Star-Interview

Natalia Wörner: „Ich bin keine geborene Diplomatin“

Schauspielerin Natalia Wörner über politische Anspannungen, Auswirkungen der MeToo-Debatte und die eigene Verhandlungsbereitschaft.

Sie will Filme drehen, die gesellschaftspolitisch relevante Themen behandeln: Schauspielerin Natalia Wörner.

Sie will Filme drehen, die gesellschaftspolitisch relevante Themen behandeln: Schauspielerin Natalia Wörner.

Foto: Carsten Koall

Seit Natalia Wörner mit Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) liiert ist, will niemand mehr mit ihr über ihre Rollen sprechen, nur noch über ihr Privatleben – was sie kategorisch zurückweist. Ein wenig vertrackt ist es natürlich schon, dass just als sie Maas kennenlernte, auch ihre Filmreihe „Die Diplomatin“ startete, wo sie selbst im Außendienst politisch tätig ist. Am 4. Mai läuft die vierte Folge „Böses Spiel“. Ein Gespräch über Streit mit Kindern, politische Anspannungen und die MeToo-Debatte.

Berliner Morgenpost: Würden Sie sich im Privatleben eigentlich als diplomatisch bezeichnen?

Natalia Wörner: Ich bin durchaus verhandlungsbereit und sehr offen. Ich muss aber wahrheitsgemäß sagen, es gibt auch viele Situationen, in denen ich sehr undiplomatisch sein kann. Vielleicht sogar übergriffig.

Übergriffig?

Ja. Mein leidiges Thema sind Handys und Kinder, da gibt es schon mal beherzte Übergriffe, in denen das Handy einfach verschwindet. Und zwar diskussionslos. Und ohne Nachverhandlungen. Das ist dann wohl das Gegenteil von diplomatisch. Insofern bin ich wohl beides.

Ich weiß, Sie gehen auf keine Frage zu Ihrem Lebensgefährten ein...

Ja, das ist auch so ein Punkt, wo ich nicht verhandlungsbereit bereit bin. Sie müssen da auch gar keine Feldversuche starten. Ich werde darüber definitiv nicht reden.

… aber so viel dennoch: Sie spielen in einer Filmreihe, die „Die Diplomatin“ heißt. Hat sich Ihr Blick auf Diplomatie durch die andere Nähe zur Politik verändert?

Ich habe mich im Vorfeld zu dieser Reihe sehr intensiv mit dieser Welt auseinandergesetzt. So verstehe ich meinen Beruf als Schauspielerin: dass man sich einer Welt so weit annähern muss, dass man die innere Lizenz hat, sie zu vertreten. Das mache ich bei allen meinen Rollen. Für „Die Diplomatin“ konnte ich den damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf einer Reise nach Indonesien und Südkorea begleiten und Einblicke nehmen. Diese Erfahrung wirkt bis heute nach. Insofern bedarf es da keiner weiteren Auseinandersetzung.

Es geht in Ihrem zweiten Prag-Film gleich um zwei Reizthemen, um Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe. Wie wichtig ist es Ihnen, solche Brandthemen zu verhandeln?

Ich bin in der Regel bei der Entwicklung der Drehbücher immer mit eingebunden. Was mir hier gut gefällt, ist, dass die Themen nicht nur platziert sind, nicht nur als „Themenfilm“ verkauft werden. Das geschieht leider recht oft. Da hat man das Gefühl, das ist der Missbrauch am Thema Missbrauch. Bei uns ist das eingeflochten in eine sehr plausible, psychologische Geschichte und wird sensibel und relevant erzählt. Häusliche Gewalt findet in allen sozialen Schichten statt. Das haben jüngste Studien belegt, die übrigens während der Dreharbeiten herauskamen. Diese Zahlen sind erschreckend, auch was sexuelle Übergriffe anbelangt. Da bleibt einem die Spucke weg. Wir müssen uns aber fragen, wie man dagegen angehen kann. Es ist wichtig, diese Themen aus der Tabuzone herauszuholen und offensiv zu diskutieren.

Nimmt einen das anders mit, wenn man Filme über solche Themen dreht?

Klar. Das beschäftigt einen. Das kann man nicht so leicht ablegen. Ich denke vor allem an den armen Jean-Yves Berteloot, der den französischen Botschafter spielt: ein ganz charmanter, feiner Mensch, der das erschreckend überzeugend gespielt hat. Aber es hat ihn große Überwindung gekostet, so etwas zu spielen, was er innerlich komplett ablehnt. Es ist in dieser Hinsicht kein einfaches Jahrzehnt für Männer.

Wenn Sie das so sagen, ist es ein leichteres Jahrzehnt für Frauen?

Nein. Es gab sehr viele schwierige Jahrzehnte für Frauen. So würde ich das sagen. Im Moment werden die Karten mal gemischt und neu aufgestellt. Und das ist auch richtig so und notwendig. Auch wenn die Diskussion manchmal aberwitzige Züge annimmt. Dass Männer an den Pranger gestellt werden und in einem ständigen Rechtfertigungszwang stehen, finde ich eine schlimme Reaktion auf die MeToo-Debatte. Dass Männer sich oft nicht mehr trauen, mit Frauen in einem Fahrstuhl zu fahren – so darf es nicht enden. Ich war übrigens auch schon Teil von Diskussionen, dass ich von Frauen angefeindet wurde. Da ging es darum, ob man Regeln am Set aufstellen muss, wie man sich zu verhalten hat. Ich will mich aber nicht in einen Regelkanon zwängen, sondern mich selbstverantwortlich verhalten können, auch bei der Arbeit.

Eine ganz andere Frage: Es gibt immer wieder Kritik, man könne Reizthemen im Fernsehen nur noch im Krimi-Format erzählen. Stimmen Sie dem zu?

Ich finde nicht, dass es die einzige Erzählform ist. Aber es stimmt schon, wir haben eine Krimi-Überlastung, der Krimi ummäntelt sich immer mehr mit Themen, die mit dem Genre eigentlich nichts mehr zu tun haben. Ich sehe das auch kritisch. Ich sehe auch eine gewisse Krimi-Ermüdung beim Publikum. Warum sich das in einer solchen Dynamik entwickelt hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich würde mir andere Genres in ähnlicher Klasse erzählt wünschen.

Es gibt dann auch noch den Trend, ihn mit touristischen Elementen zu würzen: der Istanbul-Krimi, der Barcelona-Krimi usw. Funktioniert „Die Botschafterin“ ähnlich, die ja in ihrem Dienst an verschiedene Orte kommt?

Nun spielten die ersten Folgen ja in Manila und Tunis, nicht eben die beliebtesten Touristendestinationen. Prag ist da jetzt vielleicht etwas anderes. Aber wir setzen da nicht auf Exotik oder Romantik. Wir drehen jetzt noch einen dritten Teil in Prag, dann wird es wieder eine andere Stadt werden. So funktioniert nun mal dieser Beruf im diplomatischen Dienst. In unserem letzten Film ging es um amerikanische Foltergefängnisse auf tschechischem Boden. Das fanden beide Länder nicht so witzig. Insofern kann man uns da nicht touristische Nostalgie oder Eskapismus vorwerfen.

Führen solche Filme womöglich auch zu politischen Anspannungen?

Als wir diese Reihe begannen, sagte Frank-Walter Steinmeier einen Satz, der in meinem Kopf nachhallt: „Ihr könnt alles erzählen, wir wollen aber keinen außenpolitischen Ärger haben.“ Das ist natürlich ein schwieriges Terrain, das kann keiner ermessen. Natürlich kann man Verstimmungen hervorrufen. Aber man muss auch über Missstände und andere relevante Themen erzählen können. Deshalb haben wir das Thema häusliche Gewalt am Beispiel eines französischen Botschafterehepaar dargestellt. Das Verhältnis zu Frankreich ist so freundschaftlich und belastbar, dass man das aushält. Richtig problematisch würde es wohl erst werden, wenn es um Menschenrechtsverletzungen, Wirtschaftskriminalität oder Rüstungsexporte geht.

Wie ist das, in Prag zu drehen? Es ist eine wunderschöne Stadt, aber Tschechien ist kein einfaches EU-Land, was Fremdenfeindlichkeit betrifft.

Wir drehen natürlich in einer echten Blase. Die tschechischen Filmteams arbeiten auf höchstem internationalen Niveau. Und Prag ist sowieso eine Blase für sich, in der Stadt zu leben kann sich kaum ein Tscheche mehr leisten, weil alles von den Touristen vereinnahmt wurde. Aber man muss nicht weit rausfahren und kommt in ein ganz anderes Tschechien. Was da politisch passiert, ist krass, das verfolge ich mit Schrecken. Die Flüchtlingspolitik, die Rigorosität der Ablehnung und die erschreckende Empathielosigkeit – das habe ich mit innerer angezogener Handbremse wahrgenommen. Darüber komme ich nicht hinweg, dafür bin ich zu lange mit der Kindernothilfe um die Welt gereist. Das sind gespaltene Welten. Man kann da vieles schönreden. Dafür bin ich aber nicht die beste Kandidatin. Auch in diesem Sinne, um auf Ihre Anfangsfrage zurückzukommen, bin ich keine geborene Diplomatin.