Konzertkritik

Die Jazz-Supergroup 4 Wheel Drive heizt der Philharmonie ein

Die Gruppe 4 Wheel Drive besteht aus zwei Schweden und zwei Franken. Damit sind sie eine Art Supergroup des europäischen Jazz.

Das Gebäude der "Berliner Philharmonie"

Das Gebäude der "Berliner Philharmonie"

Foto: Robert Schlesinger / picture alliance / Robert Schlesinger

Berlin. Sie haben noch keinen Ton gespielt, da rauscht schon lang anhaltender Applaus durch die Philharmonie: 4 Wheel Drive sind eine Art Supergroup des europäischen Jazz. Zwei Schweden, zwei Franken: Nils Landgren (Posaune), Lars Danielsson (Bass), Michael Wollny (Piano) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug). Der Bandname ist Programm: alle vier sind gleichberechtigte Antriebsteile, die eben darin, jeder für sich Kraft auf den Boden zu bringen, steiles Terrain meistern. Soweit, so klar eigentlich für ein gehobenes Jazz-Treffen.

Die vier Herren operieren mit traumwandlerischer Sicherheit, Technik spielt keine Rolle, alles klingt wie von jeglicher Gravitation befreit. 4WD können aber auch das volle Lautstärke-Spektrum: Nach einem balladeskem Einstieg knapp an der Hörgrenze knallt Haffners Schlagzeug ordentlich durch den Saal. Wunderpianist Michael Wollny spielt Hardbop-Cluster darüber, greift in den Flügel, schlägt mit den Handflächen auf die Tasten – viel harscher als die Bill-Evans-hafte Poesie, die er in der Regel mit seinem eigenen Trio vorführt. Und wenn Lars Danielsson den Standbass fast wie eine Gitarre hält, mal zum Cello wechselt und dann wieder ein Solo spielt, ganz Klang gewordene Architektur, kommt das Publikum aus dem Jubeln nicht mehr raus.

Singen ist im Jazz so eine Sache

Aber – ja, aber. Dass die Hälfte des Programms aus Versionen von 80er-Jahre-Radiohits besteht (Billy Joel, Phil Collins, Sting) ist ja keine völlig unangenehme Sache, selbst wenn Leute wie The Bad Plus oder der Pianist Brad Mehldau das Prinzip des Verjazzens von Popsongs zu neuen Standards schon vor Jahrzehnten perfektioniert haben. Nur muss Nils Landgren diese Stücke unbedingt auch singen? Er tut das mit einer klaren, sympathischen, präzisen Stimme, die doch bei jedem Ton nur zeigt: Er ist kein Sänger.

Das mit dem Singen ist im Jazz ja generell so eine Sache. Meist wird es von überausgebildeten Showtalenten übernommen, die jede Zeile zum Spielball ihres Könnens degradieren. Oder aber von coolen Understatern. Landgren fehlt zu letzterem das kaputt-verträumte Charisma eines Chet Baker. Er klingt mehr wie der nette Musiklehrer, der in der Aula überraschend mal selbst einen zum besten gibt. Ganz anders, natürlich, wenn er mit irrer Differenziertheit Posaune spielt.

Individualisten verschmelzen zu einer Einheit

In den langen Instrumentals jedoch verschmelzen die Individualisten von 4 Wheel Drive tatsächlich zu einer mal energetischen, mal verspielten, mal fragilen Einheit. Ihre Version des Genesis-Stücks „That’s all“ etwa – zum Glück ohne Gesang – ist ein Idealfall davon, wie man sich Musik anverwandeln kann, sie umkrempeln, hineinkriechen und gleichsam aus dem Innern eines Handschuhs heraus neu spielen.