Deutsche Oper

„Oceane“: Fontane-Oper im Jubiläumsjahr des Romanciers

Am Sonntag wird „Oceane“ an der Deutschen Oper uraufgeführt. Ein Treffen mit dem Komponisten Detlev Glanert.

Der deutsche Komponist Detlev Glanert neben dem Orchestergraben im Konzertsaal der Deutschen Oper.

Der deutsche Komponist Detlev Glanert neben dem Orchestergraben im Konzertsaal der Deutschen Oper.

Foto: Carsten Koall

Es scheint alles so unglaublich gut zu passen. Zum Fontanejahr 2019 schreibt Detlev Glanert, einer der namhaftesten deutschen Komponisten, eine Oper über ein nachgelassenes Novellenfragment von Theodor Fontane. Am Sonntag wird es an der Deutschen Oper Berlin, dem größten Opernhaus in der einstigen Heimatregion des großen alten Romanciers des bürgerlichen Realismus, uraufgeführt.

Plötzlich zwei Jahre Zeit

Doch ganz so termingerecht ist „Oceane. Ein Sommerstück für Musik in zwei Akten“, nicht zustande gekommen. Die Uraufführung war ursprünglich für 2017 vorgesehen. Dann traten die drei Maeterlinck-Einakter des berühmten Berliner Komponisten Kollegen Aribert Reimann an der Deutschen Oper erfolgreich an die Stelle der Fontane-Oper, sie sollten ursprünglich an der Staatsoper Unter den Linden herauskommen. So hatte Glanert noch zwei weitere Jahre Zeit. „Da war ich sehr dankbar. Und so rutschte mein Stück ins Jubiläumsjahr rein. Aber die Idee war meine.“ Glanert hat sich den Auftrag zum vermeintlichen Auftragswerk selbst erteilt. „Ich hatte um die Jahrtausendwende herum Lust, Opern zu konzipieren, die an einem einzigen Ort stattfinden. Mit einer geschlossenen Personengruppe.“

„Es geht mir nicht anders als Wagner“

Die anstrengendsten Proben sind vorbei, da kann sich der erfahrene Opernkomponist Glanert beim Gespräch im Kaffeehaus „Zimt Zucker“ an der sonnigen Spree entspannen. Während der Proben selbst dagegen hat er, wie stets bei neuen Werken, auf zu korrigierende Stellen gelauert. Dass die Ideen des Komponisten für eine neue Oper anders seien als die Praxis des personalintensiven Opernbetriebs das Werk dann umsetze, das sei, grinst Glanert, sozusagen „Teil des Gesellschaftsvertrags“. Daran habe sich seit 100 Jahren wenig verändert. „Es geht mir da nicht anders als Wagner oder Strauss: Ich packe ins Orchester oft eine oder zwei Ebenen zuviel, dann sind die Sänger schwer zu verstehen. Das kann ich während der Proben verbessern.“ Auch muss Glanert seine große Liebe für den vollen Klang der Blechbläser zugunsten dieser Verständlichkeit der Gesangsstimmen so manches Mal im Zaum halten.

Ein kondensiertes Kammerspiel

Bei Fontanes Fragment „Oceane von Parceval“ habe Detlev Glanert das Gefühl gehabt, dass von heutigen Problemen in der Gesellschaft die Rede ist – obwohl Fontane die Novelle bereits 1882 konzipierte – in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Spannungen, des aufkommenden Nationalismus, bedingungsloser Technikbegeisterung sowie einer zunehmend kritisch gesehenen Benachteiligung des weiblichen Geschlechts. Einige dieser Themen artikuliere die neue Oper direkt oder indirekt – in jedem Fall sieht Glanert nach groß angelegten Tableaus in einigen seiner vorigen Opern nun ein dramaturgisch stark kondensiertes Kammerspiel angebracht: für insgesamt sieben Sängerinnen und Sänger, im Mittelpunkt die rätselhafte Figur Oceane. Gleich der sagenhaften Wasserfee Melusine stößt sie aus den Tiefen des Meeres zu der bürgerlichen Sommergesellschaft eines alten, baufälligen Hotels am Meer.

Stark und flüchtig zugleich

Es ist eine typische Fontane-Heldin im Sinne der berühmtesten Fontane-Romane, sagt Glanert, der 1987 als damaliger Neu-Berliner erstmals auf die Werke des unbestritten berühmtesten Schriftsteller dieser Stadt stieß. „Es sind Frauen, die in der Gesellschaft anecken.“ Sie sind stark und zugleich eigentümlich flüchtig wie etwa Effi Briest oder die jungen Frauen im „Stechlin“. Und so, meint Glanert, reagieren auch die anderen Figuren stark auf sie – etwa wenn Oceane beim Sommerball des alten Strandhotels einen Skandal verursacht, indem sie wie verrückt tanzt. „Sie nimmt sich Sachen heraus, die sich andere nicht trauen herauszunehmen.“ Das sorgt für Missverständnisse – etwa wenn der Verehrer Martin von Dircksen nach einem unmotivierten Kuss, welchen er von der merkwürdigen jungen Frau empfängt, sofort die gemeinsame Verlobung bekannt gibt. Aber, so Glanert: „Oceane hat einen Grundproblem, das alle Melusine-Figuren haben: Sie kann nicht fühlen. Sie kann Leidenschaft empfinden, aber nicht für eine Person. Es ist sozusagen eine negative Liebesgeschichte.“

Viele Freiheiten beim Erzählen

Auch wenn eine Frau wie Oceane aus den Konventionen des Bürgerlichkeit explizit herausfällt: Diese Koventionen dämpfen in Fontanes Werken die großen Emotionen und die ungehemmten Leidenschaften – niemand schreit den anderen plötzlich an oder bricht theaterwirksam in Tränen aus. Das, so findet auch Komponist Detlev Glanert, sei ohne Zweifel eine Herausforderung bei der Vertonung eines Fontane-Stoffes für die Opernbühne.

Doch schließlich ist das Fragment „Oceane von Parceval“ vom Januar 1882 lediglich in leere Kapitel eingeteilt und noch kaum erzählerisch ausgearbeitet. Es ließ somit Detlev Glanert und Hans-Ulrich Treichel – dem bekannten Autor, welcher dem Komponisten bereits mehrfach als Texter zur Seite stand – viele Freiheiten der eigenen erzählerischen Kreativität. Personen treten auf, die bei Fontane gerade mal erwähnt werden, es kommt zu einer dramatischen Schlüsselszene, die der stets indirekte Fontane so sicherlich nicht in die Erzählung gebracht hätte.

Unfähig zur Empathie

Glanert hält sich da eher an Fontanes Briefe, in denen der Schriftsteller sich vor allem gegenüber seiner Ehefrau über die Probleme seiner Zeit und seiner Gesellschaft äußerte. Wenn es dabei um die Beziehung zwischen Menschen ging, sind dies in Glanert Augen Probleme, die auch heute auftauchen. Die distanzierte Oceane, dieses Zwischenwesen zwischen meerhafter Natur und bürgerlicher Gesellschaft, könne als Figur durchaus Ausdruck solcher Probleme sein. Es ist vielleicht kein Signum unserer Zeit, aber eines, das wir in verschiedenen Stärkegraden kennen. Menschen, die nichts für andere empfinden können oder empfinden wollen. Die unfähig sind zur Empathie.“

Ob das Genre der Oper, in welchem Menschen sich stets singend in emotionale Grenzsituationen begeben, auch solchen Hemmungen dramatische Gestalt geben kann? Die Antwort lautet Ja – da ist sich Detlev Glanert sicher. „Ich glaube an diesen großen alten gewachsenen Apparat des Opernhauses.“ Und an seine Fähigkeit, alle denkbaren Spielarten von Gefühl auf die Bühne zu bringen.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Premiere am 28. April, 18 Uhr.