Ausstellung

Gruppenbild mit Toten: Andreas Mühes „Mischpoche“

Der Fotograf ist berühmt für seine Politiker-Bilder. Im Hamburger Bahnhof setzt sich Mühe nun mit der eigenen Familie auseinander.

Das Gruppenbild „Mühe 1“ zeigt Ulrich Mühe (M.) umgeben von seinen Frauen Susanne Lothar (l.) und Jenny Grölmann (r.)

Das Gruppenbild „Mühe 1“ zeigt Ulrich Mühe (M.) umgeben von seinen Frauen Susanne Lothar (l.) und Jenny Grölmann (r.)

Foto: Christoph Soeder / dpa

Berlin. Ein wenig makaber ist es ja schon. Da steht er, der eigene Vater, Ulrich Mühe, im Zentrum des Bildes. Rechts von ihm seine zweite Ehefrau Jenny Grölmann, links von ihm Ehefrau Nr. 3, Susanne Lothar. Ganz rechts blickt Anna Maria Mühe, die Tochter von Mühe und Grölmann, aus dem Fenster, von den Eltern abgewandt.

Linkerhand sitzt Andreas Mühe, der Sohn aus Mühes erster Ehe mit der Theaterregisseurin und -intendantin Annegret Hahn, am Schreibtisch, mit dem Rücken zur Kamera, eine Spieluhr in Händen haltend. Ein klassisches Familienporträt. Könnte man meinen.

Irgendetwas stimmt da nicht

Aber sowohl Ulrich Mühe als auch seine Ehefrauen links und rechts von ihm sind längst tot. Das Foto ist gestellt. Heute sagt man auch gern: gefaket. Und noch etwas irritiert, aber erst beim zweiten, genaueren Hinschauen: Alle haben ungefähr das gleiche Alter. Der Sohn wie der Vater, auch der Großvater, der rechts am Klavier lehnt, sie alle stehen da in der Blüte ihres Lebens. Und neben dem Großvater spielen dessen drei Urenkelinnen Klavier, die er gar nicht mehr kennengelernt hat. Ein Familienporträt also, das es so gar nicht geben kann.

Andreas Mühe ist weithin bekannt als „Kanzler-Fotograf“. Ein Etikett, das der der 39-Jährige nicht gern hört. Aber bekannt wurde er tatsächlich mit seinen sehr eigenwilligen, betont stilisierten Porträts von Politikern, allen voran Angela Merkel. Auch das ikonografische Bild von Helmut Kohl im Rollstuhl vor dem Brandenburger Tor hat jeder vor Augen. Macht und wie sie sich darstellt, das hat den Fotografen immer schon interessiert.

Auch in seiner Werkreihe „Schreibtische“, wo er nur die Arbeitsräume von Persönlichkeiten wie Angela Merkel, Konrad Adenauer oder Helmut Schmidt ablichtete. Oder in seiner umstrittenen Werkgruppe „Obersalzberg“, die sich mit der propagandistischen Ikonografie und faschistischen Selbst-Inszenierungen auseinandersetzte, mit der Ästhetik des Größenwahns also. Die Frage nach Identität und ihrer Repräsentation zieht sich wie ein roter Faden durch das Oeuvre des Berliner Star-Fotografen.

Postume Vereinigung der Familie

Und jetzt plötzlich „Mischpoche“, diese sehr persönliche, geradezu intime Auseinandersetzung mit der eigenen Familie. Mit dem großen Namen und den vielen Schauspielern, die sie hervorgebracht hat. Auch mit den Konflikten, die teils öffentlich ausgetragen wurden, etwa als Ulrich Mühe Jenny Grölmann kurz vor ihrer beider Tod vorwarf, ihn zu DDR-Zeiten bespitzelt zu haben, worunter die Kinder sehr gelitten haben.

Aber nun werden sie, posthum, alle wiedervereint. In zwei riesigen Familienporträts: die eine, kleinere, zeigt Familie Hahn mütterlicherseits, die andere, vor dem die Museumsbesucher wegen der bekannten Protagonisten wohl länger verweilen werden, Familie Mühe väterlicherseits.

Am Vater hat er sich am längsten abgearbeitet

Auch diese Porträts sind so betont stilisiert wie Mühes sonstige Bilder: minutiös arrangiert, extrem künstlich ausgeleuchtet, kühl angeordnet in einem weiten Raum, in dem sich die Figuren zu verlieren drohen. Und wie erstarrt wirken, jedem Zeitkontinuum entrückt. All das betont den Prozess der Inszenierung und entblößt ihn zugleich als Schein.

Dabei hat Andreas Mühe nicht bloß schnöde Photoshop benutzt und die verblichenen Familienmitglieder digital zwischen die noch lebenden montiert.

Nein, in einem sehr aufwendigen Verfahren hat er die Verstorbenen nach Fotovorlagen in einem komplexen Produktionsverfahren als lebensechte Figurenskulpturen nachgebaut. Und dann die Lebenden mit den Toten vereint. Höhepunkt der Ausstellung sind die riesigen Gruppenbilder im mittleren Raum, aber im hinteren Raum sin d auch die diversen Entwicklungsstufen der Skulpturen und im vorderen die ersten Gruppenanordnungen zu sehen, die nüchterne Titel tragen wie „Frau III“; „Konstellation XII“ oder „Vater XXXIX“. Am Vater hat er sich also am längsten abgearbeitet.

„Seine Werkgruppe, die er jetzt im Hamburger Bahnhof ausstellt, nennt Mühe leicht ironisch „Mischpoche“. Schon seine Politiker waren ja irgendwie eine Macht-Mischpoke, jetzt kommt die eigene, weit verzweigte Patchwork-Familie hinzu. So persönlich diese Arbeit auch ist, weist sie doch weit über eine bloße Familiengeschichte hinaus.

Ein Spiel mit den Traditionen der Familienporträts

Die nachgestellten Familienmitglieder sind alle etwa so alt wie der Fotograf selbst. Als sein Großvater in Mühes Alter war, wurde die Mauer erbaut, als sein Vater so alt war, ist sie gefallen. Auch da spielt also Zeitgeschichtliches hinein. Und wie der Fotograf auf dem Vater-Gruppenbild mit einer Spieluhr spielt, so spielt er hier auch mit den Traditionen des Familienporträts in der Malerei und der Fotografie. Und bricht sie zugleich.

Die sehr ungewöhnliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater, das weckt ganz unterschiedliche Assoziationen. Sehr nahe liegt der Gedanke an ein Wachsfigurenkabinett. Dann aber hatte Ulrich Mühe ja auch in seiner Fernsehserie „Der letzte Zeuge“ als Gerichtsmediziner mit Toten zu tun. Das spiegelt sich hier quasi.

Und richtig freudianisch wird es am Donnerstag früh auf der Pressekonferenz im Hamburger Bahnhof, als Andreas Mühe den übergroßen Katalog zur Austellung, der in keine Tasche passt, mit dem Konterfei seines Vaters vor das eigene Gesicht hält. Das ist natürlich ein Werbe-Gag für die Fotografen-Kollegen von der Presse. Aber versteckt sich da nicht auch ein Sohn hinter dem Vater? Oder trägt ihn weit vor sich her? Und versucht in ihm „zu lesen“?

„Familie ist der schönste Heimathafen“

Drei Jahre hat Mühe an dieser Werkgruppe gearbeitet. Dass all die Fotos nun hängen und ab dem heutigen Freitag öffentlich zugänglich ist, ist für den Künstler noch „etwas unglaubwürdig“. Für ihn selbst war die Arbeit mit der eigenen Familie aber nicht anders als mit anderen Persönlichkeiten. Familie betrachtet er weder als Segen noch als Fluch, sondern als „der schönste Heimathafen, den man haben kann“. Je größer, desto besser. Am Ende werden die Skulpturen der toten Familienmitglieder vernichtet und nur noch das Kunstwerk übrig bleiben.

Aber Hand aufs Herz, ist es nicht doch etwas makaber, wenn man den eigenen Vater als Puppe wiederauferstehen lässt? Auf unsere Antwort hin windet sich Mühe ein wenig. Auf den makabren Effekt geht er gar nicht erst ein. „Jeder muss sich selber befragen, wie sein Verhältnis zu seinem Vater war“, sagt er. „Wenn das mit diesen Bildern ausgelöst wird, ist etwas gelungen.“ Auf die Frage eines Kollegen, was wohl sein Vater zu dieser Arbeit gesagt hätte, flüchtet Andres Mühe in einen Gag – und in Dialekt: „Det weeß ick nu ooch nich.“

Jeder muss sich selbst befragen, wie sein Verhältnis zu seinem Vater war.
Andreas Mühe, Fotograf