Jubiläum:

Süß, cool, unvergessen: Audrey Hepburn zum 90. Geburtstag

Am 2. Mai wäre Audrey Hepburn 90 Jahre alt geworden. Jüngere Menschen kennen sie nur noch von Fotos – und verehren sie als Stilikone.

Audrey Hepburn in ihrem berühmtesten Film: „Frühstück bei Tiffany“.

Audrey Hepburn in ihrem berühmtesten Film: „Frühstück bei Tiffany“.

Foto: Keystone / picture alliance / Keystone

Große Sonnenbrille, kleines Schwarzes, Zigarettenspitze und Diadem; Shorts geknotete Hemdbluse und Segelboot, bestickte Abendrobe und Hunde – und Hüte, Hüte, Hüte: Fotos von Audrey Hepburn zieren die Wände von Teenagerinnen-Zimmern und füllen die Fan-Blogs ihrer zehn Jahre älteren Schwestern.

Unter Titeln wie Everything Audrey, „alles Audrey“ oder Rare Audrey, „seltene Audrey“, posten die jungen Damen Mode- und Schminktipps, präsentieren ihre Lieblings-Audrey-Outfits oder rufen zu Ähnlichkeits-Wettbewerben auf. Fragt man 13- oder 23-Jährige nach dem Grund ihrer Faszination, sagen sie: „halt so“, „voll süß“ oder „cool“. Fragt man sie nach Audrey Hepburns Filmen, sagen sie: „Kenn’ ich nicht“.

Frischer Wind im selbstgefälligen Hollywood

Süß und cool war Audrey Hepburn aber schon immer, das heißt, seit sie 1953 sozusagen plötzlich Prinzessin und damit gleich zur Oscar-Preisträgerin wurde. Mit „Ein Herz und eine Krone“ generierte sie Fans auf der ganzen Welt, denen Generationen gefolgt sind – und offenbar immer noch folgen.

Mit ihrem europäischen Flair, ihrem für die damalige Zeit ungewöhnlichen Äußeren und ihrem fremdartigen Akzent und Sprachduktus brachte die Tochter einer Niederländerin und eines Engländers damals frischen Wind in das behäbige und selbstgefällige Hollywood, das von der raschen Verbreitung des Fernsehens bedroht wurde.

In den 50er-Jahren suchte man deshalb nach Möglichkeiten, sich gegen das neue Medium abzusetzen: Farborgien in Technicolor, spektakuläre Schauwerte wie Statistenheere oder historische Kostüme im Breitwandformat und schließlich die Entdeckung neuer Gesichter sollten das Kino retten.

Die Vorreiterin der 60er-Jahre

Audrey Hepburn passte blendend in diese Strategien: Sie verfügte, ohne dass man irgendetwas mit ihr anstellen musste, über Anmut und Haltung. Sie konnte, da sie Model-Maße hatte, jedes Kostüm tragen, und das tat sie, wie alle Produktionsberichte übereinstimmend bezeugen, ohne je zu klagen. Sie stellte keine Ansprüche wie die großen Diven Hollywoods, sie war fleißig, zuverlässig, bescheiden und freundlich.

Am besten spielte sie, wenn sie zeitgenössischen Frauenfiguren zum Leben verhalf: der rebellischen Prinzessin in „Ein Herz und eine Krone“, der Chauffeurstochter, die sich vom Entlein zum Schwan entwickelt, in „Sabrina“, dem Fotomodell in „Funny Face“ oder der verliebten Cellistin in „Ariane – Liebe am Nachmittag“.

Hepburn, so raunzte Regisseur Billy Wilder damals, werde wohl den Busen noch völlig aus der Mode bringen – flachbrüstig und mit relativ großen Füßen in Ballerinas konterkarierte sie die üppigen Diven der 50er-Jahre und wurde zur Identifikationsfigur eher staksiger Mädchen.

Hepburns wohl bekanntester Film ist „Frühstück bei Tiffany“: Die Modernität der gerade angebrochenen Sechziger spiegelt sich in der Ausstattung und den Kostümen des Films und findet in Audrey Hepburn ihre perfekte Repräsentantin: Elegant, bezaubernd und verletzlich spielte sie das Party-Girl Holly Golightly, die zu Tiffany geht, wenn das „rote Elend“ sie packt.

Spätestens jetzt brachte Hepburn es nicht nur zu ewigem Ruhm als Schauspielerin, sondern etablierte sich auch als Mode-Ikone, die seltsamerweise nicht aus der Mode kommt. Die Garderobe, die der französische Couturier Hubert de Givenchy ihr auf den Leib schneiderte, vor allem eine ganze Reihe von „kleinen Schwarzen“, feierten Audrey Hepburn als kongeniale Muse und Mannequin.

Vorreiter der 60er-Jahre

Weder von ihrer rehäugigen Schönheit noch von ihrem wunderbaren Lächeln, weder von ihrer Lebendigkeit noch von ihrer Natürlichkeit konnte das Publikum genug bekommen. Und als „Frühstück bei Tiffany“ auf die Leinwände kam, präsentierte sich Audrey Hepburn auch als Avantgardistin einer Jugendkultur, die sich am Ende der Dekade vehement durchsetzen sollte.

Sie bereitete den Boden für die superdünnen Models der 60-er mit ihren androgynen Figuren, sie brachte die Hilflosigkeit als Attraktivitätsmerkmal auf und das damit verbundene Kindfrau-Schema in Mode.

Der modernste Film von Hollywood

Hellsichtig nimmt der Film einige gesellschaftliche Themen der kommenden Dekade vorweg, auch indem er das traditionelle Geschlechterverhältnis in Frage und mit der Behauptung „Menschen können nicht anderen Menschen gehören“ die Institution Ehe im traditionellen Sinn in Frage stellt.

Holly Golightly ist auf ihre Weise eine höchst emanzipierte Figur und „Frühstück bei Tiffany“ vielleicht der modernste Film, den das alte Hollywood je produziert hat – ein beglückendes Zusammenspiel von Kunst, Handwerk und Technik auf allerhöchstem Stand.

Dass Hepburns Schauspielkarriere Mitte der 60er-Jahre zu Ende ging, weil das Kino damals mit Schauspielerinnen um die 40 rüde umging, beschädigte ihren Ruhm nicht. Und dass sie den dazu benutzte, sich in ihren letzten Lebensjahren als Unicef-Botschafterin weltweit für benachteiligte Kinder einzusetzen, bestärkte ihre alten Fans und verschaffte ihr neue: Jetzt war sie nicht nur schön, sondern auch noch gut.

Audrey Hepburn starb mit nur 63 Jahren in Tolochenaz in der Schweiz, wo sie ihr Privatleben unbehelligt von Paparazzi führen konnte. Am 4. Mai 2019 wäre sie 90 Jahre alt geworden.