Kunstgeschichte

Osterfest-Symbol: Das Geheimnis liegt im Ei verborgen

Wiedergeburt, Auferstehung oder Sinneslust: Eier sind vieldeutige Symbole. Ein kleiner Osterspaziergang durch die Kunstgeschichte

Was tun die Sänger im Ei und wer hat es gelegt? Das Gemälde „Zangers in het ei“ aus dem 16. Jahrhundert entstand wohl auf Grundlage einer Zeichnung von Hieronymus Bosch.

Was tun die Sänger im Ei und wer hat es gelegt? Das Gemälde „Zangers in het ei“ aus dem 16. Jahrhundert entstand wohl auf Grundlage einer Zeichnung von Hieronymus Bosch.

Foto: akg-images/De Agostini Picture Lib./G. Dagli Orti

Eines der größten Überraschungseier der Kunstgeschichte hat der Renaissancekünstler Hieronymus Bosch „gelegt“. Das Ei ist so groß, dass ein kleiner Gesangsverein darin Platz findet. Köpfe von sieben Sängern ragen aus einem Riesen-Ei. Welches Tier legt ein solches Ei und was haben Sänger darin verloren? Einer der Musiker auf der Zeichnung aus dem Berliner Kupferstichkabinett hält ein Notenbuch und deutet mit dem Zeigefinger auf die Stelle, die gerade gesungen wird. Jahrzehnte nach Boschs Tod, der Künstler starb 1516, entstand ein Gemälde im Bosch-Stil, das entweder auf diese merkwürdige Zeichnung oder ein verschollenes Gemälde Bezug nimmt.

In der gemalten Version enthalten die aufgeschlagenen Buchseiten ein elegisches Lied von 1549: „Toutes les Nuits“ von Thomas Crecquillon. Wir wissen also, wie das Bild „klingt“. Die Narren und die Symbole haben sich vermehrt. Ein Verrückter trägt einen Trichter als Hut. Ein rot gekleideter Musikant bläst vollmundig eine Flöte, einer spielt verkniffen Leier, ein anderer stibitzt einen Geldbeutel. Eine Hand hat die Eierschale von innen durchstoßen. Aus dem Ei wächst außerdem ein Baum, auf dem ein Korb mit Eiern und einem gebratenen Hähnchen hängt. Eine Eule deutet auf die Anwesenheit von Hephaistos, Athena, Prometheus und geheimes Wissen hin, der Affe steht für den Alchemisten.

Die Figuren auf der Zeichnung „Zangers in het ei“ wie auch auf dem gleichnamigen Gemälde sehen närrisch aus, was die Deutung als eine Art von Narrenschiff nahelegt. Hierbei handelt es sich um ein im Spätmittelalter unter anderen durch Sebastian Brant populär gewordenes Motiv. Bei Bosch aber ist meist noch mit einer weiteren, hermetischen Deutungsmöglichkeit zu rechnen. Dann wäre das Ei eine Art alchemistischer Ofen, in dem das „Opus Magnus“ ausgebrütet wird, in der Phase, in der Klänge eine Rolle spielen und das Werk zu tönen und atmen beginnt. Sollte der alchemistische Vorgang glücken, könnten aus verrückten Alchemisten vielleicht große Weise werden.

Der belgische Surrealist René Magritte malte 1936 eine nicht weniger mysteriöse Szene mit einem Ei. Es handelt sich zugleich um ein Selbstporträt. Der Maler mit schwarzem Anzug und perfekt gescheiteltem Haar hat als Motiv ein weißes Ei vor sich, das er intensiv betrachtet. Gleichzeitig führt er mit dem Pinsel auf einer Leinwand, die von einer Staffelei gehalten wird, einen grauen Vogel mit ausgebreiteten Schwingen aus. Der Titel „La Clairvoyance“ deutet den künstlerischen Scharfblick an, der, was in der Realität lediglich als Möglichkeit, als Potenz angelegt ist, vor Augen stellt.

Was hat der Künstler ausgebrütet?

Der Popart-Künstler Jeff Koons ist nicht nur Schöpfer des Motivs „Balloon Rabbit“, sondern auch von „Cracked Egg“, einer von 1994 bis 2006 ausgeführten Serie. Hier sind aufgebrochene Eier hochglanzpoliert und lackiert wie ein Luxusartikel. Wieder stellt sich die Frage: Welches Tier legt derartige Eier und was entschlüpft daraus? Glaubt man Mythen, so können Eiern komplette Schöpfungen entspringen. Um 600 v. Christus ist von Epimenides belegt, dass nach der orphischen Kosmo- und Anthropogonie die Welt aus einem geborstenen Weltei entstanden ist: die Erde aus der unteren, der Himmel aus der oberen Schale.

Bei Francesco Melzis Darstellung „Leda mit dem Schwan“ (nach Leonardo da Vinci) aus dem frühen 16. Jahrhundert in den Uffizien in Florenz ist klar, was in den Eiern gereift ist. Die Königstochter hat Eier gelegt, denen Zwillingspaare in Gestalt satter Putti mit lustigen Speckröllchen entschlüpfen. Die britische Künstlerin Sarah Lucas klatschte sich für ihr „Self Portrait with Fried Eggs“ 1996 zwei Spiegeleier aufs T-Shirt und blickte provozierend in die Kamera. Das Selbstporträt wird gedeutet als Distanznahme zu femininen Rollen wie der mütterlichen Ernährerin, die als aufoktroyiert empfunden werden können.

Eier sind in der Kunstgeschichte in unterschiedlicher Form anzutreffen. Es gibt große und kleine, frische und faule, rohe und gekochte, österliche und profane. Ebenso variantenreich sind auch die Deutungsmöglichkeiten. In der christlichen Ikonografie stehen Eier für die Wiedergeburt und Auferstehung. Dasselbe gilt für Hasen. Als lunares Tier steht der Hase für Licht in der Finsternis und für Wiedergeburt. Zu Füßen eines Heiligen können Hasen aber auch den Sieg über die Sinneslust symbolisieren.

In der großen Ausstellung „Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance“, die noch bis Ende Juni in der Berliner Gemäldegalerie zu sehen ist, findet man Hasen zu Füßen des heiligen Hieronymus. Auf Bellinis zartem Auferstehungsbild von 1475/1479 symbolisieren die schwebende Haltung Christi über dem Grab, die Kreuzesfahne und die Morgenröte des österlichen Himmels die Auferstehung. Wenn man genau hinsieht, erblickt man in der Nähe der Horizontlinie zwei Hasen. Einer hoppelt dem Auferstandenen entgegen. Laufende Hasen stehen für die Erinnerung des Todes (Memento mori) und das rasche Vergehen der Zeit.