Theater

Die Dragqueens erobern das Deutsche Theater

Regisseur Bastian Kraft erzählt vom hässlichen Entlein, das zum schönen Schwan wird: „Ugly Duckling“.

Wenn Begegnungen Funken schlagen: Judy LaDivina und Canar Sunar.

Wenn Begegnungen Funken schlagen: Judy LaDivina und Canar Sunar.

Foto: ARNO DECLAIR

Was für ein Spektakel: Links steht Regine Zimmermann und singt hinreißend „Arme Seele in Not“, jener Song der bösen Meerhexe Ursula, mit der sie im Disneyfilm „Arielle“ der Titelfigur Menschenbeine anträgt. In der Mitte aber thront Judy LaDivina in einem herrlich absurden Kostüm mit Tentakelfingern und bewegt synchron die Lippen dazu. „Lipsync“ heißt das unter Dragqueens – die Kunst, sich einen Song so zu eigenen zu machen, dass man als Zuschauer glaubt, er komme direkt aus diesem Mund.

Eine erstaunliche Wahl

Das Deutsche Theater ist immer wieder für eine Überraschung gut. Vor einem Jahr setzte es mit Rosa von Praunheims wilder Selbststilisierung „Jeder Idiot hat eine Oma“ einen ziemlich schrägen Hit aufs Programm. Jetzt legt es mit Bastian Krafts „ugly duckling“ nach. Kraft, vergangenes Jahr mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet, war am DT bislang vor allem als feinsinniger, zuweilen unterkühlter Klassiker-Ausdeuter aufgefallen. Sein Abend „Die Schönheit von Ost-Berlin“ über den schwulen Kommunisten und Schriftsteller Ronald M. Schernikau wagte sich da vergleichsweise weit vor – und wurde zu einer seiner besten Inszenierungen.

Glitter und Glamour

Jetzt erzählt er auf Peter Baurs von einem runden Spiegel-Schminktisch dominierten Kammerspiel-Bühne vom titelgebenden hässlichen Entlein, das in Hans Christian Andersens Märchen zum schönen Schwan wird. Dafür bringt er drei Berliner Dragqueens mit drei DT-Ensemblespielern zusammen: Judy LaDivina, die es mit den Stars aus RuPauls „Dragrace“ aufnehmen könnte, das „alte Showpferd“ Gérôme Castell und Jade Pearl Baker, TV-bekannt aus „Voice of Germany“, treffen auf Caner Sunar, Regine Zimmermann und Helmut Mooshammer.

Mitreißende Songs

Diese Begegnung schlägt teils helle Funken. Besonders stark wird der Abend immer dann, wenn er zu Glitter, Glamour und Revue steht, wenn Zimmermann und Mooshammer sich neugierig in die Welt der Dragqueens stürzen und sich deren Techniken aneignen. Oder wenn sie alle ihre großen Solo-Auftritte haben. Mit Songs, die mitreißen. Oder mit Tanz: Caner Sunar, der selbst eine Drag-Identität besitzt, trumpft furios mit einer Vogue-Nummer auf.

Zuweilen wirkt der Abend didaktisch

Zum roten Faden werden dabei Andersens Coming-out-Märchen „Das hässliche Entlein“ und „Die kleine Meerjungfrau“. Entsprechend erzählen alle ausführlich von Ablehnung, Ausgrenzung, Selbstfindungsschwierigkeiten, vom langen Weg, sich selbst zu akzeptieren. Da hängt der Zwei-Stunden-Abend auch mal durch, wirkt unfertig, didaktisch. Berührend wird er, wenn Castell von Gewalterfahrungen berichtet oder sich Dragqueen Barbie Breakout aus Protest im Video den Mund zunäht. Toll auch, wenn sie sich auf der Bühne in Schlagfertigkeit überbieten.

Von Masken und Menschen

Kurz: Die starken Momente überwiegen. Und so lernt man, während sich die Darsteller dank der Kostüme Jelena Miletićs in zauberhafte Wesen verwandeln, dass manchmal erst Masken den wahren Charakter eines Menschen hervorbringen, Drag Leben retten kann – und erstaunlich gut zum Deutschen Theater passt.

Kammerspiele des Deutschen Theaters, Mitte, Schumannstraße 13a, Tel. 030 - 284 41-221. Wieder 30. April, 7., 21., 28. Mai