Staatsoper

Sitzung der anonymen Opern-Junkies

Jubel und Buhs: Regisseur Dmitri Tcherniakov zeigt an der Berliner Staatsoper Prokofjews Komödie „Die Verlobung im Kloster“

Eine Art Therapiesitzung: Szene aus Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Sergej Prokofjews „Die Verlobung im Kloster“ an der Staatsoper.

Eine Art Therapiesitzung: Szene aus Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Sergej Prokofjews „Die Verlobung im Kloster“ an der Staatsoper.

Foto: DAVIDS/Christina Kratsch

Wer diese selten gespielte Prokofjew-Oper an der Staatsoper Unter den Linden besuchen möchte, sollte unbedingt zwei Ratschläge annehmen. Diesmal ist es besser, sich einen Platz weit vorn zu leisten, denn auf der großen Bühne findet ein Kammerspiel mit vielen Darstellern statt. Die Komik der Neuinszenierung besteht darin, den Mimiken, schnellen Rollenwechseln, überhaupt dem Gewusel der Gruppendynamik zu folgen. Ansonsten verliert man schnell die Übersicht und Lust. Zweitens ist das vorherige Lesen des klassischen Opernführers überflüssig, es verwirrt eher, denn Regisseur Dmitri Tcherniakov verlegt „Die Verlobung im Kloster“ aus dem Sevilla des 18. Jahrhunderts in einen modernen Konferenzraum, wo sich die „Gemeinschaft anonymer Opern-Abhängiger“ trifft. Die Opernpremiere ist eine Art Therapie. Die Sitzung dauert mit Pause knapp dreieinhalb Stunden.

Der russische Regisseur zeigt etwas Selbstbefindliches

Warum sich der russische Regisseur, der zu den Großen seiner Zunft gehört und bei dem es meist gesellschaftspolitisch tiefschürfend zugeht, dieser lyrisch-komischen Oper zuwendet, bleibt ein Geheimnis. Das der Karnevalskomödie zu Grunde liegende Modell, wonach ein alter reicher Mann eine junge Frau heiraten will, das eigentliche Liebespaar dann mit Hilfe einer Vertreterin des „Dritten Standes“, viel Verkleidung und Verwechslung am Ende zusammenfindet, scheint Tcherniakov zu langweilen. Sein Humor offenbart eher Selbstbefindliches: Es geht um Menschen, die außerhalb der Oper kein Leben haben.

Die Gewinner, die sich aus der Opern-Abhängigkeit befreit haben, werden in einem Filmeinspieler vorgestellt. Sie berichten davon, wie schön es ist, unabhängig von Opernspielplänen zu leben, zu reisen, zu kochen, zu backen, mit den Kindern Mensch-ärgere-Dich-nicht zu spielen. Ein Mitglied des Förderkreises der Staatsoper, der selber in der Premiere sitzt, berichtet im Film mit ernster Miene von seiner Abnabelung. Die Inszenierung ist auch ein Insidergag.

Jeder Teilnehmer offenbart in der Sitzung seine Macke

Tcherniakov, der sein eigener Bühnenbildner ist, hat sich viele bewegliche Staatsopernsitze in einen hellen Konferenz- oder auch Probenraum stellen lassen. Hier findet das Coaching statt, auf einer Tafel steht das Thema: „Wir erfinden eine Oper“. Jeder Anwesende hat seine Rolle und den die Handlung voran treibenden Konflikt zu finden. Der Regisseur weiß natürlich, dass in jeder guten Komödie die Typen fürs Publikum sorgfältig eingeführt werden müssen. Tchnerniakov legt noch eins drauf. Die Sänger werden mit ihrem realen Vornamen eingeblendet und mit ihren Macken vorgestellt. Aida (Garifullina) war in Jonas Kaufmann verliebt und versucht sich zu lösen. Es ist klar, dass sie sich als Luisa auf den Tenor Antonio stürzt. Der Bogdan (Volkov) hat das Problem, der gealterten Diva Violeta (Urmana) hinterher zu rennen, sie imitiert und ihre alten Kostüme aufkauft. Andrey (Zhilikhovsky) arbeitet an einer Hotelrezeption und wird in der Gruppe als Ferdinand seinen großen Traum ausleben. Und so trägt jeder Opernjunkie sein Päckchen.

Es ist eine Schar verführerischer Sängerdarsteller – selbst für verwöhnte Berliner Verhältnisse –, die die Staatsoper bei ihrer russischsprachigen Festtage-Premiere präsentiert. Aida Garifullina muss sich immerhin mit Anna Netrebko, die in jüngeren Jahren als Luisa verzauberte, vergleichen lassen. Man ahnt, dass jetzt ein neuer Star heranreift. Die temperamentvolle Luisa mit Rock, Bluse, Brille kann Aida Garifullina mit ihrem wunderbar leicht und klar geführten Sopran untersetzen. Gemeinsam mit dem schüchternen Antonio, dem Bogdan Volkov seinen sinnlich-schlanken Tenor leiht, gelingen die anrührendsten Momente der Aufführung.

Barenboim dirigiert das exquisit Lyrische der Partitur

Anna Goryachova ist mit ihrem farbenvollen, strahlenden Mezzosopran als Clara neben der brodelnden Violetta Urmana als Duenna die Urgewalt unter den Junkies. Nach einer aufdringlichen Kuschelei mit Ferdinand, der sich ständig die Hose hochzieht, will Clara ins Kloster. Andrey Zhilikhovsky singt den Ferdinand mit dunkler Baritonkraft. In der Rolle des Vaters Jerome gefällt Stephan Rügamer als tenoraler Spielmacher. Goran Juric singt den Mendoza. Daniel Barenboim betont am Pult der Staatskapelle zuerst das exquisit Lyrische der Partitur und verhilft den Sängern in der wilden Sitzung zum Schöngesang. Die Musik atmet Warmherzigkeit.

Dichter an Prokofjew heran rückt Tcherniakov, der die russische Melancholie mit dem grotesken Willen, sich besser zu erschießen, verbindet. Die Gruppendynamik führt zur Sauferei und Prügelei. Die Trauungen der Paare sind schnell abgehandelt. Eine Einblendung verkündet das Ende der Vorstellung. Das Publikum applaudiert. Aber es wird ein „Alternatives Finale geträumt von Don Jerome“ angekündigt. Der Vorhang öffnet sich und eine große bunte Gruppe von Opernfiguren, ob Papageno, Othello, Aida, Madama Butterfly oder die Königin der Nacht, füllt den Raum. Die Sitzung endet in einem wunderbar ausgelassenen Finale. Der Schlussbeifall für die Künstler ist fröhlich, der Regisseur muss auch einige Buhs einstecken.