Ausstellung

Adolph Menzels Blick auf Schlittschuhläufer

Schatzkammer früher Zeichenkunst: Das Kupferstichkabinett zeigt Neuerwerbungen der letzten zehn Jahre und ehrt damit seine Förderer.

Ernst Ludwig Kirchners „Fehmarnhäuser mit großem Baum“ von 1908

Ernst Ludwig Kirchners „Fehmarnhäuser mit großem Baum“ von 1908

Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz

Ein großes Tohuwabohu fing Adolph Menzel ein, als er um 1855/56 im winterlichen Tiergarten wagemutige Berliner beim Schlittschuhlaufen im Tiergarten beobachtete. Nicht jedem von ihnen bekommt das Unterfangen, manch feiner Herr mit Zylinder sucht strauchelnd Halt, andere liegen schon fast am Boden. Menzel hielt das Ganze als Pastell in dunklen Tönen mit wenigen Farbakzenten auf Karton fest – als vergnüglich buntes Treiben. Auch Max Beckmann war fasziniert von diesem Freizeitsport, der so manchen Zeitgenossen aus der Balance bringt, und fixierte das Ereignis mit wenigen spitzen Strichen in einer Druckgrafik.

Nun hängen die beiden Werke in der Ausstellung „In bester Gesellschaft. Ausgewählte Erwerbungen des Berliner Kupferstichkabinetts 2009-2019“ im Kupferstichkabinett beisammen, um mit rund 70 anderen ausgewählten Arbeiten aus allen Epochen zu zeigen, wie angesichts klammer Ankaufsetats der Museen die Sammlung dennoch ausgebaut werden kann, vor allem dank privater und öffentlicher Förderer, Mäzene und Stiftungen.

Das Kupferstichkabinett besitzt eine der weltweit größten Sammlungen

Zu sehen ist eine Auswahl von Arbeiten auf Papier, die vom Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart reicht und die unterschiedlichsten Künstler versammelt: Hans Holbein d. Ä., Max Slevogt, Yves Tanguy, Georg Baselitz, Monica Bonvicini und Katharina Grosse. Jedes Kunstwerk steht stellvertretend für die Akteure, die seinen Ankauf erst ermöglicht haben.

Das Kupferstichkabinett besitzt mit 650.000 Werken eine der größten und bedeutendsten Sammlungen von Kunst auf Papier weltweit und wächst noch immer. Vieles ist dem 1997/98 gegründeten Freundeskreis, der „Graphischen Gesellschaft zu Berlin“, zu verdanken, die besonders den Ankauf moderner und internationaler zeitgenössischer ermöglicht. Dazu gehören etwa Arbeiten von Thomas Schütte und Gert & Uwe Tobias. Die zwei Blätter von Lotte Laserstein, die diesem Engagement geschuldet sind, glänzen derzeit in der großen Lotte-Laserstein-Ausstellung in der Berlinischen Galerie.

Mit Hilfe großer bundesweit agierender Institutionen und Stiftungen sind Erwerbungen wie der sogenannte „Klebeband des Grafen von Waldburg-Wolfegg“ möglich, eine fürstliche Zeichensammlung mit Blättern aus dem 15. Bis 17. Jahrhundert – eine wahre Schatzkammer früher Zeichenkunst.

Kirchners Radierung „Fehmarnhäuser“ gehörte zur Raubkunst

Auch die „Schlittschuhläufer“ von Menzel konnten nur durch eine solche nationale Kraftanstrengung im Frühjahr 2018 im Kunsthandel erworben werden. Das Blatt wird in der Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Aus dem Vermächtnis von Barbara Göpel erhielt das Kupferstichkabinett im letzten Jahr 98 Zeichnungen und Druckgrafiken von Max Beckmann, darunter auch das erwähnte Eislaufbild. Bei dieser Schenkung musste genau die Provenienz der Arbeiten geprüft werden, da der Kunsthistoriker Erhard Göpel, der die Werke Beckmanns erwarb, im Auftrag Hitlers für das sogenannte „Führermuseum“ tätig und in dieser Funktion am Kunstraub in Frankreich und den Niederlanden verwickelt war. Die geschenkten Beckmann-Werke waren jedoch alle rechtmäßig erworben.

Exemplarisch für die Restitution geraubter Werke an die Erben des jüdischen Industrieller Eugen Moritz Buchthal steht die in Blau gedruckte Radierung „Fehmarnhäuser mit großem Baum“ von Ernst Ludwig Kirchner. In diesem Fall wurde das Werk nach der Restitution von den Erben wieder zurückerworben. Umgekehrt werden von Zeit zu Zeit im Krieg verschollene Werke, die vorher zum Bestand des Kupferstichkabinetts gehörten, zurückgewonnen. Dazu gehört Menzels „Dame im Coupe“, die nach 74 Jahren nun wieder mit dem dazugehörenden „Herrn im Coupé“ vereint ist. Solche glücklichen Paarungen sind in der Ausstellung viele zu sehen.

Kulturforum, Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz, Berlin-Tiergarten. Tel. 266424242. Di-Fr 10-18 Uhr, Sa + So 11-18 Uhr. Bis 4. August