Horváth-Klassiker

Ein Berg voller Erwartungen - „Jugend ohne Gott“ im Gorki

Nurkan Erpulat holt am Maxim Gorki Theater Horváths Roman-Klassiker „Jugend ohne Gott“ in die Gegenwart.

“Jugend ohne Gott“ am Maxim Gorki-Theater

“Jugend ohne Gott“ am Maxim Gorki-Theater

Foto: Gorki / Ute Langkafel MAIFOTo

Berlin.  Es sind die Erwartungen der ökobürgerlichen Mittelschicht, die Helena Simon an der Rampe formuliert: Von den vermeintlich kleinen Dingen wie Mülltrennung und Verzicht auf den Kauf von eingeschweißtem Gemüse. Von den größeren wie einem hohen Bildungsabschluss, einer eigenen Meinung und einem qualifizierten Beitrag zum Leben aller. Klar, dass ihre Generation auch die Klima- und Nachhaltigkeitsfragen lösen soll. Natürlich friedlich und unter Rücksichtnahme auf Arbeitsplätze. Wenn B., die Schüler in diesem Stück tragen ihre namensgebenden Buchstaben gelegentlich in der Hand, diesen Überforderungsberg formuliert, denkt man an die freitäglichen Klimademonstrationen, an Greta T. Mal eben die Welt retten, aber bitte friedlich.

Stoff konsequent in die Gegenwart geholt

In Ödön von Horváths 1937 erschienenem Roman „Jugend ohne Gott“ geht es weniger um Ökologie, sondern um die neue Gesellschaft, um Moral. Hauptfigur ist ein junger Geschichtslehrer, der den Alltag im Dritten Reich schildert. Er verhält sich systemkonform, will seinen Beamtenstatus nicht gefährden. Bei der Korrektur der Schüleraufsätze über Kolonien erlaubt er sich aus Gewissensgründen dann doch die Bemerkung, dass auch „Neger“ Menschen seien. Die Schüler verlangen einen anderen Lehrer, der Direktor lehnt ab. Das Verhältnis zwischen dem Pädagogen und seiner Klasse ist vergiftet. Ein Schüler stirbt.

Regisseur Nurkan Erpulat hat sich am Maxim Gorki Theater gemeinsam mit seinem jungen Ensemble mit Motiven dieses modernen Klassikers auseinandergesetzt und den Stoff konsequent in die Gegenwart geholt. Dabei die Handlungsstränge des Romans und leider auch den reflektierenden Überbau arg reduziert. Als Grundlage dient die Bühnenfassung von Tina Müller, die dafür intensiv an Schulen recherchiert hat. Und das macht ein bisschen das Problem des Abends aus: Wenn Tiffany Köberich als N die AfD-Parolen ihres Vaters im Unterricht wiederholt, dann wird deutlich, dass die Gleichsetzung mit der Nazi-Ideologie eine allzu schlichte Lösung ist.

Leider fehlt der Flow

Während Horváth aus Sicht des Lehrers erzählt, steht im Gorki die Perspektive der Schüler im Mittelpunkt. Es geht um Gruppendynamik und Rangordnungen, um Machtspiele und Vertrauensbrüche. Und ums Begehren. Z (Felix Kammerer) verliebt sich während eines schulischen Feriencamps, im Roman ist es ein paramilitärisches Lager, in ein Mädchen, das im Wald lebt. Es heißt ausgerechnet Eva (Lara Feith gibt die Geheimnisvolle), und später taucht auch noch ein Adam auf. Zu dieser Art der Überhöhung passt, dass der Offizier, der sich um die Schülergruppe kümmert und eine Kiste mit Paintball-Gewehren mitgebracht hat, 120 Jahre alt ist und schon alle drei Weltkriege mitgemacht hat. Aber für den Tod des Schülers, archaisch mit einem Stein erschlagen, fehlt schlichtweg die Fallhöhe.

Bühnenbildnerin Alissa Kolbusch hat eine Art Halfpipe fürs Gorki gebaut. Das spielfreudige Ensemble, darunter Yusuf Celik, Eren Kavukoglu, Theo Trebs und Denis Geyersbach als Lehrer und an der Videokamera, nutzt die Schrägen für vielfältige Aufgänge und Abrutsche, die Choreographie stammt von Modjgan Hashemian. Ein bisschen erinnert die Inszenierung an die „Mirna“-Abende von Sebastian Nübling, nur dass bei der „Jugend“ der Flow fehlt. Der knapp zweistündige Abend zieht sich etwas hin.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Termin: 26. April, Kartentel.: 20 221-115.