Porträt

Walter Plathe: Der Volksschauspieler und die echten Leute

Ein Besuch bei Walter Plathe, der viel gemein hat mit Heinrich Zille.

Schauspieler Walter Plathe im Zille Museum

Schauspieler Walter Plathe im Zille Museum

Foto: Foto: Reto Klar

Berlin.  Walter Plathe will über Heinrich Zille reden. Na klar will er das. Erstens weil: Wir treffen den Schauspieler im Zille-Museum im Nikolaiviertel. Plathe hat es 1999 mitbegründet. Und zweitens weil: Er hat ihn mehrmals auf der Bühne gespielt. Der 68-Jährige also, so viel steht fest, ist ein großer Bewunderer des Berliner Künstlers. Nicht zuletzt weil auch er Berliner ist (der Slang sitzt). „Der letzte dieser Art“ sei er, sagt Plathe selbstbewusst. Was nicht ganz stimme, wirft man ein, und zeigt auf sich. Ach ja, einige wenige noch, so etwa 21 Prozent seien „wir“.

Er wohnt in der Ackerstraße

In die Nachkriegszeit hinein geboren, aufgewachsen im Ostteil der Stadt, wo er noch immer wohnt (Ackerstraße). Dort jedenfalls schwebte, wie er sagt, der Geist des „Pinselheinrichs“, wie man Zille nannte, umher. „Er war irgendwie gegenwärtig.“ Mit sieben Jahren bekam er von seiner Tante ein Zille-Buch geschenkt. Der Humor beeindruckte ihn und was er darin sah, kam ihm bekannt vor. Schnell merkt man: Plathe mag es, mit seiner Berlin-Authentizität zu spielen. Und er scheint das Vergangene irgendwie lieber zu mögen als das Jetzt. So die Vermutung. Aber dazu später mehr.

Bekannt durch „Der Landarzt“

Plathe wird „Volksschauspieler“ genannt. Das hört er, der in den 90er-Jahren vor allem durch die Serie „Der Landarzt“ bekannt wurde, gerne. Das klinge nicht degradierend, nicht etwa abschätzig, weil massentauglich zu sein, nicht so richtig attraktiv ist. Nein, es sei sogar ein Kompliment! Denn ein Volksschauspieler, erklärt er, sorge für Identifikation mit den „echten“ Menschen.

„Der steckt da die Nase rein, wo die meisten nicht mal hinschauen wollen“, ist nah dran am Realen. Genau wie Zille. Der hat die Fratze der Gesellschaft um 1900 konsequent in seiner Kunst reflektiert, den elendigen Ist-Zustand archiviert. Zeichnungen, Gesprächsprotokolle, Fotografien – alles da, hier im Museum. Fakt ist: Die Welt hat das so an sich, bis heute. Sie will nicht von jedem immerzu gesehen werden, sich zumindest nicht in ihren kritischen, den düsteren Details entlarvt sehen. Weil das womöglich nachdenklich stimmen könnte. Wer hält denn heute den Finger genau darauf, so wie Zille damals? Es gebe ein paar, aber zu wenig, meint Plathe.

Privates Geld statt öffentliche Förderung

Symptomatisch für das kollektive Wegschauen sei übrigens, findet Plathe und jetzt erhebt er auch seine Stimme etwas, dass der Senat noch keinen Cent aus seinem Kulturtopf ans Museum gegeben habe. Auch dieses Jahr nicht, dabei ist 2019 sogar das Zille-Jahr. Wieder muss Plathes privates Geld herhalten.

Monsieur Pierre übrigens macht auch gewissermaßen auf die Tücken unserer Gegenwart aufmerksam. Er ist der Protagonist, gespielt von Plathe in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater. „Monsieur Pierre geht online“ heißt das Stück und erzählt von einem Witwer, der mit der Welt des Internets kurzerhand den Lebenswillen zurückgewinnt, nachdem er sich nach dem Tod seiner Frau fast aufgegeben hatte. Doch die Dating-Plattform, die ihn kurzzeitig energetisch stimmt, das digitale Leben, wird ihm am Ende fast zum Verhängnis.

Ein analoger Nomade

Dass das Internet nicht immer und jedem ganz geheuer ist, weil eben nicht zum Anfassen und äußerst undurchsichtig, ab und an skandalös, das weiß man. Trotz der diffusen Ängste vor „diesem Internet“ scheint es fast jeder zu nutzen.

Hier ist Plathe wohl tatsächlich „der letzte dieser Art“, denn er kann dem tatsächlich gar nichts abgewinnen. Er bleibt der analoge Nomade, ein Nostalgiker mit Büchern und Zeitung und ganz bestimmt ohne Smartphone! Er zeigt, innerlich den Kopf schüttelnd, auf das der Autorin, aus dem sie gerade die Fragen abliest. Als es plötzlich Mobiltelefone gab, damals, erinnert er sich, war auch er fasziniert, schaffte sich ein immer kleineres Gerät an. Zum Sklaven aber, wollte er sich nie machen lassen.

Die Armseligkeit moderner Paare

Die einzige Lösung: der Boykott. Sein Handy sei schlicht dazu da, um Anrufe zu empfangen. Man soll ihn anrufen, sagt er Kollegen, Freunden, seinem Sohn. „Alles, was ich wissen will, erfahre ich so, aus der Zeitung oder aus Gesprächen.“ Apropos, die gebe es ja gar nicht mehr, die Gespräche. Nun beschreibt er eine Szene, der er im Alltag häufig begegne: Ein Pärchen im Café, über eine Stunde vor ihren Geräten sitzend, ohne auch nur ein Wort zu wechseln. Klingt durchaus trist, ja.

Aber verhält es sich da mit einem Zeitung lesenden Pärchen nicht ganz ähnlich? Und noch ein Einwand: Vielleicht hat jenes die lebendigste Beziehung überhaupt und genießt in diesen ruhigen Momenten die bloße Anwesenheit des anderen? Plathe schaut, fast etwas verdutzt, schüttelt dann entscheidend den Kopf. Sagt kurz nichts und dann: „Menschen kommunizieren nicht mehr miteinander.“ Punkt. Wenn er im Urlaub ist, greift er zu Stift und Karte und wenn er ein Buch liest, tut er das in einem aus Papier.

Während man selbst im Jahr 2019 das Internet und die ständige Erreichbarkeit für völlig selbstverständlich hält, trotzdem versucht, kritisch zu bleiben und den richtigen, einen gesunden Umgang mit den neuen Medien zu finden, ignoriert Plathe all die Errungenschaften einfach. Auch okay. Deshalb hätten sich seine jüngeren Kollegen bei den Proben für das aktuelle Stück auch schön viel über ihn amüsieren können, erzählt er. Wenn ihm gesagt wurde, er müsse erst das Fenster (der App oder des Browsers) öffnen, fragte er: „Das in der Küche oder im Wohnzimmer?“

Das ist schon irgendwie ganz charmant und es passt zu ihm, dem Mann mit gräulichem Rauschebart, der runden Brille und einer antiken Hausarzttasche aus abgegriffenem Leder, fasziniert vom verstorbenen Zille schwärmend. Ob das nun Koketterie, Ignoranz oder Toleranz ist. „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“, meint Plathe abschließend und zitiert damit – es wundert nicht – den „Alten Fritz“.