. Es ist immer ein Abenteuer. Wenn man sich seiner zu sicher ist, fehlt dieser Moment der Unruhe, der Aufregung. Ich glaube, ein Grund, Filme zu machen ist, dass man sich jedesmal auf das unbekannte, unberechenbare Meer hinauswagt.

Sie haben ursprünglich als Schauspielerin gearbeitet. Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie zur Regie wechselten?

Als ich Anfang der 60er-Jahre in Paris studierte, habe ich entdeckt, dass Film Kunst sein kann und nicht nur Unterhaltung. Der Wunsch, selber Filme zu machen, war in mir geweckt, ich habe ihn nur nicht laut geäußert. Man hat es einer Frau damals nicht zugetraut und auch nicht zugestanden, Filme machen zu können. Die Schauspielerei war ein Umweg.

Gab es für Sie weibliche Vorbilder?

Die gab es kaum. In Paris, ja, da war Agnes Varda, aber sie war Teil der Nouvelle Vague, Teil dieser jungen Männerbande, man hat sie gar nicht unbedingt als Frau wahrgenommen. Erst Anfang der 70er-Jahre, als ich zu Besuch in New York war, sah ich den Film „Wanda“ von Barbara Loden. Sie war Schauspielerin und mit Elia Kazan verheiratet. Und „Wanda“ war ihr erster Film. Ich war Schauspielerin und mit Volker Schlöndorff verheiratet, und so wurde sie ein Vorbild für mich. Sie ist aber leider kurz darauf gestorben. Kazan hat später über sie gesagt, sie hätte sicherlich eine bedeutende Regisseurin werden können. Er hat es ihr zumindest zugetraut, wenn auch erst im Nachhinein. Natürlich weiß man nicht, wie es gewesen wäre, wenn sie zusammen geblieben wären, ob er sie dann weiter gefördert hätte oder ob nicht doch ein Konkurrenzdenken in ihm erwacht wäre. (lacht) Den Film habe ich 1973 gesehen, meinen ersten Film habe ich 1977 gemacht, es hat also noch vier Jahre gedauert bis ich es ihr nachmachen konnte.

Wie war das bei Volker Schlöndorff und Ihnen? Sie haben erst zusammen „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ geschrieben und inszeniert, bis Sie Ihren ersten eigenen Film gedreht haben.

Volker hat mir geholfen. Was er mir damals wohlweislich nicht gesagt hat, sonst hätte ich ihn wohl erwürgt: Er ist zum WDR gegangen und hat dem Redakteur versichert, dass wenn ich es nicht schaffen würde, bringt er den Film zu Ende.

Auf diese Weise hat der Sender bei der Finanzierung mitgemacht. Der Film hieß „Das zweite Erwachen“, und das war es für mich auch. Das erste Erwachen ist die Geburt.

Rosa Luxemburg, Hannah Arendt, die Frauen aus der Rosenstraße: Woher kommt Ihre Vorliebe für all diese starken, kämpferischen Frauen? Weil sonst keiner Filme über sie gedreht hätte? Weil eine es machen musste?

Sowohl der Film über Rosa Luxemburg als auch der über Hannah Arendt ist nicht von mir ausgegangen. Der Anstoß kam von außen. Bei Rosa Luxemburg wollte Fassbinder den Film machen. Als er starb, kam der Produzent zu mir und sagte: Du warst mit Fassbinder befreundet und bist es ihm schuldig. Und außerdem war Rosa Luxemburg eine Frau , und du bist eine Frau. Ich war erstaunt, es war das erste Mal, dass mir das zum Vorteil gereichen sollte. Bis dahin war es doch eher ein Hindernis gewesen. Ich war dann sehr unsicher, ob ich einer so gewaltigen Ikone gerecht werden könnte. Andererseits hatte ich schon lange vor Fassbinder einmal geäußert, dass ich gerne einen Film über diese Frau machen würde, nur dachte ich, ich brauche mindestens zehn Filme, bevor ich mich an sie heranwagen könnte.

In den siebziger Jahren wurden Filmemacherinnen noch belächelt. Man sprach etwas herablassend vom Frauenfilm. Hat das eigentlich verletzt?

Als Helke Sander und ich 1978 unsere beiden Filme (ihr Film hieß “Redupers“) auf der Berlinale vorgeführt haben und damit Erfolg hatten, d.h. „sichtbar“ wurden, interessierten sich die Zuschauer plötzlich für uns und auch die Kritiker. Wir wurden gelobt und es schien, als begänne ein neues Zeitalter für Regisseurinnen. Leider hat dieser Hype nur kurz angehalten. Danach hieß es: geht mal wieder an eure Kochtöpfe. In Amerika nannte man es „Backlash“.

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Sie wurden wiederholt für Ihre Werke sehr hart, auch persönlich angegangen. Haben Sie den Eindruck, als Frau kriegt man Kritik noch härter ab als ein Mann?

Ich habe das nicht bei den anderen Filmemacherinnen verfolgt. Aber als mein Film „Heller Wahn“auf der Berlinale gezeigt wurde, wurde ich von deutschen Kritikern nicht nur beschimpft, sondern regelrecht geschlachtet. Von dem Film fühlten sich offensichtlich viele Männer persönlich angegriffen. Ein Taxifahrer hat mich damals aus seinem Wagen geschmissen, weil er mich erkannt hatte und seine Frau, nachdem sie den Film gesehen hatte, sich von ihm scheiden lassen wollte. Ein Kritiker schrieb: Warum man dieser Frau immer noch Geld gibt, nur weil sie keinen Schwanz hat. Das hat sich mir eingebrannt, so etwas vergisst man nicht. Aber es war nur in Deutschland so. In Italien und den USA wurde der Film sogar als einer der besten des ganzen Jahres wahrgenommen. Werner Herzog hatte es mir allerdings schon vorausgesagt, er war mit mir in Venedig, als ich dort den Goldenen Löwen erhielt und sagte gleich: mit dem nächsten Film wirst du in Deutschland getunkt. Du hast jetzt zu viel Erfolg gehabt. Und das als Frau. Ich habe ihm nicht glauben wollen, aber es war dann wirklich so.

Sie sind dann erst mal nach Italien gegangen. War das auch eine Flucht?

Immerhin habe ich danach den Film „Rosa Luxemburg“ gemacht. Aber sicherlich haben manche geglaubt, ich sei aus Deutschland geflüchtet. Als der Film in Cannes lief, hat ihn dort ein italienischer Produzent gesehen, der mir daraufhin ein Angebot gemacht hat. Ich dachte: wie schön, das wird ein Ausflug. Und dann bin ich sechs Jahre in Rom geblieben und habe dort 3 Filme gemacht. Man denkt ja oft, Italiener seien Machos. Aber sie gingen ganz anders mit mir um, das war sehr heilsam.

Sie haben sich damals stark gegen die Vorherrschaft der Männer gewehrt. Ist das besser geworden in der Branche, gerade jetzt nach der MeToo-Debatte?

Ula Stöckl, Helma Sanders-Brahms, Helke Sander, Jutta Brückner und ich, wir haben schon vor 40 Jahren eine Arbeitsgemeinschaft gegründet und uns dafür eingesetzt, dass Frauen dieselben Mittel bekommen wie ihre männlichen Kollegen. Wir haben uns bemüht, aber es ist uns nicht gelungen. Erst sehr viel später hat die Initiative ProQuote den Stab aufgenommen, und sie haben auch endlich etwas verändern können. Anschließend kam die MeToo-Debatte hinzu, auch sie hat geholfen, ich hoffe nur, es gibt kein erneutes Backlash.

Sie leben heute überwiegend in Paris. Wie schauen Sie aus der Ferne aus Deutschland?

Ich schaue mit mehr Abstand. Als ich noch in Deutschland gelebt habe, war ich oft sehr zornig. Vielleicht liegt es auch an meinem Alter, dass ich nicht mehr auf die Barrikaden gehe. Obwohl mich immer noch einiges sehr erregt oder mit Sorge erfüllt. Was da in den letzten Jahren mit der AfD geschieht, macht mich traurig. Ich hätte nie geglaubt, dass es in einem Land mit unserer Vergangenheit noch einmal zu solchen hasserfüllten Äußerungen gegen Menschen kommen könnte, gegen alle Vernunft. Natürlich gibt es auch in Frankreich schlimme Nationalisten wie die Bewegung der Marine LePen, aber sie haben eben nicht unsere Vergangenheit, deswegen erscheinen sie mir trotz allem weniger gefährlich.

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