Theater

Wenn die Liebe wieder Schwung bekommt

Ein Roman Falladas ist Vorlage für ein Stück über die Widerstandskämpfer Anna und Otto Quangel im Potsdamer Hans Otto Theater.

Engagieren sich - das Ehepaar Quangel: Jon-Kaare Koppe und Katja Zinsmeister

Engagieren sich - das Ehepaar Quangel: Jon-Kaare Koppe und Katja Zinsmeister

Foto: thomas m. jauK

Im Mietshaus in der Jablonskistraße Nummer 55 hat der Krieg zugeschlagen: Oben, im vierten Stock, sitzt ängstlich die alte Jüdin Frau Rosenthal. Auf dem Boden neben ihr die gepackten Koffer. Ihren Mann Siegfried haben sie neulich schon abgeholt und nach Moabit gebracht. Im Haus wohnt auch der pensionierte Kammergerichtsrat Fromm. Er versteckt Frau Rosenthal. Der schmierige Denunziant und Ganove Barkhausen, ebenfalls ein Nachbar, klaut derweil die Reste aus Frau Rosenthals Wohnung. Frau Rosenthal wird sich später aus dem Fenster stürzen. Die Briefträgerin Eva Kluge bringt dem Ehepaar Quangel, das unten am Küchentisch sitzt, einen Feldpostbrief. In dem steht, dass ihr Sohn im Krieg gefallen ist.

Wirkungsvoll: Auf der Bühne steht ein kreisendes Haus

Es gibt in der Jablonskistraße im Prenzlauer Berg gar keine Nummer 55, die Straße ist zu kurz, die Zählung geht nur bis 39. Trotzdem steht das Haus jetzt in Potsdam auf der Bühne, denn in Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“, den Regisseurin Annette Pullen für das Hans Otto Theater in Szene gesetzt hat, konzentriert sich in diesem Haus die Brutalität, die Banalität und die Gefahr der moralischen Verführbarkeit, die der Krieg so mit sich bringt.

Als grob gezimmerter, mehrstöckiger Bau kreist es auf der Drehbühne. Bühnenbildnerin Iris Kraft hat damit ein großartiges, starkes Zentrum für den gut dreistündigen Abend geschaffen. Man sieht Stiegen und Geländer, es gibt Fluchten, Vorsprünge und Einlassungen. Immer wieder schleicht jemand um eine Ecke, huscht in eine Nische oder observiert die anderen.

So werden wir als Zuschauer Zeugen wie im Kosmos der kleinen Leute, den Fallada in seinem 1947 erstmals erschienenen Roman skizziert. Sie sehen wie Niedertracht und Korrumpierbarkeit gedeihen, wie sich Argwohn und Misstrauen einmieten in diese Hausgemeinschaft, wie manche plündern, andere schweigen und einige aktiv werden, einfach weil sie nicht anders können. So wie das Ehepaar Quangel.

Es ist vor allem ihre Geschichte, die Fallada erzählt. Im Gegensatz zum Haus Nummer 55 hat es Anna und Otto Quangel tatsächlich gegeben. Sie hießen nur anders, nämlich Otto und Elise Hampel. Das Ehepaar, das Vorbild für den Roman war, lebte im Wedding und legte zwischen 1940 und 1942 in Berlin heimlich Postkarten mit antifaschistischen, systemkritischen Botschaften aus. Der spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher machte Fallada auf den Fall aufmerksam und Fallada schrieb im Jahr 1946 mehr als 800 Manuskriptseiten in nur rund vier Wochen darüber.

Otto Quangel wird von der Gestapo gefasst

Kurz danach, im Februar 1947, starb der Morphinist und Alkoholiker Fallada mit nur 53 Jahren an Herzversagen. Der Roman ist ein sehr später Bestseller geworden, erst 2009 wurde er erstmal ins Englische übersetzt, im Jahr 2011 brachte der Aufbau Verlag eine neue ungekürzte Fassung auf den Markt.

In Potsdam spielen Jon-Kaare Koppe und Katja Zinsmeister das Ehepaar Quangel. Sie machen das toll, einfache Leute sind sie, ein bisschen blässlich auf den ersten Blick, nach 30 gemeinsamen Jahren haben sie sich nicht mehr allzu viel zu sagen. Aber wie sie aufblühen als der Plan, ausgelöst vom Tod des Sohnes, erstmal gefasst ist, wie auch ihre Liebe dadurch neuen Schwung erhält, das entwickeln Jon-Kaare Koppe und Katja Zinsmeister sehr differenziert und berührend aus ihren Figuren heraus.

Ein ebenso feines Spiel gelingt Arne Lenk, der seinem Kommissar Escherich beeindruckende Tiefe spendiert. Irgendwann geht nämlich doch etwas schief und Otto Quangel wird von der Gestapo gefasst, landet im Büro des Kommissars. Der hat an seiner Wand eine Karte Berlins hängen.

Exakt 267 kleine rote Fähnchen stecken darin, eins für jede Postkarte, die gefunden und abgegeben wurden. Otto Quangels stille Hoffnung, dass seine Botschaften vom einen zum anderen weitergereicht werden und so ihre Wirkung entfalten, hat sich nicht erfüllt, nur 18 seiner Karten wurden nicht abgegeben.

Ausgerechnet Escherich kommt dadurch zur Besinnung und zu der Erkenntnis: „Ich bin feige, ich bin nicht mutig wie Otto Quangel“, resümiert er und erschießt sich. Ein sehr geradlinig erzählter Abend über den Widerstand kleiner Leute und die Frage nach moralischer Aufrichtigkeit in düsteren Zeiten ist Annette Pullen da gelungen. Gemeinsam mit Christopher Hanf hat sie das opulente Werk bemerkenswert effektiv zusammengekürzt, ohne dass wesentliche Handlungsstränge verloren gingen. Die Darsteller wechseln zwischen Dialog- und Erzählmodus, spielen fast alle mehrere Rollen und treiben die Handlung voran in diesem Kabinett aus Ganoven, Nazi-Granden und Kleinbürgern.

Überflüssig sind ein paar Knallchargennummern, die sich in den Abend verirrt haben, die völlig überdrehte Gattin des Obersturmbannführers zum Beispiel. Ganz vorne an der Rampe vor dem jetzt heruntergefahrenen Eisernen Vorhang sitzen Otto und Anna Quangel nun allein auf zwei schlichten Schemeln und resümieren ruhig und gefasst die letzten Stunden ihres Lebens.