Schriftsteller

Helmut Krausser und die Entdeckung der Zärtlichkeit

Helmut Krausser ist für Provokation bekannt. In seinem neuen Roman hat er es jedoch sanfter angehen lassen - wie in einer Seifenoper.

Helmut Krausser

Helmut Krausser

Foto: Hagen Schnauss

Bevor man ihn trifft, hat man ein kleines bisschen Angst. Vor seiner Kritik am Feuilleton, die er schon das ein oder andere Mal geäußert hat. Vor Worten wie kräftige Watschen. Dass der Literaturkanon willkürlich sei etwa und am besten neu geschrieben werden müsse. Deswegen wird er schon mal Klaus Kinski des Literaturbetriebs genannt. Wer die legendären Auftritte Kinskis kennt, der weiß spätestens jetzt, warum das Reporterherz vor einem Gespräch mit ihm etwas stärker pocht. Das kann Helmut Krausser nicht nachvollziehen. „Wer hat jemals behauptet, ich sei wie Kinski?“, fragt der Berliner Schriftsteller. „Das ist Quatsch. Ich bin der netteste und höflichste Mensch, den man sich vorstellen kann“, sagt er so, dass man ihm das glauben muss.

Wie kommt es wohl zu so einem Urteil, rätselt er weiter. Vielleicht wegen der einen Lesung, die er mal abgesagt hat? 1997? Da hat sein Lieblingsverein FC Bayern München gespielt. Das musste er sehen. Sorry. Aber das könne ihm doch niemand heute mehr übel nehmen, oder doch? Er schiebt seine randlose Brille gerade. Nein, es liegt wohl eher an seinem Verhältnis zur Literaturkritik. Dass er beispielsweise gefordert hat, man müsse die Kritiker kritisieren. „Damit habe ich mich in ein Nest gesetzt“, sagt er. Klar, so etwas hört natürlich kein Rezensent gern. Dass Krausser das genau weiß und es trotzdem sagt, auch heute noch, das ist wohl das, was ihn zum Kinski macht: Lust an der Provokation.

Kraussers Charaktere sind selten sympathisch

Krausser hat gerade seinen 16. Roman veröffentlicht, „Trennungen. Verbrennungen“. Wie viele andere seiner Bücher spielt auch dieses in Berlin. Seine Figuren mäandern durch die Stadt, von Dahlem, dem Wohnort des Ehepaars Reitlinger, zur Humboldt-Universität und nach Potsdam, wo die Tochter der Reitlingers studiert. Alisha heißt die 19-Jährige, die sich in ihre Kommilitonin verliebt, und gegen die Eltern zu rebellieren versucht. Das klappt leider nur so mäßig – Vater Fred, Professor für klassische Archäologie, und die recht lässige Mutter Nora geben einfach wenig Reibungsfläche.

Gerieben wird sich dennoch eifrig, denn Nora hat eine Affäre. Und der Schwarm von Alisha entpuppt sich als Escort-Girl. So richtig sympathisch ist einem keine Figur, wie häufig bei Krausser. „Ich wäre vermutlich ein viel berühmterer Autor, wenn ich Identifikationsfiguren anbieten würde. Aber das wäre zu einfach. Ich schreibe gern über die Grautöne, nicht über schwarz und weiß“, sagt er. Und wer in den Grautönen dieses Romans eine Seifenoper vermutet, der liegt nicht falsch.

Krausser hat seine Geschichte sogar selbst einen Soap-Roman genannt. „Als Versprechen an den Leser, gut unterhalten zu werden. Und als Ansporn an mich, spannend zu schreiben“, sagt er. Denn eigentlich mag er es nicht, wenn man von Seite zu Seite zu Seite springt, die Spannung einen nicht stoppen lässt. Wenn man so durch die Geschichte galoppiert, hüpft man eben auch über die Details hinweg. Doch die seien schließlich wichtig - in seinen Geschichten. Dabei ist doch das die Kunst hinter jeder guten Geschichte und nicht bloß in seinen: Detailreichtum mit Spannung zu verknüpfen.

Wer Kraussers Romane kennt, der weiß: Er hat ja trotzdem Recht mit den Details. Bei seinem Berlin-Bestseller, der auch verfilmt wurde, „Liebe, Sex und Einsamkeit“ etwa. Wie ein Steinsetzer hat er da aus vielen kleinen Schicksalen Stein um Stein, Kurzgeschichte um Kurzgeschichte, ein Mosaik aus Binnenerzählungen geklebt. Am Ende hängt jedes Steinchen am anderen. Und jedes Detail ist wichtig, um das ganze Bild zu erkennen.

Ihm gefällt der Beifall zu gut

Seit er 18 Jahre alt ist, schreibt Krausser. Zuerst für die Schublade, als sich noch kein Verlag für seine Texte interessierte. Und dann, nach „Fette Welt“, „Melodien“ und „Der große Bagarozy“, als sich das mit den Verlagen endlich geändert hat, für ein immer größeres Lesepublikum. Wenn er mit einem neuen Text beginnt (jeden Tag zwei Stunden Schreibzeit), dann weiß er häufig nicht, wie er ausgeht. Manchmal ist da bloß eine Stimmung, die er festhalten will, das Wetter, ein Bild, und manchmal ist die ganze Rahmenhandlung plötzlich da. Wie beim „Bargarozy“. Da hat er in der Münchner Abendzeitung ein Foto von Maria Callas entdeckt, auf jedem Arm hielt sie einen Pudel. Darunter stand: „Nur meine Hunde werden mich nie betrügen.“ Und Krausser dachte: Doch, auch die werden dich hintergehen. Und wie. In seinem Roman lenkt dann einer der zwei Pudel die Callas. Und den Pudel der Teufel.

Nicht alle Romane wurden gleich viel geliebt, einige sogar nicht ganz verstanden. „Mit einem Roman ein Risiko einzugehen, kann ich mir nur hin und wieder leisten, ich bin ja ein Entertainer. Ich schreibe, um davon zu leben. Ich lebe nicht, um zu schreiben. Das ist ein großer Unterschied“, sagt er und fügt an: „Und mir gefällt Beifall auch zu gut.“ Vielleicht liegt genau da sein Problem mit der Literaturkritik: Wer immer nur Beifall klatschen soll, kann nicht genau hinschauen.

Seltsamerweise, sagt er, werden seine Romane meistens eher von Frauen gelesen. „Das kann ich mir nicht erklären, weil man mir nachsagt, dass mein Schreiben eher typisch männlich ist“, sagt er. Vielleicht wegen dem Mangel an Identifikationsfiguren. Vielleicht auch, weil er frühere Romane gern mit drastischen Sex-Szenen gespickt und in „Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“ sogar eine Sex-WM erfunden hat. Vielleicht auch, weil seine Bücher für ihn eben nicht wie Kinder sind (das ist ja so ein Schriftsteller-Klischee, das leider immer noch gelegentlich bedient wird), sondern wie seine Exfrauen. „Wir haben eine gute Zeit miteinander verbracht, so sehe ich das, aber dann ist gut und wir können in Freundschaft auseinandergehen“, sagt er. Bloß: Bücher lassen sich in ein Regal stellen, Frauen äußern da schon mal Einwände.

Aber heute schreibe er sowieso zärtlicher, findet er. In „Trennungen. Verbrennungen“ etwa hat er versucht, Sexszenen weniger drastisch zu beschreiben. „Je älter man wird, desto dünner wird die Klinge eben“, sagt er. Bloß: Besonders scharfe Klingen werden nicht plötzlich stumpf.

„Trennungen. Verbrennungen“, 22 Euro, Berlin Verlag.