Theater

Die Vaganten Bühne feiert sich mit einer gelungenen Revue

Das Charlottenburger Theater wird 70 Jahre alt. „Spreeperlen“ ist ein Berliner Reigen mit Musik und vielen schillernden Ideen

Natalie Mukherjee ist Nancy aus Cottbus: Szenenbild aus den „Spreeperlen“

Natalie Mukherjee ist Nancy aus Cottbus: Szenenbild aus den „Spreeperlen“

Foto: Michael Graubner / Vaganten Bühne

Die Tonart ist weinerlich, der Heulkrampf episch. Aber der Song, den die sitzen gelassene Braut intoniert, hat einfach Klasse: „Du hast den Farbfilm vergessen“ war 1974 Nina Hagens größter Hit in der DDR. Der Schlager weiß, warum es mit Jessica aus Cottbus (Natalie Mukherjee) und ihrem Beinahe-Gatten nicht geklappt hat. Wer will schon Schwarzweißfotos vom letzten Urlaub vorzeigen? Ein nicht gut zu machender Fauxpas. Dumm nur, dass Jessica mit dem Schluchzen gar nicht mehr aufhören kann.

Es wird nur gesungen

Mit ihren Nöten steht die Friseurin nicht alleine da. In einer lauen Berliner Sommernacht in eine Strandbar gestolpert, findet sie sich in bester Gesellschaft von fünf weiteren einsamen Gestalten wieder. Eigentlich Anlass für eine trostlose Impression urbanen Lebens. Aber nicht in der Vaganten Bühne. Dort ist das Treffen Auftakt einer außergewöhnlichen Berlin-Revue, in der nur gesungen und nicht gesprochen wird. Dabei entspinnt sich aus den Liedern von Abba bis Queen eine Geschichte zwischen den Figuren.

Eine Geburtstagsproduktion

Mit der Premiere von „Spreeperlen“ gelingt in der Regie von Bettina Rehm ein unterhaltsamer, musikalischer Abend. Der ist zudem die äußerst originelle Geburtstagsproduktion zum 70-jährigen Bestehen der Charlottenburger Bühne. Gegründet 1949, zeigt das Haus vor allem gesellschaftlich relevante, sehr heutige Inszenierungen. Die von Bettina Rehm und Lars Georg Vogel ersonnene Jubiläums-Revue macht da keine Ausnahme, wenngleich sie äußerst spaßig daher kommt.

Ein Berliner Figurenreigen

Bei den Gestrandeten handelt es sich nämlich um ein typisches Berliner Panoptikum. Da ist die BVG-Angestellte Patricia (Stella Denis), die ihr Single-Dasein satt hat. Der Start-Up-Angestellte Florian (Julian Trostorf), der seinen Frust über die Kündigung ertränkt. Die Obdachlose Kathrin (Anja Dreischmeier), die mal Floristin war. Pianistin Hanna (Hanno Siepmann) indes ist eigentlich ein Mann und studierter Musiker, also zu Höherem berufen als auf dem Barklavier zu klimpern. Wie auch Wirt Sandro (Robert Huschenbett), der mal Philosophie studiert hat.

Die Strandbar mit Silberflitter, Plastikpalme und Sonnenschirm wirkt so provisorisch wie viele Tränken für gestresste Großstädter. Und doch ist sie an diesem Abend ein sicherer Hafen für die Fremden, aus denen Lied für Lied eine eingeschworene Gemeinschaft wird. Auch, wenn es Gräben zwischen Ost und West, Union Berlin- und Hertha BSC-Fans sowie zwischen arm und reich zu überwinden gilt.

Rockmusik als Kinderlied

Mit viel Witz interpretieren die Schauspieler nicht nur Berliner Songs, sondern auch wunderschöne Volkslieder wie das von Friedrich Glück vertonte Eichendorff-Gedicht „In einem kühlen Grunde“. Dabei greifen sie auch schon mal zu Triangel, Gitarre und Beatbox. Oder Blockflöten. Das Folterinstrument verwandelt Led Zeppelins Rock-Klassiker „Stairway to Heaven“ in ein naives Kinderlied. Dafür gibt es verdienten Szenen-Applaus.

Vaganten Bühne, Kantstr. 12a, Charlottenburg, Tel. 313 12 07, 26. 27.4., 11.-14.5., 26.-29.6., 2- 3.7. um 20 Uhr