Literatur

Saša Stanišić und seine Tankstellenclique

Geschichte einer Integration: Saša Stanišić schreibt großartig über „Herkunft“ und setzt auf die Eigenreflexion seiner Leser.

Schriftsteller Saša Stanišić.

Schriftsteller Saša Stanišić.

Foto: Sämann

Ein Schriftsteller als Musterbeispiel für Integration: Saša Stanišić, 1992 mit 14 Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen, in Heidelberg gelandet, dort auf die richtige Schule gegangen, Glück mit den Lehrern gehabt, wurde gefördert, war von Geburt an klug, lernbegierig, anpassungswillig, wurde von den Behörden anders als seine Eltern nicht abgeschoben, weil er in Deutschland studieren konnte, und durfte danach tatsächlich immer noch bleiben, einfach weil er Schriftsteller werden wollte. Jetzt lebt er in Hamburg mit deutschem Pass, heimst Literaturpreis über Literaturpreis ein, bringt die deutsche Romantik in Form von Eichendorff-Gedichten selbst in sein neustes Werk, ein autobiografisches Essay über „Herkunft“, ein, stürmt damit auch noch die Bestsellerlisten und ist insgesamt so nett und grundsympathisch, dass man als Leser richtig wütend werden kann.

Wütend, weil Stanišić so viel Glück gebraucht hat, um den Massakern in seinem Herkunftsland zu entgehen, wütend aber auch, weil es bei dieser großen Erfolgsstory in Deutschland viele Momente des Schämens gibt. „Müssten wir jetzt fliehen, wären also die Zustände an den Grenzen 1992 so restriktiv gewesen wie an den EU-Außengrenzen heute, würden wir Heidelberg nie erreichen“, stellt Stanišić nüchtern fest. Das stimmt, und wir alle leben derzeit recht bequem damit.

Er besuchte seine Großmutter in Bosnien

Die Idee, sich in seinem vierten Buch mit dem Thema Herkunft zu beschäftigen scheint Stanišić zunächst selbst suspekt. Er besucht seine Großmutter Kristina im bosnischen Višegrad, die ihre „Erinnerungen verliert“, während er fortan „Erinnerungen zu sammeln“ beginnt. Darf man sich heutzutage überhaupt mit der Frage nach Herkunft, nach Abstammung, Unterscheidung beschäftigen, wenn das alles doch gerade erneut nur wieder als Mittel der Ausgrenzung missbraucht wird? Die Gefahren einer Identitätspolitik sind real, das Bedürfnis nach Identitätsfindung ebenso. Die Familie ist mit dem Land Jugoslawien auseinandergebrochen, schreibt er, Heimat ist nicht der Name eines Landes, es sind Großmütter, einfach so.

1991 hat er mit seinem Vater noch im im Stadion gesessen, als die Mannschaft Roter Stern Belgrad die Bayern mit einem Unentschieden aus dem Europapokal schoss. Ein Jahr später schaffen seine Mutter und er es gerade noch rechtzeitig aus Višegrad zu fliehen, bevor das grausame Morden an der muslismischen Bevölkerung beginnt. Der Vater ist serbischer Abstammung, die Mutter bosniakisch-muslimisch, nach ihr wird später das Haus der Großmutter durchkämmt, wo noch immer ein Bild des 1980 verstorbenen Staatschefs Josip Broz Tito an der Wand hängt, der, so Stanišić, für den Vielvölkerstaat Jugoslawien die wichtigste „Erzählstimme“ der Einheit gewesen ist. Jugoslawien war optimistisch, stand für die geliebten Italowestern, hier wurden die Karl-May-Bücher verfilmt: „Ich war Halbblut, ich las Winnetou.“ Die Eltern waren nie religiös, für Stanišić war Muslim sein als Kind, „ohne Witz“, eine Art Diät, bei der man kein Schweinefleisch essen durfte.

Die Jugendlichen treffen sich an der Aral-Tankstelle

Dann Heidelberg und der Verlust der Sprache, um sich auszudrücken. Der Vater, studierter Betriebswirt, kommt ein paar Monate später nach Deutschland und landet auf dem Bau. Die Mutter, Politologin, schuftet fortan in einer Wäscherei. Saša lernt die Sprache schneller als seine Eltern, kommt auf eine gute internationale Schule, ergreift seine Chance. Er schämt sich, weil seine Familie wenig Geld hat, weil seine Eltern schlechter Deutsch sprechen, weil man bei ihm schon mal zum Grillen ganze Tiere aufspießt und damit genau das macht, „was die Deutschen von ihnen erwarten“. Seine Zuflucht, seine

wichtigste Sozialeinrichtung, wird eine „abgerockte“ ARAL-Tankstelle, wo sich Jugendliche aus der Türkei, Polen, Russland treffen, um zu rauchen, zu trinken, sich zu verlieben, Teenager zu sein. „Wir waren Kriminalität, Jugendarbeitslosigkeit, Ausländeranteil“, schreibt er. Die malerische Altstadt Heidelbergs ist aus Sicht der Tankstellenclique eine Art „Völkerkundemuseum“, das er erst als Student für sich erobern wird.

Stanišić will kein „Jugo“ und kein Flüchtling sein. Er ist Kind zweier Akademiker, was ihm einen Vorsprung gibt. Herkunft zeigt sich hier in aller Multidimensionalität. Er versucht sich von anderen „Jugos“ abzugrenzen, die „Balkan-Klischees bedienten (leicht aggro, leicht assi, leicht zu provozieren)“, und schämt sich aus heutiger Sicht dafür, sich für etwas Besseres gehalten, selbst ausgegrenzt zu haben. Noch schmerzhafter ist die Erkenntnis, dass auch er, der mit den „Häkchen im Namen“, die ihm von der Wohnungssuche bis zur Passkontrolle das Leben in Deutschland so lange erschwerten, sich auch von anderen Migrantengruppen abzugrenzen versucht. 1992, Rostock-Lichtenhagen, die gewaltsamen Angriffe auf ein Migrantenheim werden Thema in seinem Deutschunterricht. Saša Stanišić lernt neue Vokabeln wie „Zustrom“, „Krawall“, „Bürgerwehr“ und „Löscharbeit“. Der jugendliche Flüchtling sucht für sich nach Gründen, warum die attackierten Vietnamesen anders, nicht so wie sie selbst sind, er versucht sich „zu versichern, dass uns, den Guten, nichts Derartiges widerfahren könne.“

Die Eltern reisen in die USA aus

1998 soll die Familie Stanišić nach Willen der deutschen Behörden ins ethnisch gesäuberte Višegard zurückkehren. Ein Ort, der für sie an jeder Ecke für Verfolgung steht, und wo Saša Stanišić beim Besuch seiner serbischen Großmutter im Wohnzimmer von Nachbarn noch immer Bilder der Kriegsverbrecher stehen sieht. Bevor die Abschiebung droht, reisen die Eltern in die USA aus, wo es ihnen finanziell viel besser als in Deutschland gehen wird. Sie leben heute in Kroatien, wo sie immer wieder nach einem Jahr für drei Monate ausreisen und den Schengenraum verlassen müssen: Migrantenalltag, der ebenso idiotisch wie dauerhaft verletzend ist. Saša Stanišić hat Glück, weil ein deutscher Beamter nicht „Dienst nach Vorschrift“ macht, sich mit ihm Mühe gibt.

„Jedes Zuhause ist ein zufälliges. Dort wirst du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft“, schreibt Stanišić in seinem sehr klugen, sehr anrührenden Buch, und doch glauben offenbar die Glücklicheren, dass ihr Geburtsort Recht und Verdienst gleichermaßen ist. Rassisten seien „grundsätzlich unhöfliche Menschen“, hat sein Großvater gesagt, als Jugoslawien noch existierte und es einfach war, gegen Rassismus zu sein, erinnert er sich, doch „Welten vergehen, stellt man sich denen, die sie vergehen lassen wollen, nicht früh und entschieden in den Weg“.

Saša Stanišić: Herkunft. Luchterhand Verlag, 360 Seiten, 22 Euro.