Konzert in Berlin

Bilderbuch verführen ihr Publikum mit Zuhälter-Charme

Bilderbuch spielt in der Berliner Columbiahalle ein Konzert, bei dem jede Pose sitzt. Das Publikum ist hingerissen.

Maurice Ernst liefert in Berlin alle Posen.

Maurice Ernst liefert in Berlin alle Posen.

Foto: Gina Wetzler / Redferns

Berlin. Bilderbuch aus Wien sind eine Band, die zu 95% aus Posen besteht. Die halten und wechseln sie jedoch sehr schnell, sehr gut. Sie beherrschen das alte Spiel mit Pathos und Ironie, bei dem man nie genau weiß, was ist eigentlich wie gemeint. Wo singt ein „echtes Ich“, wo eine Figur, wo einfach nur ein Mensch gewordener Slogan?

Theaterhaft ist auch ihre Show in der Columbiahalle. Die Bühne platzt fast vor Aufbauten: Lavalampen, Globen, ein riesiger Wasserhahn, ein großer Saturn (mit Ring), eine Gangway. Auf der steht Sänger Maurice Ernst genau einmal, ganz oben, in einem verboten roten Disco-Schlafanzug. Er croont und witzelt und flirtet mit dem Publikum.

Das Publikum ist hingerissen

Das ist von der ersten Minute an verzückt. Es besteht hauptsächlich aus Grundstudium-Studenten, dazu ein paar Über-45-Jährige. Das aktuelle Klang-Outfit der Band wiederum ist eine Melange aus Dicke-Hosen-Mucke und Fast-schon-Schlager. 90er-Synthiesounds überlagern sich mit fetten Gitarren, auf die Slash von Guns ‘n’ Roses stolz wäre.

Bereits beim zweiten Song regnet es rote Papierherzen von der Decke. Man fühlt sich wie im Zirkus. Und genau so soll das sein. Nichts an diesem Konzert ist zufällig, alles ist Konzept. Man muss sich Bilderbuch als Gesamtkunstwerk vorstellen.

Die Show muss knallen

Einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Erfolgs verdankt die Band ihren stylischen Videos, die mit allen Zutaten dessen spielen, was der sexy Pop von T. Rex, Bowie, Prince oder Landsmann Falco zu bieten hat. Wie um das Fehlen dieser Zutat zu kaschieren, drücken Bilderbuch live gehörig aufs Party-Pedal. Alles ist Cinemascope, alles knallt.

Vor allem Gitarrist Michael Krammer wirft sich ins Zeug. Die Gitarre in den Kniekehlen hängend hüpft er oben ohne herum wie eine Inkarnation des jungen Flea von den Red Hot Chili Peppers. Dabei spielt er Soli wie ein junger Grunge-Gott. Keine Geste, die nicht wie ein Zitat wirkt, und doch – gerade deshalb – voll im Bilderbuch-Kosmos aufgeht.

Schmieriger Zuhälter-Charme

Allein die Songtexte versteht man in der Columbiahalle mal wieder nur, wenn man sie eh schon auswendig kennt. So kann man den schmierigen Zuhälter-Charme nur erahnen, mit dem Maurice Ernst Zeilen raus haut wie: „Ich bin ein Spieler und ich kann nicht verlieren“, „Sag es laut, jaul es raus, gib es zu, / du bist hinter meinem Hintern her“, auf neueren Stücken aber auch: „Du liebst mich an der weißen Wand, / doch ich bin nur das Bild, das du von mir siehst“ oder gar: „Liebe is the place to be / Ich bin bereit für diese Galaxie“.

Eine vergleichsweise krasse Ansage für so eine Band der schillernden Oberflächen. Doch ob Selbstherrlichkeit oder Sehnsucht nach was anderem: Die Leute feiern Bilderbuch an diesem Abend hart.

Update: In einer früheren Version des Artikels hatten wir geschrieben, Gitarrist sei Klemens Kranewetter. Seit 2008 ist der Gitarrist aber Michael Krammer.