Philharmonie

Mitsuko Uchida spielt mit trockenem Humor

Spätes Debüt: Die 70-jährige Pianistin Mitsuko Uchida spielt ein überraschendes Konzert beim Deutschen Symphonie-Orchester in Berlin.

Pianistin Mitsuko Uchida

Pianistin Mitsuko Uchida

Foto: Decca/Marco Borggreve

Was für ein spätes, überraschendes Debüt: die 70-jährige Pianistin Mitsuko Uchida, erstmals an der Seite des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO). Ausgerechnet Mitsuko Uchida, die in Berlin schon seit Jahrzehnten präsent ist. Nicht nur mit Solo-Abenden im Kammermusiksaal, sondern auch mit Klavierkonzerten bei den Berliner Philharmoniker – dank guter Kontakte zu ihrem Landsmann Sir Simon Rattle. Und Rattle scheint nach wie vor einigen Einfluss in Berlin zu haben. Sein ehemaliger Schüler Robin Ticciati steht jetzt an der Spitze des DSO, ebenfalls ein Brite und mit ganz ähnlichen Kontakten wie Rattle ausgestattet.

Überraschend ist die Wahl von Ravels G-Dur-Klavierkonzert

Anders formuliert: So überraschend kommt Uchidas Auftritt in der Philharmonie dann doch nicht. Jedenfalls nicht so überraschend wie Ravels G-Dur-Klavierkonzert, das sie nun spielt. Mozart, Schubert und Beethoven sind nämlich die Komponisten, die man mit Uchida verbindet. Doch Uchidas Repertoire ist in Wirklichkeit viel größer – Schumann und Debussy gehören ebenso dazu wie Ravel, Schönberg und sogar Messiaen.

Auffällig jetzt in Ravels G-Dur-Klavierkonzert: Uchidas sachlicher Tonfall in den Außensätzen, die nüchterne Frische, der trockene Humor. Und zugleich ihre tiefe familiäre Verbundenheit mit der Partitur. Ticciatis höfliche Zurückhaltung ist dabei vor allem im langsamen Mittelsatz zu spüren. Und das nicht ohne musikalische Abstriche: Dort nämlich wo das Orchester eigentlich führen müsste, machen sich zuweilen Unsicherheiten in Balance, Tempowahl und Zusammenspiel bemerkbar.

Leider spielt sie nur eine ihrer Standard-Zugaben

Schade, dass Uchida trotz großer Publikumsbemühungen nur eine ihrer Standard-Zugaben herausrücken möchte: Schönbergs op. 19 Nr. 2, ein feinsinniger Neuntakter von wenigen Sekunden Länge – und vorwiegend im Pianissimo geflüstert. Andererseits stimmt gerade dieses Schönberg-Stückchen auf den Höhepunkt des Abends ein. Und damit ist keineswegs Sir Harrison Birtwistle gemeint und sein sperriger, depressiv dahinkriechender „Night’s Black Bird“ von 2004 unmittelbar nach der Pause. Auch nicht Wagners „Tristan“-Vorspiel mit angefügtem „Liebestod“ am Schluss des Konzerts. Denn irgendwie scheint den Musikern hier nicht nur der Farbzauber zu fehlen. Sondern auch jene untergründigen Triebkräfte, die bei Richard Strauss‘ „Don Juan“ zu Beginn des Konzerts durchaus noch zu fühlen waren.

Und so bleiben nur noch die Sechs Orchesterstücke op. 6 des Schönberg-Schülers Anton Webern übrig. Doch die wiederum gelingen Ticciati berührend wahrhaftig und ehrlich. Und zugleich so erhebend, dass man dem DSO gern so einiges verzeiht an diesem Abend – auch die beliebig wirkende Programmgestaltung.