Ausstellung

Ein Eichhörnchen spült Gläser, das Schaf trägt Bademantel

Panoptikum des Bizarren: In der Schau „Wundersame Welten“ vereint die Galerie Michael Haas Kunstwerke mit schaurig-schönen Szenerien.

Nader Ahrimans Ölgemälde „Subjekt malt Etüden transzendentaler Obdachlosigkeit“ von 2005

Nader Ahrimans Ölgemälde „Subjekt malt Etüden transzendentaler Obdachlosigkeit“ von 2005

Foto: Jens Ziehe

Ein schwarz-weißes Schaf hat seinen großen Auftritt im roten Bademantel, ein Schwein im rosafarbenen Kleid rührt gebieterisch den Kochlöffel, ein Eichhörnchen spült Gläser und eine Gans grillt eine Gans. Neben den skurrilen Tieren, die menschlichen Tätigkeiten nachgehen, tummeln sich stilisierte Figuren aller Art auf dem Gemälde des unbekannten italienischen Malers, der in der zweiten Hälfte des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts in Brescia wirkte. Nach einem seiner Gemälde, das zur Sammlung des Milwaukee Art Museum gehört, wird er nur Meister der „Feritilità dell’Uovo’ (Furchtbarkeit des Eis)“ genannt. Seine Malerei ist bevölkert von Tieren, Zwergen und allerlei Gebrauchsgegenständen, alle vereint in Szenerien des Absurden, Bizarren und Grotesken.

Das Bild ist Teil der Ausstellung „Wundersame Welten“ in der Galerie Michael Haas in Charlottenburg, die Werke aus den unterschiedlichsten Epochen präsentiert. Wie das Fantastische, Unheimliche und Traumhafte Künstler immer wieder zu den wagemutigsten Kompositionen inspiriert hat, kommt hier aufs Beste zur Anschauung. Erstaunlich, dass die Werke aus unterschiedlichen Zeiten und Stilen sich so herrlich ergänzen. Ein archaisch anmutender Tonlöwe von Seni Awe Camara, einer Künstlerin aus dem Senegal, wird durch den kecken Pinscher in einer Wüstenlandschaft vor einem Kopf aus Backsteinen auf dem surreal anmutenden Gemälde des Amerikaners Ray Smith noch geheimnisvoller.

Schönheit und Schrecken liegen eng beieinander

Spannend ist auch die Gegenüberstellung von zwei Gemälden aus unterschiedlichen Zeiten. Beide zeigen eine Burg in einer Landschaft und zeichnen sich durch intensive Lichtführung aus. Die romantische Felsenlandschaft von Heinrich Dähling aus dem 19. Jahrhundert wirkt zwar wild, aber doch noch von Gottes Licht erleuchtet. In Volker Tannerts apokalyptischer Landschaft gleich daneben scheint das Licht dagegen eher den Eingang zu einem Höllenschlund zu markieren, der in nächster Sekunde alles zu verschlingen droht: die Felsenburg, die Landschaft und noch den letzten Sonnenstrahl.

Geheimnisvoll wirken auch die Arbeiten von Kate MccGuire, die ihre Skulpturen und Reliefs aus Vogelfedern formt. Schönheit und Schrecken liegen hier ganz eng beisammen. Den ästhetischen Oberflächen ihrer Kunst entspringt immer etwas Unheimliches, das tief ins Unbewusste greift. Mit dem gesellschaftlichen Unbewussten spielt Daniel Richter in seinem Gemälde „The Decorative Immigrant“ von 2015, denn die Gestalt auf seinem Bild hat nichts Dekoratives an sich. Vielmehr erinnert sie mit aufgerissenen Augen und Mund an ein anderes Bild der Kunstgeschichte: Edvard Munchs „Der Schrei“.

Objekte, die einfach nicht zusammengehören

Das Unheimliche und Ungereimte kann auch ganz klassisch surrealistisch in die Bilder treten, indem Dinge zusammengebracht werden, die nicht zusammengehören, wie in Nader Ahrimans Gemälde „Subjekt malt Etüden transzendentaler Obdachlosigkeit“, wo Würste, ein Baguette, eine angedeutete Nähmaschine, ein toter Fisch und ein eiserner Prothesenarm eine merkwürdige Zeichenmaschine ergeben. Oder Räume werden uneindeutig werden wie in den Gemälden von GL Brierley und Gino Rubert, bei denen man nicht weiß, wo ein Bild im Bild anfängt, die Gegenstände davor aufhören oder sich möglicherweise alles wie in einer bedrohlichen Traumwelt unauflöslich miteinander verzahnt.

Wunderwelten können auch entstehen, wenn man wie Martin Denker (1976) in seiner poppig-bunten Comic-Fotografie „3 Day Chemical Holiday“ alles Mögliche sampelt und es einfach im Bildraum explodieren lässt. Peng! Paff! Auch John Isaacs bringt in seinen Objekten Unvereinbares zusammen, oft auch schwer Definierbares wie bei seiner Skulptur „If I said you could fall in love would you believe me“. Angesichts dieses Kunstwerks mit schwerer Kette, mehreren angedeuteten abgetrennten Köpfen und einem dunklen undurchsichtigen Auge möchte man auf die im Titel gestellt Frage nur schnell antworten: Nein danke!

Die Arbeiten lagerten im eigenen Depot

Kaum zu glauben, dass diese Ausstellung, die viel auch mit der Idee der Wunderkammer zu tun hat, in die alles Kuriose Eingang findet, aus Arbeiten entstanden sind, die im Depot der Galerie ausharrten, weil sie einfach in keine Ausstellung passen wollten. Dass diese Außenseiter ein so herrliches Panoptikum des Abseitigen, Abgründigen und Bizarren ergeben, ist ein Glücksfall. Und angesichts des reizvollen Grauens begibt man sich mit leichtem Nervenkitzel gerne in die dunklen Gefilde der menschlichen Seele, oft sogar mit leichtem Schmunzeln, als labte man sich allzu gerne am schrecklich schönen Schaudern.