Theater

Juli Zehs Erfolgsroman „Unterleuten“ kommt auf die Bühne

Regisseur Tobias Wellemeyer hat die Geschichte eines brandenburgischen Dorfes mit Schauspielern inszeniert. Eine Begegnung.

„Die ganze Gesellschaft fragt sich momentan, was ist Heimat, wer sind wir? Und wie viel Erde braucht eigentlich der Mensch?“: Regisseur Tobias Wellemeyer.

„Die ganze Gesellschaft fragt sich momentan, was ist Heimat, wer sind wir? Und wie viel Erde braucht eigentlich der Mensch?“: Regisseur Tobias Wellemeyer.

Foto: Anikka Bauer

Oben, auf der Probebühne auf unterm Dach vom Schiller Theater, wirkt die Stimmung entspannt, obwohl die Berlin-Premiere von „Unterleuten“ schon am kommenden Sonntag ist. Hektik in der Proben-Endphase steht bei Regisseur Tobias Wellemeyer nicht auf dem Plan. Mit leiser Stimme spricht er beim Interview über die Inszenierung, mit der er Anfang letzten Jahres bereits im Hans Otto Theater einen Bühnenhit landete. Damals noch als Intendant des Potsdamer Hauses. „Während der Vorstellung wurde viel gelacht und geschmunzelt. Das Publikum war sehr inspiriert und hat danach viel diskutiert“, erinnert er sich.

Der Erfolg von Potsdam soll wiederholt werden

Natürlich hofft Wellemeyer darauf, diesen Erfolg in Berlin zu wiederholen. Dass die Zuschauer auch hier angeregt nach Hause gehen. Die Chancen dafür stehen gut. Handelt es sich bei dem Stück doch um die Dramatisierung von Juli Zehs gleichnamigem Bestseller aus dem Jahr 2016, der sich um Themen dreht, die mittlerweile jeden umtreiben.

Im fiktiven Brandenburger Dorf Unterleuten spielend, erzählt die Geschichte die Destruktion einer Idylle. Ausgelöst durch eine Investmentfirma. Die will nämlich einen Windpark in direkter Nachbarschaft errichten und sondiert dafür schon mal den Erwerb von Grundstücken.

Wenn verschüttete Konflikte aufbrechen

„Gut fürs Klima, aber moralisch sind die Unternehmen durchaus janusköpfig. Wenn man genau hinschaut, ist das Wild West und es fließt viel Geld“, weiß Wellemeyer. Dadurch gerät das soziale Gefüge des Dorfes in eine komplette Schieflage. Es bilden sich flüchtige Allianzen für und gegen den Windpark. Und schwelende Konflikte brechen auf. Zwischen Alteingesessenen und neu hinzugezogenen Städtern. Zwischen Wendeverlierern und -gewinnern.

Insgesamt 14 Personen jeden Alters stehen für den atmosphärisch dichten Schlagabtausch auf der Bühne. Angesichts der Charaktere gerät Tobias Wellemeyer regelrecht ins Schwärmen: „Juli Zeh ist es gelungen, großartig ausgeleuchtete Figuren zu erzählen. Menschenporträts von Helden, die alle sehr stark sind. Es wird nicht nur ersichtlich, wie sie ihr Leben noch gestalten wollen, sondern auch, welche Traumata sie mit sich herumschleppen.“

Ein Dorf als Modell des Landes

Wie die eigentlich positiven Ziele der Figuren umschlagen in einen zerstörerischen, fast bürgerkriegsartigen Kampf, fand er sehr modern, spannend und intelligent. „Der Windpark ist dabei nur eine Metapher für die Ökonomisierung der Gesellschaft“, sagt er. Hier angesiedelt im Norden Brandenburgs. Dort, wo es für Wellemeyer noch ein deutliches Echo der DDR-Geschichte gibt. „Juli Zeh schafft dramatisierende Impulse aus der Vergangenheit für die Figuren und die gesellschaftliche Situation. Und ihr gelingt eine erstaunlich realistische Dorfbeschreibung, die ein kleines Modell der Bundesrepublik ist“, erklärt der 57-Jährige.

Er wollte einmal Förster werden

Dass man in den Dörfern, die gerade mal 100 Kilometer von Berlin entfernt sind, den gleichen Leuten begegnet wie im Stück, kann Wellemeyer bestätigen. Nachdem der gebürtige Dresdner zehn Jahre in Potsdam gelebt hat, ist er im letzten Jahr mit seiner Frau aufs Land nach Mecklenburg gezogen. „Den ersten Winter haben wir überstanden. Das ist eine Herausforderung. Im Sommer ist es toll dort. Doch ab Anfang Oktober sehr ausgestorben und einsam“, erzählt er.

Selbstredend gibt es dort auch Windparks. Neben Wölfen und der Ewigkeit des Waldes. Für Wellemeyer ein Mythos seiner Kindheit. Damals wollte er sogar Förster werden. Längst aber nutzt der studierte Theaterwissenschaftler den Wald als Metapher der Deutschen in seinen Inszenierungen. Wie bereits 2010 in seiner Potsdamer Inszenierung „Der Turm“ nach dem Roman von Uwe Tellkamp. Denn schon während seiner Intendanz am Hans Otto Theater hatte er ein Faible für die Dramatisierung großer Romane mit ihren Utopien und Verwerfungen. Er hat Tolstoi ebenso auf die Bühne gebracht wie Fontane, hat also dementsprechend Erfahrungen mit Prosastoffen.

„Was ist Heimat?“

An Juli Zehs Roman, der in einer Bearbeitung von Ute Scharfenberg aufgeführt wird, haben ihn auch die aktuellen Themen gereizt, die darin auftauchen: „Die ganze Gesellschaft fragt sich momentan, was ist Heimat, wer sind wir? Und wie viel Erde braucht eigentlich der Mensch?“ Antworten darauf gibt die Produktion nicht. Wohl aber Denkanstöße. Zudem hat sich im Gegensatz zur Potsdamer Einrichtung einiges geändert. „Wir haben zur Hälfte neue Schauspieler und viele Szenen noch einmal neu entwickelt. Dadurch entsteht eine ganz neue Frische und Lebendigkeit“, verrät Wellemeyer. Als Regisseur hat er versucht, die Erzählung aus den Figuren herauszuziehen und nicht klüger zu sein als sie. Im Mittelpunkt stehen dabei die Dorf-Alphatiere Rudolf Gombrowski und sein Gegenspieler Kron, die seit Jahrzehnte eine Fehde miteinander austragen. Knorrige Typen mit scharfer Zunge.

Das Bühnenbild wurde den Bedingungen im Schiller Theater angepasst. Noch stehen die kargen Baumstämme auf der Probebühne. Nicht von ungefähr erinnern sie an die auf dem Land überall aufragenden Windkraftanlagen. Weniger Dorf-Idyll als vielmehr eine dräuende, dystopische Kulisse. Bitterböse Unterhaltung garantiert.

Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg, Tel. 88 59 11 88, bis 19.5., Voraufführungen 26. 27.4. um 20 Uhr, Premiere 28.4. um 18 Uhr