Philharmonie

Zubin Mehta lässt den „Otello“ im Schongang spielen

Die Philharmoniker liegen dem 82-jährigen Dirigenten zu Füßen. Leider vermögen die Sänger nicht zu überzeugen

Zubin Mehta, hier bei einem früheren Auftritt in Florenz. In der Philharmonie dirigierte er im Sitzen.

Zubin Mehta, hier bei einem früheren Auftritt in Florenz. In der Philharmonie dirigierte er im Sitzen.

Foto: imago stock&people / /Milestone Media

Ein Dirigent, der Schwäche zeigt? Bei den Philharmonikern undenkbar – sie würden ihn ziemlich schnell davonjagen. Doch es gibt auch Ausnahmen: Gastdirigenten nämlich, die seit vielen Jahrzehnten mit dem Orchester befreundet sind und auf eine große gemeinsame Vergangenheit zurückblicken können. Gastdirigenten wie der knapp 83-jährige Zubin Mehta, der sich nun mit Gehstock und kleinen, vorsichtigen Schritten dem Pult nähert. Dirigieren kann Mehta nur noch im Sitzen.

Größe und Freundlichkeit

Aber was für eine menschliche Größe und einladende Freundlichkeit er dabei ausstrahlt! Eine Freundlichkeit, die sich jetzt unmittelbar aufs Orchester überträgt – und auch auf Verdis „Otello“ in der Philharmonie. Denn wie jedes Jahr haben die Philharmoniker wieder eine Oper einstudiert und bei den Osterfestspielen in Baden-Baden aufgeführt. Und wie jedes Jahr liefert das Orchester in Berlin nun den konzertanten Nachschlag.

Mehta sprang spontan ein

Neu dabei ist allerdings, dass nicht mehr Sir Simon Rattle die Leitung hat. Und eigentlich war in diesem Jahr stattdessen der Italiener Daniele Gatti vorgesehen gewesen, Chefdirigent des Amsterdamer Concertgebouw Orchestra. Doch Gatti meldete sich frühzeitig krank – nachdem ihn die Niederländer wegen unsittlichen Verhaltens fristlos vor die Tür gesetzt hatten.

Und auch das mag ein Grund dafür sein, warum die Philharmoniker Mehta nun regelrecht zu Füßen liegen. Denn trotz seines fragilen körperlichen Zustands sprang Mehta kurzentschlossen ein; Verdis „Otello“ war gerettet.

Das Sängerfest bleibt aus

Anderseits: Ungewohnt angenehm und liebenswürdig klingt dieser „Otello“ jetzt unter Mehta. Es ist ein Verdi im Schongang. Ein Verdi, der auch im dreifachen Forte keinem wehtut. Für die Sänger bedeutet das: optimale Voraussetzungen zur stimmlichen Entfaltung. Dank des sanften Orchesterklangs, der moderaten Tempi und zurückhaltenden Dynamik. Umso vordergründiger wirken nun die drei Hauptpersonen der Tragödie nach Shakespeare: Desdemona, die Unschuldige, aufgerieben zwischen ihrem eifersüchtigen Ehemann Otello und dem Schurken Jago. Das erhoffte Sängerfest bleibt allerdings aus. Und das aus verschiedenen Gründen: Da ist der armenische Tenor Arsen Soghomonyan, der seinen Otello zwar mit viel Schmelz und brennender Leidenschaft singt. Doch Soghomonyans Stimme wirkt dabei stets angestrengt und getrieben. Außerdem: Soghomonyan hat die Angewohnheit, regelmäßig zur Salzsäule zu erstarren.

Ist das ein Bösewicht?

Keine einfache Situation also für den Italiener Luca Salsi, der den fiesen Jago singt. Aber Salsi hat noch ein weiteres Handicap: Er wirkt so gutmütig, so gesund und frisch bei Stimme, dass man ihm den Bösewicht kaum abnehmen möchte. Und die Bulgarin Sonya Yoncheva als Desdemona? Sie bringt dann doch noch einen Hauch von Weltklasse in die Philharmonie. Allerdings erst im 4. Akt, kurz vor ihrem Bühnentod. Denn in Gegenwart ihrer männlichen Kollegen bleibt Yoncheva zunächst herb und unnahbar. Im „Ave Maria, piena di grazia“-Solo dagegen wirft sie ihren Panzer ab. Yoncheva zeigt sich hier in aller Verletzlichkeit und Intimität – und sorgt für ein paar überwältigend schöne Sternminuten.