Liederabend

Eva Mattes bringt Pippi Langstrumpf auf die Bühne

Sie war die Synchronstimme von Pippi Langstrumpf. Jetzt probt Eva Mattes für einen Astrid-Lindgren-Abend im Berliner Dom.

Am 11. Mai liest Eva Mattes im Berliner Dom aus Astrid Lindgrens Kriegstagebüchern und singt dazu. Hier ist sie bei einer Probe in der Kirche.

Am 11. Mai liest Eva Mattes im Berliner Dom aus Astrid Lindgrens Kriegstagebüchern und singt dazu. Hier ist sie bei einer Probe in der Kirche.

Foto: Reto Klar

Eva Mattes kennt jeder als versierte Schauspielerin des Neuen Deutschen Films und nicht zuletzt als Kommissarin a.D. im Konstanzer „Tatort“. Was aber die wenigsten wissen: Schon in Jugendjahren lieh sie im Fernsehen der „Pippi Langstrumpf“ die Stimme. Die 64-Jährige hat also eine lange Geschichte mit Astrid Lindgren. Als jetzt deren Kriegstagebücher „Die Menschheit hat ihren Verstand verloren“ spät veröffentlich wurden, war wiederum sie es, die sie als Hörbuch las. Damit schließt sich ein Kreis. Am 11. Mai gibt Eva Mattes darüber hinaus einen Astrid-Lindgren-Abend, bei dem sie liest und singt - und damit auch den Berliner Dom unterstützt. Wir haben sie bei Proben vorab getroffen.

Berliner Morgenpost: Frau Mattes, Sie haben eine lange Geschichte mit Astrid Lindgren. Sie haben einst „Pippi Langstrumpf“ synchronisiert, damals noch als Evi Mattes.

Eva Mattes: Ich habe mit 12 Jahren schon in München Theater gespielt. Und wurde dann mal zum Synchroncasting eingeladen. Da ging es um den Timmy in der Fernsehserie „Lassie“. Ich wusste damals gar nicht, was synchron ist. Da waren 30, 40 Kinder, aber sie haben mich genommen, und von da an war ich ein Synchronkindstar. Ich habe übrigens meistens die Jungs gesprochen. Auch bei „Pippi Langstrumpf“ habe ich im Kinofilm zunächst den Tommi gesprochen, erst als die Fernsehserie kam, habe ich dann die Pippi übernommen.

Sind Sie stolz darauf, dass Sie ein Teil von Pippi waren? Ein so starkes, anderes Mädchen- und Frauenbild, das Generationen von Kindern geprägt hat?

Das war mir anfangs gar nicht so bewusst. Ich habe das damals einfach gern geguckt, Inger Nilsson hat das so lebendig gespielt, und es hat großen Spaß gemacht, ihr meine Stimme zu leihen. Aber dass das so einen Nachklang haben würde, hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können. Das tut man auch nicht, wenn man 14 ist. Aber es ist schön, dass so ein Menschenwesen jede Generation begeistert mit ihrem Willen, die Welt so zu machen, wie sie ihr gefällt. Es gibt ja auch heute wieder eine Schwedin, die 16-jährige Greta Thunberg, die freitags nicht in die Schule geht, sondern dafür kämpft, dass die Welt erhalten bleibt und wir endlich das Klima schützen. Ein mutiges Mädchen, das dafür unheimlich viel aushält. Das hat auch etwas von Pippi Langstrumpf. Oder auch von Astrid Lindgren, die sich ja sehr eingesetzt hat für die Rechte der Kinder weltweit. Und sich maßgeblich politisch engagiert hat.

Wenn man Sie so sprechen hört, könnte man meinen, Sie sind so etwas wie eine Lindgren-Expertin geworden?

(lacht) Keine Ahnung. Aber mittlerweile weiß ich schon eine ganze Menge über Sie. Und ich verehre sie zutiefst. Sie war so stark, mutig, kämpferisch, lustig, unbeirrbar. Toll, eine große Frau!

Haben Sie sie auch selber kennenlernen dürfen?

Ja, ich hatte das Glück, sie einmal persönlich zu treffen. Da war sie in Lübeck auf einem Kinderfilmfest. Ich wollte sie einladen zum Hammoniale Festival der Frauen, das die Autorin und Dirigentin Irmgard Schleier ins Leben gerufen hat. Ich bekam einen Termin in Lübeck, bei Astrid Lindgren im Hotel, mit gepflegtem Tee. Ich hatte meine achtjährige Tochter dabei, die war mein kleiner Schutz, ich war ja so ehrfürchtig. Da habe ich mich bei ihr bedankt, dass sie es möglich gemacht hat, dass ich mit meinem Kind an einer Stelle ihres Buches weinen und drei Minuten später an einer anderen Stelle schallend lachen konnte. Das stärkt die Verbindung einer Mutter mit ihrem Kind. Ich habe ihr aber angesehen, dass ich nicht die erste war, die ihr das gesagt hat. Es war ein Geschenk, sie zu treffen. So wie schon ihre Bücher ein Geschenk sind.

Sie haben für die Serie damals auch das Lied von Pippi Langstrumpf gesungen. Singen Sie das heute auch noch manchmal?

Nur wenn ich gezwungen werde! Nein, S p a ß . Ich singe es zum Beispiel an unserem Astrid-Lindgren-Abend, wo ich aus Lindgrens Kriegstagebüchern lese. Zur selben Zeit, als sie diese Tagebücher geschrieben hat, hat sie ja auch „Pippi Langstrumpf“ geschrieben. Erst hat sie die ihrer Tochter erzählt am Krankenbett. Die Tochter hat den Namen erfunden und wollte eine Geschichte dazu hören. Und als Astrid Lindgren dann selbst krankgeschrieben und ihr langweilig war, hat sie die Geschichten aufgeschrieben.

Diese Tagebücher sind erst kürzlich veröffentlicht worden und wurden dann auch von Ihnen als Hörbuch aufgenommen. Schließt sich da ein Kreis für Sie?

Ja, natürlich. Ich habe auch meinen Kindern fast alles von Astrid Lindgren vorgelesen und habe das sehr geliebt. Und sie hat ja nicht nur von diesem harmonischen Bullerbü geschrieben. Ich fand es immer unglaublich, wie sie für Kinder Faschismus begreifbar machen konnte in Büchern wie „Mio, mein Mio“ oder „Die Brüder Löwenherz“. Wo das Böse die Welt beherrscht und die Kinder aufbrechen, um mutig zu sein und gegen ihre Angst und gegen das Böse angehen. Durch die Kriegstagebücher ist mir klar geworden, wie sehr sie sich damit auseinandergesetzt hat. Die Tagebücher hat sie sich damals von der Seele geschrieben , sie war ja bei der Postdienststelle des Geheimdienstes angestellt und hatte Zugang zu geheimen Dokumenten und Briefen. Sie wusste sehr früh von KZs und all den Gräueltaten und hat sich sehr damit auseinandergesetzt. Nachdem ich die Tagebücher als Hörbuch eingesprochen hatte, hat Irmgard Schleier aus den Texten und wunderbaren, unbekannten Liedern die sie dazu gefunden hat diesen Abend gemacht.

Sie geben schon seit 30 Jahren solche gemeinsamen Abende...

Und in unseren Programmen geht es immer um Emigration, Vertreibung, um Verlust von Heimat, um Krieg und Frieden. Astrid Lindgrens Tagebücher passen da genau hinein.

In den Tagebüchern geht es auch darum, was man tun kann, wenn Fremdenfeindlichkeit das Denken bestimmt, wie jeder einzelne Stellung beziehen kann. Das ist auch heute wieder brennend aktuell. Kommt so ein Abend so kurz vor der Europawahl genau richtig?

Ja, natürlich. Die positiven Stimmen und Kräfte müssen gestärkt werden. Gerechtigkeit, Zusammenhalt, eine empathische Politik, dafür hat sich auch Astrid Lindgren Zeit ihres Lebens eingesetzt.

Macht Ihnen das manchmal Angst, was da so passiert in der Welt? Dass überall in der westlichen Welt Werte, die wir für selbstverständlich hielten, bröckeln?

Ich habe weniger Angst. Angst behindert einen ja nur. Aber Wachsamkeit ist wichtig. Und auch dafür machen wir die se Abende: Die Schrecknisse des Zweiten Weltkrieges dürfen nicht vergessen und nicht wiederholt werden.

Sie zelebrieren diesen Abend im Berliner Dom. Ist das Ihre Art, diesen Bau zu unterstützen, der ja auch gerade bröckelt und dringend saniert werden muss.

So ist es. Es bröckelt, der Dom braucht dringend finanzielle Unterstützung, sonst bricht er zusammen. Und das darf nicht geschehen. Es ist ein so geschichtsträchtiger Ort. Und wir brauchen solche Orte der Einkehr und der Ruhe, in unserem immer hektischeren Leben.

Eine allerletzte Frage: Es ist zwei Jahre her, dass Sie beim „Tatort“ aufgehört haben. Vermissen Sie das oder sind Sie womöglich froh, dass Sie wieder mehr Zeit für anderes haben?

Nein. Das war eine sehr schöne Zeit, und so viel Zeit hat es gar nicht in Anspruch genommen, das waren ja nur zwei Folgen im Jahr. Und wann wird man schon von solchen Massen wahrgenommen? Über zwölf Jahre im Schauspielhaus Hamburg kommt vielleicht auch eine Million Zuschauer zusammen. Aber bei einem Tatort hat man gleich mehrere an einem Abend. Trotzdem, ich wollte einfach rechtzeitig aufhören. Ich erfinde mich gerne immer wieder neu.